Eine Sonnengeschichte für den Trauerkloß

Es regnet und regnet und regnet. Es regnet morgens und mittags und abends – es hat gestern schon geregnet und vorgestern und am Tag davor auch. „Dann wird´s morgen bestimmt auch regnen“, denkt der kleine Bär, trottet mit hängendem Kopf durch den Wald und versucht die Tropfen, die von seiner Nase langsam nach unten platschen, mit der Zunge aufzufangen.
„Wer weiß, ob es die Sonne überhaupt noch gibt“, brummt er. „Die Wolken nagen schon oben an den Bäumen herum, wahrscheinlich haben sie die Sonne längst aufgegessen.“ „Ach, kleiner Bär“, tröstet ihn der Dachs, „mach dir mal keine Sorgen. Die Sonne war immer da und sie wird auch immer bleiben, genau wie dein Freund, der Mond. Setz dich ein bisschen zu mir in die Höhle, dann erzähle ich dir eine Sonnengeschichte.“
„Das ist gut“, sagt der kleine Bär und schüttelt sich den Regen aus dem Pelz. „Bestimmt wird mir schön warm, wenn ich eine Sonnengeschichte höre.“ „Na, ja“, sagt der Dachs, „meine Sonnengeschichte ist eigentlich keine richtige Sonnengeschichte. Sie handelt von sieben schwarzen Raben, einem finsteren Tal mit schwarzen Bergen ringsherum, einer grauen Regenwolke und einem Trauerkloß, der dort unter der grauen Wolke in diesem Tal wohnt. Längst hat er vergessen, wie es war, an einem Vogelzwitschersonnentag in seinem Tal aufzuwachen, bevor die graue Wolke kam. ‚Vielleicht war sie ja schon immer da und ich habe die Sonne nur geträumt’, denkt er manchmal, und die Raben krächzen im Chor: ‚Genau, so ist es. Die Sonne ist nur ein greller Traum, der die Augen verdirbt und die ganze Laune.’
Der Trauerkloß weiß nicht so genau, ob die Raben recht haben. Meistens hört er gar nicht hin, wenn sie krächzen und schimpfen. Er bastelt lieber an seinen Maschinen herum, und wenn es nichts zu tüfteln gibt, erfindet er einfach eine neue. Überall im finsteren Tal stehen sie herum, seine Maschinen. Es gibt Windmühlen, die elektrisches Licht machen, Regenwassermühlen, die Radau machen, Dampfmaschinen, Rattermaschinen, dumpfe Dröhnmaschinen und schrille Quietschmaschinen. Mehrere Blinkmaschinen hat er auch erfunden, eine Kartoffelschälmaschine, eine Kartoffelstampfmaschine und eine Kartoffelkochmaschine. Der Trauerkloß tüftelt und erfindet den ganzen Tag und abends setzt er sich in seine Stube und wartet auf die Raben, die mit ihm essen und trinken und sagen, dass sie seine Freunde sind.
So geht es Tag für Tag und Jahr für Jahr. Die Sonne wäre in dieser Geschichte wohl nie vorgekommen, wenn nicht eines Tages ein kleiner gelber Vogel in das Tal gekommen wäre. Er kam nicht geflogen wie die Raben oder andere Vögel. Er fiel einfach eines Abends vom Himmel; ist wohl eingeschlafen auf der langen Reise in den Süden, weil er noch klein war und weil es seine erste große Reise war mit den anderen gelben Vögeln. Jedes Jahr, wenn die Tage kürzer und kälter werden, brechen sie auf, um die Sonne zu suchen. Deshalb nennt man sie Sonnenvögel. Sie fliegen so lange, bis sie ein warmes Plätzchen gefunden haben auf einer Insel im Süden, die Honolulu heißt – oder Sansibar oder noch anders.
,Du schaffst das schon’, haben die großen gelben Vögel am Morgen zu dem Kleinen gesagt. Und der hat den ganzen Tag seine Flügel rauf und runter bewegt. ‚Ich schaff das schon’, hat er gedacht. Aber am Abend ist er so müde geworden, dass er vergessen hat, die Flügel zu bewegen. Natürlich fällt so ein kleiner Vogel dann einfach runter vom Himmel. Fällt und fällt – und fällt dem Trauerkloß genau in die Arme. Was soll der nun machen, mit so einem Vogel im Arm? Mit Maschinen und Erfindungen, da kennt er sich aus, mit schwarzen Raben auch, aber mit so einem kleinen Vogel?
Der Trauerkloß legt ihn in sein Bett, kocht ihm eine Kartoffelsuppe und lässt die Windmühlen schneller laufen, damit die elektrische Lampe die Stube wärmt. Die Raben kichern und krächzen, als sie am Abend zu Besuch kommen und den Kleinen unter der Bettdecke entdecken. Sie essen und trinken und schütteln ihre schwarzen Köpfe. ,Der ist morgen wieder weg’, krächzen sie, ,das ist ein Sonnenvogel. Sobald der sich satt und rund gegessen und in deinem Bett ausgeruht hat, fliegt er weiter. Du wirst schon sehen.’ ,Psst’, sagt der Trauerkloß, ,wenn ihr so laut seid, kann ich nicht hören, ob er noch atmet. Es geht ihm nämlich überhaupt nicht gut.’ ,Es geht ihm überhaupt nicht gut, es geht ihm überhaupt nicht gut’, krächzen die Raben im Chor.
Der Trauerkloß sagt gar nichts. Er wartet, bis die Raben weg sind, rückt seinen Stuhl vor das Bett und hört zu, wie der kleine gelbe Vogel im Schlaf atmet. ,Schade, dass du morgen wieder weg musst’, sagt er leise, ,aber ich weiß auch, dass du mit den anderen gelben Vögeln die Sonne suchst. Wie jedes Jahr, wenn der Winter kommt. Ich habe euch schon oft gesehen, da oben in der Luft, hinter der grauen Wolke.’ Dann schläft auch der Trauerkloß ein.
Als er am nächsten Morgen aufwacht, hüpft der kleine Vogel schon in der Stube herum. ,Ich weiß, du musst dich beeilen’, sagt der Trauerkloß, ,komm, iss noch ein bisschen Kartoffelsuppe mit mir – dann bringe ich dich nach draußen.’ Aber als sie dann draußen bei den Maschinen sind und der Trauerkloß schon wieder an seine Erfindungen denkt, fliegt er nicht einfach weg, der kleine Vogel. Er hüpft auf den Maschinen rum, fliegt ein Stückchen nach hier und ein Stückchen nach da und kommt dann doch wieder zurück. ,Ja, so was aber auch’, brummt der Trauerkloß. ,Vielleicht stimmt’s ja gar nicht, was die Raben immer krächzen. Vielleicht gefallen dir sogar meine Maschinen. Wenn du willst, erfinde ich eine neue – extra für dich.’
Der Trauerkloß schraubt und sägt, feilt und bohrt und hat am Abend eine Zwitschermaschine erfunden. Die piepst und trillert und kann sogar ein kleines Liedchen pfeifen. Der kleine Vogel legt den Kopf schräg auf die Seite, hört zu und es scheint ihm zu gefallen.
,Pass nur auf mit deinem gelben Sonnenvogel’, krächzen die Raben am Abend, ,dass er dir nicht den Kopf verdreht. Eine Maschine, die zwitschert wie ein Vögelchen, hat man so was schon gesehen? Eine Krächzmaschine hast du noch nie erfunden und unseren Kartoffelbrei hast du wohl auch vergessen.’ ‚Ach, lasst mich doch in Ruhe’, brummt der Trauerkloß. ,Ich bin jetzt müde vom vielen Erfinden, außerdem wohnt der kleine gelbe Vogel jetzt auch hier. Er braucht noch etwas Ruhe, da könntet ihr wohl ein bisschen leiser krächzen.’ ,Er braucht noch etwas Ruhe, er braucht noch etwas Ruhe’, krächzen die Raben im Chor, schütteln die Köpfe und fliegen weg.
In dieser Nacht schläft der Trauerkloß wieder in seinem Bett. Der gelbe Vogel sitzt auf der Stuhllehne, steckt den Kopf in die Federn und schläft auch. ‚Vielleicht träumt er von der Sonne’, denkt der Trauerkloß und träumt einen Erfindertraum: Von einer Maschine zur anderen sind Drähte gespannt, an denen Glühbirnen hängen. Siebenhundert Glühbirnen sind es insgesamt, die von dreißig Windmühlen angetrieben werden. Sie leuchten so hell wie die Sonne oder vielleicht sogar noch etwas heller. Der kleine gelbe Vogel fliegt zwischen ihnen herum und singt mit der Zwitschermaschine um die Wette.
Am Morgen steht der Trauerkloß so früh auf wie noch nie, spannt einen Draht und sucht überall nach Glühbirnen. Der kleine Vogel hüpft immer hinter ihm her und der Trauerkloß erzählt ihm, wie er sich das vorstellt mit der neuen Erfindung. ,Geschafft’, seufzt er, als sich die Windmühlen drehen und die Glühbirnen leuchten. Natürlich sind es nicht so viele wie in seinem Traum, aber sie leuchten so hell, dass die Raben vor lauter Schreck wild durcheinander flattern, als sie ihren abendlichen Besuch machen. ,So hell wie die Sonne da hinter der grauen Wolke’, krächzen sie, ,so hell können deine Lampen doch nicht leuchten. Vertrödele deine Zeit nur mit diesem Taugenichts, der setzt dir nur Flausen in den Kopf!’ ,Verflixt und zugenäht!’, schreit der Trauerkloß. ,Jetzt ist aber Schluss mit dem Gemecker. Wenn sie nicht hell genug sind, meine Lampen, dann fliegen wir eben dahin, wo die Sonne scheint. Über den Finsterwald und über den schwarzen Berg, durch die graue Wolke fliegen wir, der Sonnenvogel und ich. Ihr werdet schon sehen.’
,Wie willst du denn fliegen?’, schimpfen die Raben noch, aber der Trauerkloß hört sie gar nicht mehr. Er baut die Windmühlen auseinander, schraubt die Wassermühle ab. Das Dach von seinem Haus, die Bettdecke – alles braucht er für seine Erfindung. Er baut die ganze Nacht und schraubt und hämmert und klebt.
Dann am Morgen, als es ein bisschen hell wird im finsteren Tal, ist es so weit. Da hat der Trauerkloß doch tatsächlich eine richtige Flugmaschine erfunden. Der Sonnenvogel hüpft nach hinten, der Trauerkloß gibt der Maschine einen Schubs und schwingt sich vorne hinter das Steuerrad. Die Windräder drehen sich vor den Bettdeckenflügeln, die Wasserräder holpern über den Boden, das Ungetüm rumpelt und pumpelt durch das Tal auf die schwarzen Berge zu, hebt ab und dann fliegen sie tatsächlich los. Der kleine gelbe Vogel und der Trauerkloß schweben über den schwarzen Berg, segeln durch die graue Wolke und dann ist sie da, die Sonne. Der Trauerkloß muss mit den Augen blinzeln, so hell ist sie. Der Wind pfeift ihm um die Ohren, er dreht sich zum Sonnenvogel um und lacht, lacht so laut, dass es wahrscheinlich sogar die schwarzen Raben gehört haben. Der Wind trägt die Flugmaschine noch weiter weg vom finsteren Tal, immer weiter der Sonne entgegen. Und wer weiß, vielleicht finden die beiden ja sogar die Insel mit den anderen Sonnenvögeln, aber sie wissen nicht mal, wie diese Insel heißt, und deshalb ist diese Geschichte jetzt zu Ende.“
Der alte Dachs, der schon eine ganz heisere Stimme vom Erzählen hat, reckt und streckt sich und der kleine Bär überlegt. „Ich weiß, wie die Inseln heißen!“, ruft er. „Eine heißt Honolulu und die andere heißt Sansibar. Erzählst du jetzt weiter?“ „Ach, kleiner Bär“ , sagt der alte Dachs, „ich weiß es doch selber nicht so genau. Der, von dem ich diese Geschichte habe, behauptet, dass die Sonnenvögel den Trauerkloß zu ihrem König gemacht haben, weil er Wasserräder und Windmühlen für sie erfunden hat. Das mit dem König glaube ich nicht so ganz, aber bestimmt geht es ihm gut, dem Trauerkloß, und ich bin froh, dass aus der Geschichte doch noch eine Sonnengeschichte geworden ist.“ „Ich auch“, ruft der kleine Bär. „Mir ist jetzt gar nicht mehr kalt und der Regen ist mir auch egal.“

 

(nach http://www.familie.de/kind/maerchen-geschichten-576161.html, sprachlich leicht überarbeitet)

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