Dostojewski: Die Legende vom Großinquisitor, mit Kommentar

Ich habe aus gutenberg.spiegel.de den Text der Legende übernommen und in Fußnoten die wesentlichen biblischen Bezugsstellen notiert: Der Großinquisitor_K

Text der Legende:

http://www.gutenberg.org/files/38336/38336-h/38336-h.htm (übersetzt von Rudolf Kassner)

hier im Kontext des Romans: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bruder-karamasow-2095/6#vol5chap5 (übersetzt von Hermann Röhl)

http://www.menschenkunde.com/pdf/texte/literatur/grossinquisitor.pdf (übersetzt von ?)

https://www.youtube.com/watch?v=1alPLm_uhPY (Vortrag zum Hören)

https://www.youtube.com/watch?v=hmJNq1wceW8 (Vortrag)

https://archive.org/details/grossinquisitor_ak_librivox (Vortrag)

https://www.youtube.com/watch?v=e43VcoWSJyk (Vortrag: Auszug)

Die Legende ist zunächst unabhängig vom Roman, in dem sie heute erzählt wird, in einer Zeitschrift (1879) veröffentlicht worden. Wenn man sie als eigenständige Erzählung liest, scheint ihr kirchenkritischer Sinn klar zu sein: Christus zeigt sich den Gläubigen, aber „seine“ Kirche fühlt sich durch ihn gestört, weil seine Gaben das Volk angeblich überfordern – es wolle Brot bekommen, Wunder für die Seele und Vorgesetzte zum Gehorchen; der Kardinal lässt Christus verhaften und will ihn als Ketzer verbrennen. – Da „Christus“ eine im Sinn des Erzählers wie des Autors unhinterfragbare Autorität ist, zeigt das Auftreten des Kardinals (seine Theorien über das Volk, sein Verhalten gegen Christus), dass der Kardinal und seine Kirche Christus verraten haben – im Sinn des Autors ist die Legende eine Anklage gegen eine Kirche, die sich selbst genug ist.

Man kann „Die Dämonen“ (1873), Zweiter Teil, erstes Kapitel, Teil VI, als Kommentar zur Legende vom Großinquisitor lesen – das Thema taucht dort zum ersten Mal (?) auf  („Die Brüder Karamasow“ erschienen 1879/80). Auch Pjotrs Visionen der Zukunft (Zweiter Teil, Achtes Kapitel) können zum Verständnis der Legende herangezogen werden. Florian Roth schreibt Folgendes (s.u., S. 7 f.): Als Dostojewskij die Legende vom Großinquisitor Dezember 1879 vor Studenten an der Petersburger Universität vortrug, schrieb er kleine Einführung. Darin heißt es: „Das ganze ist so zu verstehen: Wenn der Glaube an Christus verfälscht und mit den Zielsetzungen dieser Welt vermengt wird, dann geht auch der Sinn des Christentums verloren. Der Verstand fällt dem Unglauben anheim, und statt des großen Ideals Christi wird lediglich ein neuer Turm zu Babel errichtet werden. Während das Christentum eine hohe Auffassung vom einzelnen Menschen hat, wird die Menschheit nur noch als große Masse betrachtet. Unter dem Deckmäntelchen sozialer Liebe wird nichts als offenkundige Menschenverachtung gedeihen.“ (zitiert nach: Geir Kjetsaa: Dostojewskij- Sträfling – Spieler – Dichterfürst, Gernsbach 1986, S. 411)

 

Kommentare:

http://www.ev-kirche-riedenberg.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KG_riedenberg/Dostojewskis_Legende_Der_Grossinquisitor_03.pdf (Pfarrer Dr. Dieter Koch: Kurz das Leben Dostojewkis und der Kontext der Legende, ausführliche Paraphrase des Textes) = https://religionheute.wordpress.com/2011/01/02/dostojewskis-legende-vom-grosinquisitor/ (der selbe Text, dreimal)

http://www.eulenfisch.de/extern/ef/2014-01/eulenfisch-01-2014.html#6-7/z (M.-L. Reis: Der Großinquisitor als Antichrist. Intertextuelle Bezüge zwischen Bibel und Literatur am Beispiel von Dostojewskis Großinquisitor – Akzent auf einer Exegese der Versuchungsgeschichte)

http://www.phil.uni-passau.de/fileadmin/group_upload/64/online-text-Tolstoi_und_Dostojewski.pdf (Dr. Christian Thies: Tolstoi und Dostojewski; der Autor stellt die metaphysischen Probleme und Lösungsversuche Tolstois und Dostojewskis dar, wodurch er einen Hintergrund für die Legende vom Großinquisitor schafft, mit Bewertung richtig/falsch aus seiner Sicht.)

http://othes.univie.ac.at/19586/1/2012-02-14_0503384.pdf (In dieser Dissertation Daniel Cinkls über den Nihilismus bei Nietzsche und Dostojewski wird u.a. der Nihilismus Iwan Karamasows (S. 96 ff.) und Dostojewskis Überwindung des Nihilismus (S. 108 ff.) behandelt.)

http://www.florian-roth.com/philosophievortr%C3%A4ge/ (dort eine Datei: Dostojewskijs Großinquisitor oder die Überforderung des Menschen durch die Moral, von Florian Roth: Paraphrasierende Interpretation der Legende im Rahmen der Geistesgeschichte. Für mich neu: „Die Geschichte der Versuchung Jesu durch den Teufel als Schlüssel seiner Kritik besonders an der katholischen Kirche zu nutzen, ging auf eine Anregung zurück, die Dostojewskij von dem Religionsphilosophen Wladimir Solowjew empfing. Dostojewskij hatte 1878 in Petersburg Vorträge von ihm besucht. Darin hatte Solowjew die Entwicklung des Abendlands als einen Abstieg in mehreren Stufe gedeutet. Vom hehren Urchristentum habe man sich durch die Übernahme der Macht des Römischen Reiches abgewandt und diese Verfallsgeschichte in der Neuzeit fortgesetzt. Diese Stufen des Abstiegs werden in Parallele zu den drei Versuchungen Christi gesetzt. Im ersten Schritt sei die katholische Kirche den Verlockungen der äußeren Macht erlegen, dann sei zweitens das Abendland dem Hochmut des Rationalismus verfallen und dann sei es schließlich drittens auf dem Abweg des materialistischen Hochmuts des Fleisches geraten.“)

http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/10191/pdf/NGH_31_1962_61_75.pdf (Heinz Wissemann: Die Idee des Übermenschen in Dostojewskijs Legende vom Großinquisitor. Wissemann sieht den Kern der Legende nicht in der Idee der Freiheit: „Es ist die Idee vom Übermenschen und vom Massenmenschen, die durch eine scharfe, unüberbrückbare Kluft voneinander geschieden sind. Das ist logisch und psychologisch die übergeordnete, die primäre Idee des Großinquisitors. Die Idee der Freiheit ist ihr logisch untergeordnet. Denn die Freiheit wird nicht an sich, absolut bejaht oder verneint, sondern bejaht oder verneint, je nachdem, ob sie der Übermensch oder der Massenmensch für sich in Anspruch nimmt.“ Die Legende sei die Antwort auf die Frage, was das Schicksal einer christlichen Seele ist, die sich von der Idee des Übermenschen leiten lässt. Der Großinquisitor sei ein Zerrbild und Gegenbild der Heiligen – die Perversion der christlichen Idee des Übermenschen.)

http://www.theologie-und-literatur.de/fileadmin/user_upload/Theologie_und_Literatur/Die_Aktualitaet_von_Dostojewskis_Grossinquisitot.pdf (H.-J. Benedict: Die Aktualität von Dostojewskij Großinquisitor, 2013: Die Legende wird gesellschafts-, kirchen- und kulturkritisch auf die heutige Zeit bezogen, um die Gefährdung der Freiheit heute auzuzeigen.) = http://www.theomag.de/85/hjb21.htm

http://www.sandammeer.at/rezensionen/dostojewskij-grossinquisitor.htm (Kommentar von Harald Schulz zur Legende, aus Anlass des Erscheinens eines Hörbuchs; übernommen in http://basisreligion.reliprojekt.de/freiheit.htm)

https://books.google.ch/books?id=SfwKRrOP480C&pg=PA314&lpg=PA314&dq=Dostojewski:+Die+Legende+vom+Gro%C3%9Finquisitor&source=bl&ots=og4JWvqRhS&sig=tbVjXVAa5Jirw0ulnTGl8d2n7Ko&hl=de&sa=X&ei=l_XQVPahNMbuUojwg7gB&ved=0CI8BEOgBMBc#v=onepage&q=Dostojewski%3A%20Die%20Legende%20vom%20Gro%C3%9Finquisitor&f=false (Deutung, Dissertation Alfons Motschenbachers über Carl Schmitt; leider fehlen einige Seiten im google-book: Der Christus in der Legende sei nach R. Guardini gar nicht der wahre christliche Christus.)

http://www.academia.edu/4777503/Entwurf_einer_Theorie_der_Figuration_bei_Dostojewski (Ulrich Schmid: Entwurf einer Theorie der Figuration bei Dostojewskij – sehr grundsätzlich-methodologisch, dort S. 164 ff.: Die Legende sei als Allegorie zu deuten; das inquisitorische Spanien stehe für das zeitgenössische Russland, der Großinquisitor für die Autorität offizieller Strukturen; er sei die figurale Inkarnation von Iwans Atheismus.)

http://www.theologe.de/kaiser-konstantin_kirche.htm (theologische „Anwendung“ der Legende auf die Konstantinische Wende: kirchenkritisch – unwichtig)

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2011/september/die-todkranke-kirche (theologische Anwendung in Küngs Kritik an der heutigen Kirche – unwichtig)

http://www.friedrichwolf.de/?q=content/eine-k%C3%BCnstlerische-beziehung-friedrich-wolfs-zu-fjodor-dostojewski („Fest steht, daß Friedrich Wolf seine Legende ‚Adam und der Mann am Kreuze‘ in frischer Kenntnis von Dostojewskis ‚Legende vom Großinquisitor‘ geschrieben hat.“ – sachlich eher unbedeutend)

Sonstiges:

http://de.wikipedia.org/wiki/Fjodor_Michailowitsch_Dostojewski (Dostojewski)

http://mikiwiki.org/wiki/Fjodor_Michailowitsch_Dostojewski/Biografie (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Br%C3%BCder_Karamasow (Kontext: der Roman)

http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Finquisitor (Artikel: Großinquisitor)

http://www.dostojewski.eu/18_LINKS/Links_Texte.html (Links zu Arbeiten über Dostojewski und zu seinen Texten)

http://bildungsserver.hamburg.de/fjodor-dostojewski-nav/ (dito)

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