Manfred Kyber: Unter uns Ungeziefer

Eine dicke Wanze, Frau Oberbettrat Krabbelbein, geborene Saugesanft, hatte zu einem Rout in ihre Villa, eine alte Matratze, eingeladen. Aber nur Ungeziefer im allerstrengsten Sinn des Wortes. Man wollte ganz unter sich sein. Keiner, der nicht matratzenfähig war, sollte zugelassen werden. Die Kammerwanze hatte strengste Weisung. Frau Oberbettrat Krabbelbein hielt auf Standesgefühl. Außerdem sollte der Rout einen politischen Charakter tragen. Es sollte eine Resolution gefaßt werden. Das mußte streng intern bleiben. Deshalb war auch ihre Villa der richtige Ort. Denn wo kann es interner sein als in einer alten Matratze?

Zuerst kamen die Wanzen, die zur engeren Familie gehörten. Einige alte Onkel und Tanten mit durch und durch verwanzten Grundsätzen und vornehm glänzenden Rückenschalen. Sie krochen langsam und würdig und dufteten intensiv nach Peau de punaises – mit einem Wort, alte Familie. Auch setzten sie die Füße noch in den altmodischen zierlichen Pas, wie sie es in der ersten Krabbelstunde gelernt hatten. Denn die Wanze ist konservativ. Daher bleibt sie auch, solange sie irgend kann, in der alten Matratze – wenn nicht ausgeklopft wird. Nach verbindlichem Bewegen der Fühlhörner gruppierte man sich um die Dame des Hauses.

Gleich darauf kam auch die Jugend. Einige Flöhe aus den allerbesten Kreisen. Darunter der Champion im Hochsprung und der Champion im Weitsprung. Überhaupt Sportsleute, jeunesse doree. Der Führer der Gesellschaft war ein elegant gebauter vielgereister Floh mit lässigen Beinbewegungen. Sein Wahlspruch war: »Toujours en dessous«, und man sagte ihm nach, er sei frivol und blasiert. Aber da er sein Ungezieferblut nie verleugnet hatte, so sah man ihm das nach und entschuldigte es mit den weiten Reisen, die ja bekanntlich das Gemüt verderben und es leicht von der alten angestammten Matratze ablenken zu Dessous und ähnlichen unsoliden Gegenständen.

Auch Läuse kamen, Kopfläuse. Sie hatten ihre Handarbeit mitgebracht, einige Haare, an denen sie emsig häkelten. Läuse sind so tätig.

Alles kroch an der Dame des Hauses vorbei, die ihr rechtes Fühlhorn graziös zum Kuß reichte. Es herrschte strenge Matratzenetikette. Es roch förmlich nach Tradition und peau de punaises.

Nachher lagerte man sich zwanglos. Man war ja unter sich. Nur die Schaben durften an dem Defiliergekrieche nicht teilnehmen und auch das Fühlhorn von Frau Oberbettrat Krabbelbein nicht küssen. Sie galten als Küchenpersonal, und so was hat unter lauter echtem Ungeziefer abseits zu stehen. Es ist nicht standesgemäß. So saßen die Küchenschaben bescheiden am Ende der Matratze. Hinter ihnen, als noch minderwertiger, waren die Bücherläuse postiert, die grau und unscheinbar aussahen.

Frau Oberbettrat Krabbelbein faltete die Fühler und sagte: »Liebe Gesinnungsgenossen! Ich heiße Sie alle von ganzem Wanzenherzen mit beiden Fühlern willkommen. Ein ernster Zweck hat uns vereint. So laßt uns beginnen! Baron Plattmagen hat das Wort.«

Baron Plattmagen, ein schon altersbrauner Wanzerich, erhob sich. »Meine Damen und Herren, sowie auch Küchenschaben und Bücherläuse« – er trennte die Anrede –, »unsere hochverehrte Frau Oberbettrat Krabbelbein hat recht gesprochen. Es ist ein ernster Zweck, der uns hergeführt hat. Unsere vitalsten Interessen stehn auf dem Spiel. Der ehrwürdige Boden, auf dem wir fußen, beginnt zu wanken. Es ist eine schlimme Zeit. Eine Zeit, in der alte Matratzen ausgeklopft werden.«

Baron Plattmagen bewegte ergriffen die Beine. Frau Oberbettrat Krabbelbein blickte tränenden Auges auf ein Loch in ihrer Villa. Ein beifälliges Krabbeln ging durch die ganze Gesellschaft.

»Ich danke Ihnen für Ihre Zustimmung«, sagte Baron Plattmagen, »sie ermutigt mich fortzufahren. Wenn wir unsere Interessen verteidigen, so verteidigen wir eine große Vergangenheit. Was haben wir alles geleistet! Solange man denken kann, haben Wanzen und Flöhe Menschen und Tiere ausgesogen. Wir haben auch sonst unendlich viel für die Kultur geleistet. Ja, wir leisten es noch heute. Sehen Sie um sich! Wo ist der Champion im Hochsprung? Wo ist der Champion im Weitsprung? Unter uns sind sie! Unter den Besten der Unseren. Sehen wir vom Geschichtlichen ab! Welch einen Hausfleiß entwickeln unsere stillen, sanften Verwandten, die Läuse! Sehen wir von der Gesellschaft ab! Selbst die Niederen unter uns, die Küchenschaben, entwickeln Fleiß und Ausdauer, getreu unserem leuchtenden Beispiel! Gehen wir noch tiefer! Betrachten wir die Bücherläuse! Sie zerstören in der Literatur, was sie können. Leider immer noch nicht genug und nicht am richtigen Platze. Sie fressen zu wahllos. Ich will ihrer Tätigkeit unser Wohlwollen nicht vorenthalten. Aber von durchgreifendem Nutzen kann sie nur sein unter unserer Leitung, wenn sie streng in unserem Sinne, durchaus ungeziefergemäß ausgeübt wird.«

Die Bücherläuse schwiegen bedrückt und sahen ergeben auf Baron Plattmagen. Sie hatten wirklich getan, was sie konnten. Ihnen war schon ganz wüst im Kopf vom vielen Bücherzerfressen, und zum Verdauen war überhaupt keine Zeit mehr.

»Richten Sie Ihr Augenmerk vor allem auf die Tagespresse!« rief Baron Plattmagen. »Hier liegt die Gefahr. In Büchern ist Kunst und solch ein Kram dabei, darum liest das kein Mensch. Aber die Zeitung liest jeder, weil er wissen will, was er denken soll. Die Presse ist unser ärgster Feind. Jeden Tag stehen die aufreizendsten Annoncen in der Zeitung, wie man Ungeziefer vertilgen kann. Das muß das Publikum verderben.

Fressen Sie die Presse, wenn Ihnen unsere Interessen heilig sind und wenn Sie würdig bleiben wollen, in den Reihen des Ungeziefers zu stehen! Wir alle aber, meine verehrten Damen und Herren sowie auch Küchenschaben und Bücherläuse, wir wollen uns wenden gegen diese verwerfliche Hetze und abscheuliche« – der Redner stockte –, »diese abscheuliche – es steht im Konversationslexikon unter I …« »Intelligenz«, warf eine Bücherlaus hilfreich und bescheiden ein.

»Ach was, halten Sie die Beißzange!« schrie Baron Plattmagen echauffiert, »abscheuliche Infamie, wollte ich sagen.« »Unter uns Ungeziefer ist das doch ganz egal«, meinte der elegante Floh mit dem Wahlspruch »Toujours en dessous«.

Man überging es taktvoll. Man wußte ja, er war frivol. Das kam von den weiten Reisen, wo das Gemüt verdorben wird. Baron Plattmagen erhob beide Fühler.

»So fassen wir denn«, rief er, »so fassen wir denn alles zusammen, was uns teuer ist. So fassen wir denn eine Resolution und fassen wir sie zusammen in die Worte: Schützet eure alten Matratzen!«

Nicht enden wollendes Bravorufen und Beineklatschen folgte dem Schluß der Rede. Schützet eure alten Matratzen! Man fühlte, daß in diesen Worten wirklich alles erschöpft war, was dem Ungeziefer heilig ist.

Der Rout von Frau Oberbettrat Krabbelbein, geborener Saugesanft, war zu Ende.

Es juckt einen förmlich.

(http://gutenberg.spiegel.de/buch/tiergeschichten-5507/16, aus Manfred Kyber: Tiergeschichten; wer sie alle lesen will, kann hier beginnen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/tiergeschichten-5507/1)

Ich kannte bis heute Manfred Kyber nicht, was nur zu bedauern ist – ich bin auf der Suche nach Märchen für Kinder auf ihn gestoßen; aber was er schreibt, ist ja wirklich nicht für Kinder gedacht. Gleichwohl sortiere ich ihn unter „Märchen“ ein – wo auch sonst?

http://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Kyber

http://manfred-kyber.de/ (weitere Werke Kybers!)

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