Der Zaubertopf – schwedisches Märchen, überarbeitet

Der Zaubertopf

Irgendwo auf dem Lande lebten einmal ein Mann und eine Frau. Die waren sehr arm und besaßen nur noch eine Kuh. Eines Tages mussten sie auch die verkaufen, und die Frau schickte den Mann los, zum Markt. Unterwegs traf er einen alten Greis: „Wohin des Weges, guter Mann?“ „Zum Markt“, antwortete der Mann. „Willst du etwa die Kuh verkaufen?“, fragte der Greis. „Ja!“ „Und was willst du dafür haben?“ „Das weiß ich noch nicht“, sprach der Mann. „Ich will sehen, wie viel man mir bietet.“ Darauf sagte der Greis: „Wenn das so ist, dann gib mir die Kuh. Du sollst dafür diesen Topf hier bekommen, du wirst es nicht bereuen.“
Der Mann gab dem Alten die Kuh und bekam den Topf dafür. Dann ging er nach Hause, zu seiner Frau. „Nun Mann, was hast du für die Kuh bekommen?“ „Diesen Topf hier“, antwortete er. „Und sonst nichts?“, fragte sie. „Nein, sonst nichts.“ „Oh, was bist du nur für ein Dummkopf!“, schimpfte sie. „Lässt dich so übers Ohr hauen! Wie konntest du nur unsere einzige Kuh für so einen schäbigen Topf hergeben!“ – Da hatte die Frau aber unrecht, denn der Topf war nicht schäbig. Er war schön und fein gearbeitet. Doch das sah sie in ihrem Zorn nicht und warf den Topf in die schmutzigste Ecke der Hütte.
In der Nacht konnte die Frau nicht schlafen vor Kummer. Immer wieder musste sie an die verlorene Kuh denken und daran, dass sie nun gar nichts mehr hatten. Da – plötzlich hörte sie etwas. Sie lauschte. Es war der Topf, der sprach: „Jetzt gehe ich!“ „Ja, geh’ nur, du Unglückstopf!“, rief sie, und im gleichen Augenblick sah sie, wie der Topf zur Tür hinausspazierte.
Der Topf wanderte zu einem Jagdschloss des Königs, das in der Nähe lag. Dort stellte er sich vor die Küchentür. Am Morgen, als die Köche herauskamen, sahen sie den Topf. „Seht nur, was für ein schöner Topf“, sagten sie, „den können wir gut brauchen!“ Und sie trugen ihn in die Küche. Dort hatten sie gerade eine Menge Fleisch und Speck zu verarbeiten. Das legten sie alles in den Topf hinein. Als der Topf voll war, sprach er: „Jetzt gehe ich!“, und im gleichen Augenblick war er fort. Er eilte zur Hütte der armen Leute und stellte sich vor ihnen auf den Tisch.
Wie der Mann und die Frau da staunten! So viel Fleisch und Speck in ihrem Haus! Da verstanden sie: Dies war kein gewöhnlicher Topf, nein, sie besaßen einen Zaubertopf! Es tat ihnen nun nicht mehr leid, dass er ihre einzige Kuh gekostet hatte. Sie aßen das Fleisch und all den Speck und es ging ihnen viele Tage lang gut. Die Frau wusch den Topf sauber und putzte ihn so fein, dass er glänzte und noch schöner war als zuvor.
Eines Nachts hörte sie wieder: „Jetzt gehe ich!“ „Ja geh’, geh’ nur, mein bester Topf!“, sprach sie, und im selben Augenblick spazierte der Topf zur Tür hinaus. Er wanderte wieder zum Jagdschloss des Königs. Diesmal stellte er sich vor die Saaltür. Dort waren die Mägde gerade dabei, das Silber zu putzen. Da sahen sie den schönen Topf; sie holten ihn und legten alles Silber hinein. Als der Topf voll war, sprach er: „Jetzt gehe ich!“, und – wips – war er fort und eilte zur Hütte der amen Leute, in die Stube hinein.
Der Mann und die Frau wunderten sich. So viel Silber! Wie konnte es nur einen so großen Schatz geben! Und noch dazu in ihrer Hütte! Jetzt waren sie reich und von ihrer Armut für immer befreit.
Der Topf blieb nun lange Zeit ruhig. Er war blank geputzt und stand auf dem besten Tisch, auf einer besonders feinen Decke. Doch eines Abends sagte er wieder: „Jetzt gehe ich!“ Er ging zum Jagdschloss und blieb vor den Gemächern des Königs stehen. Ein Diener sah ihn dort. „Was für ein schöner Topf steht hier so nutzlos herum?“, sprach er, hob ihn auf und trug ihn in das Schlafzimmer des Königs. Auf dem Schloss war gerade ein großes Fest im Gange. Der König hatte gegessen, getrunken und getanzt, und jetzt hatte er es sehr eilig, denn er musste mal. Er lief in sein Schlafzimmer und sah den Topf da stehen. „Ah, ein neuer Topf! Wie schön“, dachte er. – Er meinte, dass man ihm den Topf für sein Bedürfnis hingestellt hätte, falls er einmal Pipi machen müsste. Er wollte ihn gerade benutzen und setzte sich darauf, aber im selben Augenblick sprach der Topf: „Jetzt gehe ich“, und sauste mit dem König davon.
Hui, schnell wie der Wind war er zur Tür hinaus und eilte über Stock und Stein bis in die Hütte des Mannes und der Frau. Dort blieb er auf dem Fußboden stehen, dann krachte es und er zerfiel in tausend Stücke. Dem König war noch ganz schwindelig von der schnellen Reise und es dauerte eine Weile, bis er sich von dem Schrecken erholt hatte. Er sprach: „Liebe Leute, besorgt mir ein Pferd, so schnell wie möglich! Ich muss sofort zurück ins Schloss. Und – bitte – erzählt niemandem, dass ich auf einem Pisspott gereist bin. Wenn ihr darüber schweigt, lasse ich euch ein neues Haus bauen, so schön und groß, wie ihr es wünscht.“
Und so geschah es. Die beiden, der Mann und die Frau, lebten noch lange vergnügt und im Überfluss, den sie allein dem Zaubertopf zu verdanken hatten.

Schwedisches Volksmärchen, sprachlich leicht überarbeitet

Quelle: http://maerchenbasar.de/klassische-maerchen/nordeuropa/48-schweden/1083-der-zaubertopf.html. Es muss auch noch ein russisches Volksmärchen gleichen Namens geben, vielleicht auch ein italienisches.

Bilder von Nachttöpfen:

http://www.museumderdinge.org/pflegschaften/bilder/_xl_Pisspott.jpg,

http://utopia-index.com/uploads/09/12/14/1sex1xo3s3z8/670_503_3/galerie-nachtopf.jpg,

http://www.aller-leih.com/static/images/productimage-picture-nachttopf-5054_JPG_600x600_q85.jpg

Es gibt noch ein ähnliches Märchen: http://www.sagen.at/texte/maerchen/maerchen_oesterreich/allgemein/vernaleken/zaubertopf.html (Der Zaubertopf und die Zauberkugel)

Ethnologisches zu Märchen von Zaubertöpfen: http://www.journal-ethnologie.de/Deutsch/Aktuelle_Themen/Aktuelle_Themen_2006/Zauber_und_Magie/index.phtml

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s