Brüder Grimm: Frau Holle – überarbeitet

Der Text folgt der 1. Fassung, 1812, und ist für heutige Kinder sprachlich leicht überarbeitet.

Frau Holle.

 

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und war die Dienerin im Haus. Einmal war das Mädchen zum Brunnen gegangen, um Wasser zu holen; wie es sich bückte, um den Eimer hochzuziehen, bückte es sich zu tief und fiel hinein. Und als es erwachte und wieder zu sich kam, war es auf einer schönen Wiese, da schien die Sonne und waren viel’ tausend Blumen. Auf der Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: „Ach! zieh’ mich ’raus, zieh’ mich ’raus, sonst verbrenn’ ich, ich bin schon längst ausgebacken!“ Da trat es fleißig herzu und holte alles heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel und rief ihm zu: „Ach! schüttel’ mich! schüttel’ mich! Wir Äpfel sind alle reif!“ Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, solange bis keiner mehr oben war; danach ging es wieder fort. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau; weil sie aber so große Zähne hatte, wurde ihm angst und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: „Fürcht’ dich nicht, liebes Kind, bleib’ bei mir; wenn du alle Arbeit im Haus ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn: Nur musst du recht darauf Acht geben, dass du mein Bett gut machst, und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“ Weil die Alte so gut sprach, willigte das Mädchen ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles zu ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf; dafür hatte es auch ein gutes Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Fleisch zu essen. – Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da wurde es traurig in seinem Herzen, und ob es hier gleich viel tausendmal besser war als zu Hause, so hatte es doch ein Verlangen dahin; endlich sagte es zu ihr: „Ich habe Heimweh gekriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier geht, so kann ich doch nicht länger bleiben.“ Die Frau Holle sagte: „Du hast recht, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“ Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das wurde aufgetan, und wie das Mädchen darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist“, sprach die Frau Holle. Darauf wurde das Tor verschlossen und es war oben auf der Welt; da ging es heim zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, wurde es gut aufgenommen.

Als die Mutter hörte, wie es zu dem Reichtum gekommen, wollte sie ihrer hässlichen und faulen Tochter gern dasselbe Glück verschaffen, und die musste sich auch in den Brunnen stürzen. Sie erwachte wie die andere auf der schönen Wiese und ging auf demselben Pfad weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: „Ach! zieh mich ’raus, zieh mich ’raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken!“ Die Faule aber antwortete: „Da hätt’ ich Lust, mich schmutzig zu machen!“, und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: „Ach! schüttel mich! schüttel mich! Wir Äpfel sind alle mit einander reif.“ Sie antwortete aber: „Du kommst mir recht, es könnt mir einer auf den Kopf fallen!“, und ging weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und ließ sich gleich von ihr einstellen. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an und war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte; denn sie dachte an das viele Gold, dass sie ihr schenken würde. Am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht aufstehen; sie machte auch der Frau Holle das Bett schlecht und schüttelte es nicht richtig, dass die Federn aufflogen. Das war die Frau Holle bald leid und kündigte der Faulen den Dienst auf. Die war damit wohl zufrieden und meinte, nun werde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch hin zu dem Tor, als sie aber darunter stand, wurde statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu. Da kam die Faule heim, ganz mit Pech bedeckt, und das hat ihr Lebtag nicht wieder abgehen wollen.

 

Brunnen

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Federbett (mit Daunen gefüllt)

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