Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld – Besprechung

Pamuks Roman „Das Museum der Unschuld“ (2008) ist eine Liebesgeschichte: Der 30jährige Kemal lässt sich kurz vor seiner Verlobung mit der schönen Sibel auf eine heiße Affäre mit seiner entfernten 18jährigen Verwandten Füsun ein, mit der er auch auf seiner Verlobung tanzt. Nach der Verlobung entzieht Füsun sich ihm, worauf er todunglücklich ist; die Verlobung geht in die Brüche, er versucht, mit seiner Erinnerung an Füsun zu leben. Schließlich gelingt es ihm, mit der inzwischen verheirateten Füsun Kontakt aufzunehmen. Er besucht sie acht Jahre lang in deren Elternhaus und sponsert Filmprojekte ihres Mannes. Nach Füsuns Scheidung von ihrem Mann nähern sich die beiden vorsichtig wieder einander an. Er bricht mit Füsun und deren Mutter zu einer Europareise auf und schläft erstmals seit Jahren wieder mit Füsun; am nächsten Tag kommt es zu einem Streit. Füsun wirft ihm vor, ihre Filmkarriere verhindert zu haben, und steuert ihr Auto gegen einen Baum; sie ist tot, er überlebt und lebt fortan für die Erinnerung an Füsun.

Er hat dann die Idee, ein Museum einzurichten, in dem alle Dinge, die mit Füsun zu tun haben, ausgestellt werden. Weil man dazu auch einen Katalog braucht, engagiert er den Autor Orhan Pamuk und bittet ihn, seine Liebesgeschichte zu erzählen, was Orhan dann auch in Ich-Form tut (so als hätte Kemal erzählt: der Roman). Kemal verabschiedet sich schließlich „Auf Wiedersehen!“, Orhan setzt fort und stellt sich vor: „Hallo, ich bin Orhan Pamuk!“ (549). Orhan erzählt später, dass Kemal am 12. April 2007 gestorben ist.

Zum Schluss berichtet Orhan von einem Gespräch mit Kemal, das sie ein halbes Jahr vor dessen Tod geführt haben. Kemal sagt zu Orhan, er habe dessen Roman „Schnee“ bis zum Ende gelesen, der Schluss habe ihm gefallen: „So wie der Romanheld dort, würde ich auch gern am Ende unseres Romans direkt etwas zum Leser sagen. Darf ich das?“ (565) Was er zu sagen hat, ist dann der letzte Satz des Romans: „Jeder soll wissen, dass ich ein glückliches Leben geführt habe.“ (565)

Der Roman hat viele Längen: zu Beginn in der Liebesgeschichte mit Füsun, in der Phase der Trauer um die entschwundene Füsun, in der Zeit des geduldigen neuen Werbens und auch in der Einrichtung des Museums der Unschuld; wenn man 300 der 565 Seiten gestrichen hätte, hätte er vielleicht die richtige Länge.

Bemerkenswert ist die Selbstbezüglichkeit des Romans und das Vexierspiel zwischen dem Autor Orhan Pamuk, dem erlebenden Ich (Kemal Basmaci), welches den bekannten Autor Orhan Pamuk bittet, seine Liebesgeschichte zu erzählen, und Orhan Pamuk als fiktivem Ich-Erzähler.

„Doch warum Roman und Museum? Versucht sich der Nobelpreisträger nun als literarischer Kurator? In der Tat – und das ist das Unvergleichliche an seinem neuen Werk: Es führt die steten Ansätze seines Autors, Deskription und Bild, wahre Fantasie und wahrhafte Realität zu verquicken, zu einer erstaunlichen Perfektion. Indem es sich als korpulenter Museumskatalog zu Hunderten von Exponaten liest. Doch niemals während der Lektüre kann man sich wirklich sicher sein, was zuerst da war: das Museum, der Roman oder das Glück.“ (Teresa Grenzmann, in ihrer Besprechung im Münchner Merkur: http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/dasmuseumderunschuld-r.htm)

Zum Begriff der Selbstbezüglichkeit vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

http://de.wikipedia.org/wiki/Metafiktion

http://www.schmidt.uni-halle.de/konzepte/texte/noeth1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Autoreflexivit%C3%A4t

http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2009/4742/pdf/DissDaunerPublish.pdf (Dissertation von Dorea Dauner: Literarische Selbstreflexivität, 2009)

http://www.zeit.de/1992/34/hauptsache-selbstreflexiv (kritisch zur Methode, 1992)

vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2010/03/04/kehlmann-die-vermessung-der-welt-selbstbezuglichkeit-des-romans/

Rezensionen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/romanatlas/tuerkei-istanbul-orhan-pamuk-das-museum-der-unschuld-1680477.html (über das Museum und den Roman)

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/FD1200809201943061.pdf (begeisterte Rezension: Es ist eine Geschichte über Klassenunterschiede, Geschlechterrollen und Doppelmoral, die da im Gewand einer Liebestragikomödie erzählt wird – und zugleich eine Alltagsgeschichte der siebziger Jahre in der Türkei. Kilb vermutet einen autobiografischen Hintergrund der Liebesgeschichte.)

http://www.taz.de/!22890/ (voll des Lobes, allerdings: zum Teil ausufernd erzählt)

http://www.rezensionen.ch/orhan_pamuk_das_museum_der_unschuld/3446230610/ (sehr begeistert) = http://www.versalia.de/Rezension.Pamuk_Orhan.443.html

http://www.arte.tv/de/pamuk-orhan-das-museum-der-unschuld/2251546,CmC=2250138.html (dezent kritisch)

http://www.booksection.de/buch/1372-Das_Museum_der_Unschuld (bemängelt ebenfalls die Länge des Romans)

http://www.deutschlandradiokultur.de/kult-um-die-jungfraeulichkeit.950.de.html?dram:article_id=136597 (sehr kritisch: als Roman verunglückt)

http://www.falter.at/falter/rezensionen/buecher/?issue_id=512&item_id=9783446230613 (ebenfalls sehr kritisch)

http://www.brigitte.de/kultur/buecher/buchsalon-orhan-pamuk-das-museum-der-unschuld-kritiken-571475/?p=2& (schwärmerisch begeistert)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13865 (ähnlich)

http://www.literaturmarkt.info/cms/front_content.php?idcat=81&idart=1601 (ähnlich)

http://www.sandammeer.at/rez08/pamuk-museum.htm (ähnlich, gute Inhaltsangabe)

http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-60746626.html (Interview mit O. Pamuk)

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/die-quittenreibe-und-das-universum-der-liebe-1.1165521 (Interview mit O. Pamuk)

http://www.deutschlandfunk.de/liebe-schlimmer-als-ein-autounfall.700.de.html?dram:article_id=83800 (dito)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/orhan-pamuk-eroeffnet-museum-der-unschuld-dinge-und-ihre-doppelgaenger-1.1344028 (Pamuk eröffnet 2012 tatsächlich das Museum!)

http://www.zeit.de/2012/19/Pamuk-Museum (dito)

http://www.heise.de/tp/artikel/36/36860/1.html (dito)

http://www.dw.de/das-museum-der-unschuld/a-15921694 (Interview mit O. Pamuk zur Eröffnung des Museums)

http://museologien.blogspot.de/2014/05/orhan-pamuks-text-uber-das-museum-der.html (über das Museum)

http://zaeb.net/index.php/zaeb/article/viewFile/68/69 (großer Aufsatz über Museum und Roman)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s