Ach, nur ein kleines Abenteuer – Erzählung für Kinder

Es war ein stürmischer Tag, als Koralla aus dem kleinen Bullauge ihrer Kajüte schaute. Draußen jagten die Wolken über den Himmel, und die Wellen schlugen hoch gegen das Schiff. Koralla lächelte. Sie liebte es, wenn der Wind das Schiff hin und her schaukeln ließ. Rasch zog sie den Piratenrock über ihren geringelten Schlafanzug und setzte sich das rosa Piratenkäppi auf. Dann kletterte sie über die Holzleiter an Deck.

»Hallo, Kapitänchen!«, rief Koralla und schlang ihrem Papa die Arme um den dicken Piratenbauch. Käpt’n Piet lachte. »Na, Kleene? Willst du wieder deine Nase in den Wind halten?« Er drehte sich zu Koralla um. Stirnrunzelnd zeigte er auf ihr rosa Käppi. »Setz doch um Neptuns willen dieses rosa Ding ab. Rosa ist keine Piratenfarbe!« Koralla lachte und zog ihr Käppi noch fester auf den Kopf. »Ach Papa, Piratinnen tragen so was halt! Ich weiß gar nicht, was du hast. Warum sollen Piraten denn kein Rosa mögen?«

Auf Käpt’n Piets Stirn bildete sich eine dicke Ärgerfalte. »Weil Rosa was für Angsthasen ist. Und für kleine, winzige Sachen. Und überhaupt – weil ich das sage. Ich bin ein gefürchteter Pirat, und siehst du irgendwo Rosa an mir? Nein!«

Koralla kicherte und warf ihm ein Kusshändchen zu. »Rosa Küsschen für dich!« Dann stellte sie sich an den Bug des Schiffes und hob den Kopf. Der Wind sauste um sie herum und wirbelte ihr die langen Haare um die Ohren. Wassertropfen spritzen ihr ins Gesicht. Koralla fing laut an zu singen: »Piratinnen sind die mutigsten Mädchen, Piratinnen sind einmalig schlau, Piratinnen gibt’s in jedem Städtchen …« Schwupp – in diesem Moment riss der Sturm ihr das rosa Käppi vom Kopf.

»He, Wind, gib das sofort zurück«, brüllte Koralla. »Aber auf der Stelle, sonst setzt es was!« Doch der Sturm heulte nur und peitschte die Wellen so kräftig gegen das Piratenschiff, dass es beinahe umkippte. »Glaubst du, ich habe Angst vor so einem kleinen Windchen?«, schrie Koralla. »Nein, ich nicht. Warte nur!« Sie kletterte auf die Reling, nahm Schwung und – wurde von ihrem Papa am Kragen auf das Schiff zurückgezogen.

»Koralla, beim Klabautermann, was soll denn der Unsinn?«, schimpfte Käpt’n Piet. »Wenn du ins Meer springst, können wir dich bei diesem Sturm niemals wieder herausfischen!« Korallas Augen funkelten. »Tut mir leid, Kapitänchen. Aber dieser blöde Wind …« Sie zappelte an Käpt’n Piets hoch erhobenem Arm und boxte kräftig in die Luft. Käpt’n Piet schüttelte lächelnd den Kopf. »Ist doch gut, wenn das rosa Ding weg ist«, meinte er. »Ich sagte doch schon, dass Piraten und Piratinnen keine rosa Sachen haben sollten, weil …« Plötzlich wurde er blass und ließ den Arm sinken. »Sieh nur, da, dada …«

Koralla befreite sich aus Käpt’n Piets Griff und stellte sich wieder an die Reling, um besser sehen zu können. Vor dem Schiff erhob sich etwas aus dem Meer. Etwas Großes, etwas sehr Großes. Es war lila und hatte überall rosa Tupfen. Zuerst sah es aus wie eine Insel, dann kamen an den Seiten Arme aus dem Wasser. »Ein Ungeheuer!«, flüsterte Käpt’n Piet.

Koralla zählte: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben … sieben Arme. Das ist bestimmt ein Krake! Auch wenn noch ein Arm fehlt …« Koralla freute sich. Noch nie hatte sie einen Riesenkraken gesehen. Und erst recht keinen lila-rosanen. Käpt’n Piet duckte sich hinter der Reling. »Der will uns bestimmt zum Frühstück knuspern«, sagte er mit zitternder Stimme.

»Ach Quatsch«, grinste Koralla. »Außerdem hast du gesagt, dass Rosa was für winzige, kleine Sachen ist. Vor so einem winzigen Kraken wirst du doch keine Angst haben?« Koralla winkte dem Kraken fröhlich. Und siehe da – der Krake winkte zurück! Mit eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht Armen.

Kapitän Piet plumpste auf seinen gefürchteten Piratenpo. »Hilfe!«, fiepte er leise.

»Schau mal, er hat doch acht Arme«, rief Koralla. Und dann jubelte sie; an der Spitze des achten Armes steckte ein kleines rosa Ding! »Mein Käppi! Er hat mein Käppi gefunden!«

Der Krake setzte sich das Käppi auf den großen Kopf – genau auf einen rosa Tupfen. »Das steht dir gut!«, schrie Koralla über die Wellen hinweg. Der Krake wackelte mit dem Kopf, dann nahm er das Käppi wieder ab und senkte seinen riesigen Arm langsam, ganz langsam zum Schiff hinab. Sachte ließ er das Käppi auf Korallas Kopf fallen. »Danke, lieber Krake!«, sagte Koralla. Sie zog das Käppi fest über die Haare und warf Handküsschen in die Luft: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Für jeden Arm eines.

Der Krake tauchte ab. Dabei entstand eine enorme Welle, die das ganze Schiff unter Wasser setzte. Dann war es still. Kein Wind, keine Wellen, kein Krake.

»Wa-wa-was war das?«, stotterte Käpt’n Piet. Koralla lachte. »Ach, nur ein kleines rosa Kraken-Abenteuer. Und jetzt hab’ ich Hunger.« Fröhlich lief sie am Kapitän vorbei, gab ihm ein kurzes Küsschen auf den dicken Bauch und hüpfte weiter in Richtung Kombüse. Dabei pfiff sie ein kleines Lied. Welches das war, möchtest du wissen? Natürlich das von den mutigen Piratenmädchen:

»Piratinnen sind die mutigsten Mädchen, Piratinnen sind einmalig schlau,

Piratinnen gibt’s in jedem Städtchen, schaut doch nur mal ganz genau!«

(aus http://www.familie.de/kind/maerchen-geschichten-576161.html)

Kajüte mit Bullaugen http://file1.npage.de/000846/07/bilder/kajuete_betten_2.jpg

Blick durch ein Bullauge http://www.magix.info/mcpool01/10/EC/99/56/B0/33/F1/11/DD/A2/94/D5/22/C3/D6/D8/B5/EC9C63F033F111DD90EB705DC3D6D8B5.jpg

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