Stadler: Worte – Gedanken zu einem Gedicht

Worte

Man hatte uns Worte vorgesprochen,

die von nackter Schönheit und Ahnung

und zitterndem Verlangen übergiengen.

Wir nahmen sie, behutsam wie fremdländische Blumen,

die wir in unsrer Knabenheimlichkeit aufhiengen.

Sie versprachen Sturm und Abenteuer,

Überschwang und Gefahren und todgeweihte Schwüre –

Tag um Tag standen wir und warteten,

daß ihr Abenteuer uns entführe.

Aber Wochen liefen kahl und spurlos,

und nichts wollte sich melden, unsre Leere fortzutragen.

Und langsam begannen die bunten Worte zu entblättern.

Wir lernten sie ohne Herzklopfen sagen.

Und die noch farbig waren, hatten sich von Alltag

und allem Erdwohnen geschieden:

Sie lebten irgendwo verzaubert auf paradiesischen Inseln

in einem märchenblauen Frieden.

Wir wußten:

sie waren unerreichbar wie die weißen Wolken,

die sich über unserm Knabenhimmel vereinten,

Aber an manchen Abenden geschah es,

daß wir heimlich und sehnsüchtig

ihrer verhallenden Musik nachweinten.

[Dies ist die Textgestalt nach zeno.org; es gibt eine andere Textgestalt in „Die Aktion“: https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1913_stadler.html]

Dieses Gedicht Stadlers, erstmals gedruckt in „Die Aktion“ am 23. August 1913 (Nr. 34/1913), ist das Gedicht eines noch jungen Mannes, der über seine Pubertät hinaus gereift ist. Er berichtet von der Verführung der Jugendlichen durch die großen Worte – von einer Verführung, der der Sprecher auch erlegen ist („Wir“, V. 4; „uns“, V. 1, usw.):

„Sie versprachen Sturm und Abenteuer,

Überschwang und Gefahren und todgeweihte Schwüre“ (V. 6 f.) –

ich erinnere mich, dass man auch uns ähnliche Worte vorgesprochen hat:

„Lass mich stehen, mein Gott, wo die Stürme wehen,

und schone mich nicht!

Das Kind wird vergehen, der Mann wird bestehen,

behüte mich nicht!“

Der Jesuit Erich Romerskirch hat dieses Gedicht (Der goldene Wagen – Lieder der Jugend, Ravensburg 1957) verbrochen, Alfonso Pereira S.J. hat (neben anderen) es in seinem Gebetbuch „Jugend vor Gott“ (1957) verbreitet.

„Tag um Tag standen wir…“ (V. 8),

„Aber Wochen liefen kahl und spurlos,

und nichts wollte sich melden…“ (V. 10 f.).

Der Sprecher in Stadlers Gedicht hat noch Glück gehabt:

„Und langsam begannen die bunten Worte zu entblättern.

Wir lernten sie ohne Herzklopfen sagen.“ (V. 12 f.)

Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich mich traute, den Verdacht, dass die großen Worte hohl waren, in meinem Leben zu ratifizieren: die Worte von der Erlösung, von der großen Bruderschaft, von selbstlosem Dienen und dem freimütigen Sprechen – selber farbig, aber nichts bezeichnend, jedenfalls von allem Erdwohnen geschieden. Sie lebten nicht einmal „auf paradiesischen Inseln“, sondern nur in den Sprachhülsen heiliger Bücher und verführerischer Priester.

Auch als wir längst ahnten und beinahe wussten, dass sie nur Schall und Rauch waren, geschah es,

„daß wir heimlich und sehnsüchtig

ihrer verhallenden Musik nachweinten.“

Erwachsen werden hieß und heißt: in intellektueller Redlichkeit dieser Sehnsucht entsagen, sich vom verführerischen Zauber jener „Berufung“ loszusagen, die dem Leben den großen Sinn gibt und den Berufenen über die Masse der Trottel hinaushebt.

Die Burschen (und Mädchen), die nach Syrien aufbrechen, um mit dem IS in einen heiligen Krieg zu ziehen, erliegen heute dem Zauber der farbigen Worte, die versprechen, ins große Abenteuer des Lebens zu entführen. Wie und wann werden diese Burschen merken, dass sie bloß verführerischen Worten erlegen waren? Sie haben ja nicht gewartet; sie sind aufgebrochen wie ich, allerdings in ein Gelobtes Land, zu dem der Weg mit Blut gezeichnet ist. Sie wissen noch nicht (oder doch einige bereits?), dass die großen Worte „unerreichbar wie die weißen Wolken“ sind. Ihr Knabenhimmel wird von heiligen Schriften gestützt, an deren wissenschaftliche Entzifferung sie sich nicht trauen.

„Erwachsen ist eine Person, die materiell, emotional und mental ganz und gar auf eignen Beinen steht. Das bedeutet, diese Person hat Stabilität in sich selbst gefunden, ihren Platz in der Welt, kann für sich selbst in jeder Hinsicht sorgen, hat emotionale Abhängigkeitsmuster abgelegt, zu einem gesunden Selbstwert gefunden, kann Grenzen setzen und akzeptieren, ist in ihrer Kraft, kann entscheiden und mit den Konsequenzen umgehen, kann Kompromisse schließen, kann sich tief ausdrücken, kann nahe und intime Beziehungen führen.“ (sein)

Ernst Stadler hat ein Gedicht geschrieben, in dem auf die Jugendzeit und ihre Verführungen zurückgeblickt wird. Verstehen kann das nur, wer seinen Blick teilt. Ernst Stadler sagt nicht, wie die großen Worte heißen – das muss jede Jugend selbst für sich entdecken. Vgl. auch Stadlers Gedicht „Metamorphosen“ und das Gedicht vom Erwachsensein, „Ende“; wenn man es recht liest, ist auch das Gedicht „Puppen“ ein Gedicht über die Sehnsuchtswelt, die eben bloß eine Welt der Puppen ist.

Ernst Stadler, am 11. August 1883 in Colmar geboren, Literaturwissenschaftler, in seiner Jugend Dichter im neuromantisch-symbolistischen Stil, der sich dann in expressionistischer Sprache ausdrückte, fiel als Soldat am 30. Oktober 1914 vor Ypern, vor 100 Jahren. Den Dichter Stadler und die besten seiner Gedichte sollten wir nicht vergessen.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Biographie (E. Stadler)

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Stadler (E. Stadler)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte (Stadler: Gedichte)

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/JUGENDALTER/Adoleszenz-Erwachsen.shtml (Von der Adoleszenz ins Erwachsenenalter)

http://www.psychology48.com/deu/d/adoleszenz/adoleszenz.htm (Adolszenz)

http://www.albertusmagnus-archiv.de/erwachs.htm (Erwachsensein)

https://www.youtube.com/watch?v=JFXT62QF-6s Peter Maffay: Ich wollte nie erwachsen sein

Ich stelle fest, dass man zu „Adoleszenz“ tausend Beiträge findet, aber kaum etwas zu „erwachsen sein“ – man muss zusätzlich das Stichwort „Entwicklungspsychologie“ eingeben, dann findet man v.a. wissenschaftliche Literatur:

https://www.psychologie.uni-freiburg.de/studium.lehre/bachelor.of.science/skripte/frueheresem.html/vorlesung-entwicklungspsychologie/vl_ep11_identitaet.pdf (Identitätsentwicklung)

http://www.i4.psychologie.uni-wuerzburg.de/fileadmin/06020400/user_upload/Nieding/Kindheit_und_Jugendalter/Jugendalter_und_Identitaet.pdf (Jugendalter und Identität)

https://www.uni-hildesheim.de/media/ub/Wissenschaft_im_Studium_Band_2_1_.pdf (Identitätsentwicklung im Jugendalter)

http://www.f01.fh-koeln.de/imperia/md/content/personen/k.misek_schneider/ewp_ii_ (Entwicklungspsychologie II)

http://www.psy.lmu.de/epp/studium_lehre/lehrmaterialien/lehrmaterial_ss10/wintersemester1011/lehrmat_sodian/einf_entwspsycho/bsc_nfws1011_11.pdf (Entwicklungspsychologie der Adoleszenz)

http://www.students.uni-marburg.de/~Nauj/downloads/02.%20Semester/ewp1/montada/Kapitel_08_fr%C3%BChes%20Erwachsenenalter.doc (Entwicklungspsychologie: frühes Erwachsenenalter)

http://www.hsu-hh.de/download-1.5.1.php?brick_id=gNWJ4esFgMikvmQA (Entwicklungspsychologie, kurz)

http://www.uni-bielefeld.de/stud/fpsycho/downloads/Skripte/vorlesung_entwicklung_ws0809.pdf (Entwicklungspsychologie, ausführlich)

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