Brüder Grimm: Rumpelstilzchen – überarbeitet

Der Text folgt der 1. Fassung, 1812, ist aber für heutige Kinder sprachlich leicht überarbeitet.

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Und es ergab sich sich, dass er mit dem König ins Gespräch kam und ihm sagte: „Ich habe eine Tochter, die kennt die Kunst, Stroh in Gold zu verwandeln.“ Da ließ der König die Müllerstochter sogleich kommen und befahl ihr, eine ganze Kammer voll Stroh in einer Nacht in Gold zu verwandeln, und könnte sie es nicht, so müsse sie sterben. Sie wurde in die Kammer eingesperrt, saß da und weinte; denn sie wusste natürlich nicht, wie das Stroh zu Gold werden sollte. Da trat auf einmal ein kleines Männchen zu ihr, das sprach: „Was gibst du mir, damit ich alles Stroh zu Gold mache?“ Sie tat ihr Halsband ab und gab’s dem Männchen, und dieses tat, wie es versprochen hatte. Am andern Morgen fand der König die ganze Kammer voll Gold; aber sein Herz wurde dadurch nur noch gieriger, und er ließ die Müllerstochter in eine andere, noch größere Kammer voll Stroh stecken, das sollte sie auch zu Gold machen. Und das Männlein kam wieder; sie gab ihm ihren Ring von der Hand, und alles Stroh wurde wieder zu Gold. Der König aber ordnete an, sie die nächste Nacht wieder in eine Kammer zu sperren; die war noch größer als die beiden ersten und ganz voll Stroh, „und wenn dir das auch gelingt, sollst du meine Frau werden“, sprach er. Da kam das Männchen und sagte: „Ich will es noch einmal tun, aber du musst mir das erste Kind versprechen, das du mit dem König bekommst.“ Sie versprach es in der Not, und wie nun der König auch dieses Stroh in Gold verwandelt sah, nahm er die schöne Müllerstochter zur Frau.

Bald darauf bekam die Königin ein Baby; da trat das Männlein vor die Königin und forderte das ihm versprochene Kind. Die Königin aber flehte das Männchen an und bot ihm alle Reichtümer, wenn sie ihr Kind behalten dürfte; allein, alles war vergebens. Endlich sagte es: „In drei Tagen komm’ ich wieder und hole das Kind; wenn du aber dann meinen Namen weißt, sollst du das Kind behalten dürfen!“

Da überlegte die Königin den ersten und den zweiten Tag, was das Männchen wohl für einen Namen hätte; sie hatte aber keine Erleuchtung und wurde ganz betrübt. Am dritten Tag kam der König von der Jagd heim und erzählte ihr: „Ich bin vorgestern auf der Jagd gewesen, und als ich tief in den dunkelen Wald kam, stand da ein kleines Haus und vor dem Haus war ein gar zu komisches Männchen, das sprang auf einem Bein herum und schrie:

‚Heute back’ ich, morgen brau’ ich,
übermorgen hol’ ich der Frau Königin ihr Kind,
ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß’!’“

Wie die Königin das hörte, wurde sie ganz froh, und als das gefährliche Männchen kam, fragte es: „Frau Königin, wie heiß’ ich?“ – „Heißt du Conrad?“ – Nein. – „Heißt du Heinrich?“ – Nein. – „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt!“, schrie das Männchen, lief zornig fort und kam nie mehr wieder.

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