Joanna Bator: Sandberg – Besprechung

Joanna Bator hat mit „Sandberg“ (2011, polnisch 2009) einen großartigen Roman geschrieben: über das Leben in einer polnischen Plattenbausiedlung in den 70er und 80er Jahren, mitsamt den Vorgeschichten im Krieg: über das Leben der kleinen Leute in ihrer Beschränktheit (meistens) und Menschlichkeit (selten), wie sie sich behaupten gegen die trostlosen Umstände und ihre gleichgültigen oder neidischen oder gierigen Nachbarn – in der Hoffnung auf beruflichen Aufstieg, auf Aufstieg der Kinder und einen Schwiegersohn aus der BeErDe. Die starken Figuren sind die Frauen – wer von ihnen die Protagonistin ist, ist schwer zu sagen. Den meisten Raum bekommt Jadzia Chmura, am Ende emanzipiert sich ihre Tochter Dominika aus der Beschränktheit der polnischen Kleinstadt, nicht ohne Hilfe ihrer Großmütter und Freundin. Viele Figuren treten auf, man kann leicht den Überblick verlieren, zumal da die erzählende Stimme sich nicht an die Chronologie der Ereignisse hält.

Interessant war für mich auch der Blick von außen auf die Bundesrepublik der 80er Jahre, auf den Otto-Katalog und die Warenfülle, auf die deutschen Männer mit den unsäglichen Namen [Herr von Sinnen aus Castrop-Rauxel: Ich bin ein ruhiger kinderlieber Automechaniker (33, männlich)] als Heiratskandidaten (S. 209 f.).

Die erzählende Stimme ist die größte Heldin der Erzählung, finde ich. Sie ist nah bei der jeweiligen Figur, sie übernimmt problemlos deren Sicht und gibt oft Phantastisches preis, ohne mit der Wimper zu zucken: „Die erste Zigarette des Tages zündete sie sich an, sobald sie in dem großen Holzbett aufwachte, das Deutschen gehört hatte, unter dem Bild von Jesus als Hirte mit Wangenrouge und karminroten Lippen, auch er hatte Deutschen gehört, denn wenn Gott mit uns ist, dann ist es sein Sohn ja wohl auch, selbst wenn er aussieht wie ein Transvestit.“ (S. 111) Hier haben wir in einem Satz gleich drei Erzählstimmen: eine neutrale, eine der benannten „sie“ und dann die der Deutschen, mit denen laut Koppelschloss Gott war.

Zum Schluss des Romans wird etwas fix aufgeräumt; durch eine Brandstiftung kommen Zofia und der von ihr vor über 40 Jahren gerettete Jude, der zu ihr aus Amerika zurückgekommen ist, Jadzias Vater, ums Leben, während sich die Liebesgeschichte Dominikas mit dem Kaplan durch Intrige und absichtlich herbeigeführten Autounfall in Nichts auflöst – beide Episoden waren ohnehin sentimentale Einfälle der Autorin, welche nicht recht in die harte Welt von Walbrzych passen und deshalb von der Erzählstimme rasch liquidiert werden. Einen netten Gr-Lapsus will ich festhalten: „Patientinnen, von denen etliche seine vorübergehenden Geliebten waren“ (S. 419) – nein, sie waren vorübergehend seine Geliebten! Von den Kritikern wird die Übersetzung Esther Kinskys durchweg gelobt.

Fazit: ein großartiger Roman, unbedingt lesenswert, wie auch die Kritiken festellen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/joanna-bator-sandberg-die-republik-der-frauen-1657342.html

http://www.deutschlandfunk.de/aufbruch-aus-dem-polnischen-plattenbauglueck.700.de.html?dram:article_id=85163

http://www.deutschlandfunk.de/polnische-familiensaga-der-nachkriegszeit.700.de.html?dram:article_id=206151

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18724&ausgabe=201401

http://www.tlz.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Sandberg-Bator-erzaehlt-vom-Ueberleben-in-Waldenburg-349105943

http://www.deutschlandradiokultur.de/ein-kleinbuergerliches-sittenbild-polens.950.de.html?dram:article_id=140091

http://www.novinki.de/seiler-nina-ein-tornado-aus-walbrzych/

http://www.srf.ch/play/tv/literaturclub/video/sandberg-von-joanna-bator?id=fe25ddd2-7823-4be7-a214-287101e2655c

http://www.zeit.de/video/2013-12/2930112479001/romane-von-joanna-bator-lesetipps-von-iris-radisch-sandberg-und-wolkenfern-von-joanna-bator

Ich bin auf die Fortsetzung „Wolkenfern“ gespannt.

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