Dostojewski übersetzt – von Swetlana Geier u.a.

Ich lese gerade Dostojewskis „Schuld und Sühne“ bzw. „Verbrechen und Strafe“ in der Übersetzung von Swetlana Geier; diese Übersetzung wird von den Kritikern überschwänglich gelobt – ich bin aber (bisher: in den beiden ersten Teilen des Romans) auf einige Stellen gestoßen, die ich nicht verstehe oder für sinnlos halte. Zum Vergleich ziehe ich drei andere alte Übersetzungen heran: Wird an diesen Stellen in den anderen Übersetzungen der Text Dostojewskis verständlich? Folgende Übersetzungen liegen mir vor:

Swetlana Geier: Verbrechen und Strafe (1994): Fischer-Taschenbuch

Hermann Röhl: Schuld und Sühne (1912): Projekt Gutenberg

Alexander Eliasberg: Verbrechen und Strafe (1924): zeno.org

Werner Bergengruen: Schuld und Sühne (1925): Übersetzung der Manesse Bibliothek

http://www.kamahe-literatur.net/pdf/dostojewski/schuld%20und%20suehne.pdf (nachträglich gefunden – Übersetzer unbekannt)

 

Hier sind die Stellen in den verschiedenen Übersetzungen; unter jeder Stelle werte ich den Vergleich aus:

 

G: Es war ein langer, dicker Brief, zwei Lot schwer; zwei große Bogen waren winzig klein und eng beschrieben (43) [wie viel sind zwei Lot?]

R: es war ein großer, dicker Brief von zwei Lot; zwei große Briefbogen waren mit kleiner Schrift ganz vollgeschrieben.

E: der Brief war lang, ganze zwei Lot schwer; zwei große Briefbogen waren eng beschrieben

B: einen umfangreichen, dicken Brief, wohl zwei Lot schwer; zwei große Bogen waren über und über beschrieben

(Alle setzen irrtümlich voraus, dass ich das Gewicht Lot – ca. 14-18 g – und die Größe eines Bogens – 42 x 59,4 cm – kenne.)

 

G: streckte er mit einem einzigen Fausthieb einen Ordnungshüter nieder, der gute zwölf Werschok groß war (72; Werschok: altes russ. Längenmaß, 4,4 cm) [sinnlos: ein 55 cm großer Mann – Lisaweta ist übrigens mindestens acht Werschok groß, 89]

R: mit einem einzigen Schlage einen baumlangen Wächter niedergeschmettert

E: mit einem Hiebe einen hünenhaften Hüter der öffentlichen Ordnung niedergeschlagen

B: einen baumlangen Hüter des Gesetzes mit einem einzigen Hieb zu Boden geschlagen

(Alle außer Geier sind verständlich, R und B am klarsten.)

 

G: weil ich damals den noch feuchten Geldbeutel in die Tasche gesteckt habe (125 f.) [damals: am Vortag!]

R: da ja der Beutel damals, als ich ihn in die Tasche steckte, noch feucht war

E: weil ich den noch nassen Beutel in die Tasche steckte

B: ich habe ja das noch feuchte Beutelchen in die Tasche gesteckt

(E und B sind sachlich richtig, „damals“ ist sinnlos.)

 

G: hatte ein ausdruckvolles, brünettes Gesicht (132) [ungewöhnlich: brünett]

R: mit einem gebräunten, lebhaften Gesicht

E: mit dunklem Teint und beweglichem Gesicht

B: mit einem dunkelfarbigen und lebhaften Gesicht

(R und B sind sprachlich am besten.)

 

G: „Gar keen Lärm und Prügelei waren bei mir…“ [sie berlinert!], mit starkem deutschem Akzent (137)

R: „Lärm und Schlägerei haben bei mir ganz und gar nicht stattgefunden…“. Sie sprach das Russische zwar mit starkem deutschem Akzent…

E: »Gar kein Lärm und Schlägerei bei mir, Herr Kapitän«, schnatterte sie plötzlich drauf los, auf russisch, doch mit einem starken deutschen Akzent [verkürzter Satzbau!]

B: „Bei mir ist weder Lärm noch Keilerei gewesen, Herr Kapitän“, plapperte sie plötzlich los… – sie sprach übrigens geläufig russisch, wenn auch fehlerhaft und mit einem sehr deutlichen deutschen Akzent

(Das Berlinern passt nicht zu Russisch – E scheint mit dem verkürzten Satzbau die Eigenart des Sprechens am besten zu treffen.)

 

G: Nicht die Niedertracht seiner Herzensergießungen vor Ilja Petrowitsch (…) hatten sein Inneres so plötzlich verändert. (142) ([unverständlich: Niedertracht]

R: Nicht daß er sich durch seine Herzensergießungen vor Ilja Petrowitsch so erniedrigt hatte…

E: Es war nicht die Erniedrigung durch die Herzensergüsse vor Ilja Petrowitsch…

B: Nicht, daß er sich durch seine Herzensergießungen vor Ilja Petrowitsch erniedrigt hatte…

(Alle außer Geier verständlich, R und B sind am besten.)

 

G: daß das Haus nicht Charlamow gehört, sondern einem gewissen Buch, so kann man sich von einem Laut irreführen lassen! 168) [unverständlich: ein Laut]

R: daß dein Hauswirt gar nicht Charlamow, sondern Buch geheißen hat – wie man sich doch manchmal in den Lauten irren kann!

E: daß es nicht von Charlamow, sondern von Buch war, – wie leicht kann man sich am Klange irren!

B: daß es überhaupt nicht das Charmowsche, sondern das Buchsche Haus war, so kann man sich eben im Klang täuschen!

(Alle außer Geier sind verständlich, R und E vielleicht am besten.)

 

G: Ihr seid alle aus Spermazet gemacht… (228) [Was ist das?]

R: Kerle wie aus Gallert…

E: Aus Spermacetsalbe seid ihr alle gemacht…

B: Ihr besteht ja alle miteinander nur aus Schleim…

(R und B übersetzen am verständlichsten.)

 

G: Das männliche Geschlecht wird meist im Pekesch gemalt… (234)

Was es nicht alles in diesem Piter gibt! [unverständlich – die Sprache der Arbeiter soll einfach sein, vgl. „der Schurnal“!]

R: Die Männer werden meistens in Pekeschen gemalt…

Nein, was es hier in Petersburg nicht alles gibt!

E: Das männliche Geschlecht wird meistens in Pekeschen dargestellt…

Was es in diesem Petersburg nicht alles gibt!

B: Die Männer sind da meistens mit Pekeschen, dem Schnürrock, gemalt…

Was es doch hier in Petersburg alles gibt!

(B gibt als einziger eine Erklärung zu „Pekesche“; den zweiten Satz haben m.E. R und E am besten getroffen.)

 

Fazit: An den von mir geprüften Stellen (bis auf die erste) sind die anderen Übersetzungen klarer als die von Swetlana Geier; R und B sind meistens die besten, E oft; E gibt die sprachliche Eigenart der Figuren selbständig wieder. So einsam hervorragend wie behauptet ist also Geiers Übersetzung nicht – und den „richtigen“ Titel „Verbrechen und Strafe“ hatte Eliasberg (wie Gregor Jancho) auch schon. Man muss jedoch ihren Versuch würdigen, die sprachliche Eigenart der Figuren deutlich zu machen; außerdem gibt sie einige Erläuterungen zum Text.

Dieses Ergebnis kann aber nicht als repräsentativ für die ganze Übersetzung gelten – ich habe ja nur Stellen untersucht, an denen ich mich an Geiers Übersetzung gestoßen hatte. Aber warum muss Napoleon sich ausgerechnet mit einem Calembour (Geier, 370) über eine halbe Million Tote hinwegsetzen? Bei Bergengruen genügt ein Witzwort, bei Eliasberg ein Wortspiel; beides ist besser als das veraltete Wort „Calembour“ (spricht Raskolnikow Französisch?).

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70228808.html (Interview mit S. Geier, 2010; bald darauf ist sie gestorben)

http://www.literaturuebersetzer.de/pages/uebersetzer-archiv/geier1987.htm (S. Geier über das Übersetzen)

http://www.taz.de/!47484/ (zu einem Film über die Übersetzerin)

http://www.literaturuebersetzer.de/pages/uebersetzer-archiv/nachruf-geier.htm (Nachruf)

http://de.rec.buecher.narkive.com/dPVAmBqS/dostojewski-empfehlung-hinsichtlich-ubersetzung (Diskussion von Übersetzungen)

http://www.zeit.de/1993/49/kleinigkeiten-kleinigkeiten/seite-2 (konkret zu „Schuld und Sühne“)

http://Schmid_1994_NZZ_Dostoevskij.pdf (zur Übersetzung Geiers von „Verbrechen und Strafe“)

http://www.peterlang.de/download/extract/51245/extract_56660.pdf (Dostoevskij auf Deutsch)

http://www.sprachwissenschaft.uni-jena.de/germsprach_multimedia/Downloads/Stud_+Tagung+Sprachwiss_/audio/Ekaterina+Kostina_2013_Figurative+Einheiten+des+Texts.pdf (zur Theorie des Übersetzens)

http://www.uebersetzungswissenschaft.de/theorien-ueb.htm (dito)

http://wiki.infowiss.net/%C3%9Cbersetzungswissenschaft (dito)

http://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca07-3/wort.html (J. Lebedewa: Die vollkommene Übersetzung bleibt Utopie)

http://www.swr.de/-/id=7694244/property=download/nid=660374/1jfuqk7/swr2-wissen-20110407.pdf (Rundfunksendung: Übersetzungen)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14982 (verschiedene Übersetzungen „Anna Karenina“)

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