Brüder Grimm: Der Wolf und die sieben jungen Geißlein – überarbeitet

Der Text folgt der 1. Fassung, 1812, ist aber für heutige Kinder sprachlich leicht überarbeitet.

 

Eine Geiß hatte sieben Junge, die sie sehr lieb hatte und vor dem Wolf hütete. Eines Tages, als sie ausgehen musste, um Futter zu holen, rief sie alle zusammen und sagte: „Liebe Kinder, ich muss ausgehen und Futter holen; hütet euch vor dem Wolf und laßt ihn nicht herein! Gebt acht, er verstellt sich oft; aber an seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Pfoten könnt ihr ihn erkennen.“ Darauf ging sie fort.

Bald aber kam der Wolf vor die Haustüre und rief: „Liebe Kinder, macht mir auf, ich bin eure Mutter und hab’ euch schöne Sachen mitgebracht.“ Die sieben Geißlein aber sprachen: „Unsere Mutter bist du nicht, die hat eine feine liebliche Stimme; deine Stimme aber ist rau, du bist der Wolf, wir machen dir nicht auf.“ Der Wolf ging fort und kaufte sich ein großes Stück Kreide, die aß er und machte seine Stimme fein damit. Danach ging er wieder zu den sieben Geißlein und rief mit feiner Stimme: „Liebe Kinder, lasst mich ein, ich bin eure Mutter; jedes von euch soll etwas bekommen.“ Er hatte aber seine Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die Geißlein und sprachen: „Unsere Mutter bist du nicht, die hat keinen schwarzen Fuß wie du; du bist der Wolf, wir machen dir nicht auf.“ Da ging der Wolf fort zu einem Bäcker und sprach: „Bäcker, bestreich’ mir meine Pfote mit frischem Teig,“ und als das getan war, ging er zum Müller und sprach: „Müller, streu’ mir weißes Mehl auf meine Pfote.“ Der Müller sagte nein. „Wenn du es nicht tust, so fress’ ich dich.“ Da musste es der Müller tun.

Darauf ging der Wolf wieder zum Haus der sieben Geißlein und sagte: „Liebe Kinder, lasst mich ein, ich bin eure Mutter; jedes von euch soll etwas geschenkt bekommen.“ Die sieben Geißlein wollten erst die Pfote sehen, und wie sie sahen, dass sie schneeweiß war, und den Wolf so fein sprechen hörten, glaubten sie, es wäre ihre Mutter, und machten die Türe auf, und der Wolf kam herein. Wie sie ihn aber erkannten, versteckten sie sich geschwind, so gut es ging – das eine unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter eine große Schüssel und das siebte in die Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und verschluckte sie, außer dem jüngsten in der Wanduhr; das blieb am Leben.

Wie der Wolf seinen Bauch voll hatte, ging er fort; bald darauf kam die alte Geiß nach Haus. Was für ein Jammer! der Wolf war da gewesen und hatte ihre lieben Kinder gefressen. Sie glaubte, sie wären alle tot; da sprang das jüngste aus der Wanduhr und erzählte, wie das Unglück gekommen war.

Der Wolf aber, weil er sich vollgefressen hatte, war auf eine grüne Wiese gegangen, hatte sich in den Sonnenschein gelegt und war in Schlaf gefallen. Die alte Geiß dachte daran, ob sie ihre Kinder nicht noch retten könnte, sagte darum zu dem jüngsten Geißlein: „Nimm Zwirn, Nadel und Schere und folg’ mir.“ Darauf ging sie hinaus und fand den Wolf schnarchend auf der Wiese liegen: „Da liegt der böse Wolf“, sagte sie und betrachtete ihn von allen Seiten, „gib mir einmal die Schere her!“ Damit schnitt sie ihm den Bauch auf, und die sechs Geißlein, die er in seiner Gier ganz verschluckt hatte, sprangen unversehrt heraus. Sie schickte sie gleich los, sie sollten große Wackersteine herbeitragen; damit füllten sie dem Wolf den Leib, nähten ihn wieder zu, liefen fort und versteckten sich hinter einer Hecke.

Als der Wolf ausgeschlafen hatte, so fühlte er es so schwer im Leib und sprach: „Es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum! Es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum! Was ist das? Ich hab’ doch nur sechs Geißlein gegessen.“ Er dachte, er sollte einen frischen Trunk tun, das möchte ihm helfen; deshalb suchte er einen Brunnen auf, aber wie er sich darüber bückte, konnte er sich wegen der schweren Steine nicht mehr halten und stürzte ins Wasser. Wie das die sieben Geißlein sahen, kamen sie hinzugelaufen und tanzten vor Freude um den Brunnen.

 

Bilder alter Wanduhren

http://3.static-hood.de/img1/big/1739/17395193.jpg

http://www.uhrenhanse.de/sammlerecke/regionale/oldenburger_land/vechta/Kaewer6_WEB.JPG (Standuhr, ähnlich)

Wolf

https://secure.defenders.org/ac/img/animals/Wolf/Wolf.jpg

http://www.vantagepointimages.com/uploads/processed/1015/1004040809061wolf-running-059-w.jpg

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s