Der Mäuserich sucht eine Frau

Es war einmal ein Mäuserich, der war so hochmütig, dass er keine gewöhnliche Maus heiraten wollte. Nein, es sollte die Tochter des mächtigsten Wesens der Welt sein. Eines Tages machte sich der Mäuserich auf die Suche nach einer solchen Braut und ging geradewegs zur Sonne.

Er verbeugte sich tief vor ihr und sagte: „Es gibt niemanden auf der Welt, der mächtiger ist als du. Du bist stärker als der kälteste Winter und stärker als die dunkelste Nacht. Gib mir darum deine Tochter zur Frau.“ „Du irrst“, sagte die Sonne. „Die Wolke ist stärker als ich. Ich kann nicht scheinen, wenn sie den Himmel bedeckt.“

Da ging der Mäuserich zur Wolke. „Es gibt niemanden auf der Welt, der mächtiger ist als du“, sagte der Mäuserich. „Gib mir darum deine Tochter zur Frau.“ „Du hast nicht recht“, sagte die Wolke. „Der Wind ist stärker als ich. Wenn er weht, treibt er mich am Himmel entlang und zerfetzt mich.“

Da ging der Mäuserich zum Wind. „Es gibt niemanden auf der Welt, der mächtiger ist als du“, sprach der Mäuserich. „Ich hätte deshalb gern deine Tochter zur Frau.“ „Das stimmt nicht, was du sagst“, erklärte der Wind. „Da ist ein großer Turm aus Stein, den ich nicht umblasen kann. Er ist stärker als ich.“ Da ging der Mäuserich zum Turm. „Es gibt niemanden auf der Welt, der mächtiger ist als du“, sagte der Mäuserich. „Ich wünsche mir deshalb deine Tochter zur Frau.“ „Wie kommst du darauf“, sagte der Turm. „Da ist eine Maus in meinen Mauern, die nagt und nagt und nagt. Es gibt nichts, was sie aufhalten kann. Eines Tages stürze ich ein. Sie ist stärker als ich.“ „Was du nicht sagst“, piepste der Mäuserich und tat einen Freudensprung.

Schnurstracks lief er zu der Maus, bat um ihre zierliche Tochter und feierte noch am selben Tag Hochzeit mit ihr.

(http://www.neue-zeitung.hu/documents/NZj_16-2002.pdf, S. 2)

Es gibt das Märchen auch unter der Überschrift „Die Mäusebraut“ (99 Minutenmärchen. Ausgesucht und neu erzählt von Käthe Recheis und Friedl Hofbauer. Verlag Kerle 1995 = 1976, S. 109-111); dort sucht der Mäuserich für seine Tochter Maus den Stärksten auf der Welt als Mann – sonst ist die Geschichte aber nicht von der vorliegenden Fassung unterschieden.

Unter der Überschrift „Hoch hinaus“ gibt es das gleiche Märchen, nur dass hier die Mäusemutter für ihren Sohn eine Frau sucht und schließlich beim Maulwurf als Brautvater landet. Es steht in „Bulgarische Märchen.“ Hrsg. von Elena Ognjanowa, Frankfurt 1992; ich habe es in der Sammlung „Weisheit. Märchen aus aller Welt“. Erzählt von Christa Spilling-Nöker. Freiburg 2013, S. 91 ff., gefunden.

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