B. von Brentano: Theodor Chindler – Besprechung

Im Rahmen der Familie Chindler wird vom 1. Weltkrieg bis zur scheiternden Novemberrevolution 1918 erzählt und dessen politische Bedeutung reflektiert; damit unterscheidet sich Bernard von Brentanos Roman (1936, Neuausgabe 2014) grundlegend von Romanen wie Köppens „Heeresbericht“ oder Remarques „Im Westen nichts Neues“.

Theodor Chindler ist Zentrumsabgeordneter, der in seiner Fraktion kaum zu Wort kommt, gegen den U-Boot-Krieg argumentiert, gegen die Sozen hetzt und treu zur Kirche steht (und sich herzlich wenig um seine Familie kümmert); seine Frau Elisabeth setzt die Erziehung ihrer Kinder zu Menschen, die ordentlich leben, nach oben streben und der Mutter dankbar sind, fort, auch wenn die Kinder eigene Wege gehen wollen und müssen. Von den fünf Kindern kommen vor allem der Sohn Ernst, die Tochter Margarethe und der jüngere Sohn Leopold vor: An Ernst, dem Stabsoffizier und späteren Frontsoldaten, hängt seine schöne Frau Lilli mit ihrem Wunsch, zu leben und zu verstehen, mitsamt ihren Bekannten; Margarethe geht als Krankenschwester aus dem Haus und lebt mit dem Sozialdemokraten Koch zusammen, der sie in die politische Arbeit einführt; Leopold hängt an seinem homosexuellen Freund Vierling, der sich das Leben nimmt, und hält die Beziehung zu Lilli und Margarethe aufrecht. Auch wenn Theodor Chindler zum Schluss Minister wird, ist die Familie auseinander gefallen: Ernst ist schwer verwundet und geht mit Lilli weg; Margarethe flieht vor einer erneuten Verhaftung nach Berlin, da ohne Koch sie nichts in Neustadt hält; Elisabeth bleibt in ihrer katholischen heilen Welt gefangen; was aus Leopold wird, ist unklar.

Der auktoriale Erzähler blickt aus einem späteren Heute auf die damaligen Ereignisse zurück und kommentiert sie ausgiebig; er spinnt viele Erzählstränge, indem er den Akteuren auf ihren Reisen nach Berlin, nach Neustadt oder an die Front folgt. Die politische Dimension überlagert das Familiengeschehen: Immer wieder wird die arrogante Herrschaft der Militärs, die Unentschlossenheit der Politiker und die Gefügigkeit der Menschen aufgezeigt – und zwar nicht nur der Katholiken, deren Hauptsorgen die Rechte der Kirche sind, sondern auch der Sozialisten, die von ihrer Parteileitung ebenfalls wie eine Herde geführt werden. Dagegen stellt sich Koch, der Margarethe ein neues Denken lehrt, und Lilli bricht aus dieser Welt aus, wie auch Ernst sich im Lauf des Krieges geändert hat.

Die beiden Frauen Margarethe und Lilli gehören zu den interessantesten Figuren des Romans; an ihnen wird immer wieder die Frauenfrage durchexerziert, d.h. sie stellen andere vor die Frage, was sie von einer Frau erwarten und wozu eine Frau gut sein soll. Indirekt wird diese Frage auch durch die verfehlte Existenz der Elisabeth Chindler gestellt: Wie kommt es, dass eine Frau derart frustriert-rechthaberisch ihre eigenen Kinder von sich stößt im Bemühen, sie an sich und ihren Katholizismus zu binden?

Der Roman hat mir bewusst gemacht, wie wenig man (ich) von der deutschen Wirklichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von den politischen Ereignissen hinter der Front und vom Verlauf der Novemberrevolution weiß. Der Roman ist fesselnd, lesenswert, romantechnisch eher traditionell gestrickt, aber wegen seiner Thematik wichtig.

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„Je öfter Maggie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, daß der Mensch zwar die Pflicht hat, die Kinder zu erziehen, aber nicht das Recht, den erwachsenen Menschen zu ändern; niemand ist ein solcher, daß er das Recht hätte, zu einem zweiten zu sagen, höre auf zu sein, wie du bist, und werde anders, nämlich so, wie ich dich haben will.“ (S. 282 f.)

„Wenn Du Dich einmal nach dem Krieg um die Politik Deines Vaterlandes kümmern wirst, wirst Du erkennen, daß bei uns die Politik leider nicht vom Volke gemacht wird, sondern von Apparaten.“ (Brief Theodor Chindlers, S. 313)

„Von einem kaiserlichen Anführer und einer Anzahl Militärs geführt, welche das Volk mit Sporen und Kandare ritten, war das Volk in diesen Krieg gelockt worden, den es, je länger er dauerte, um so weniger verstand.“ (S. 350)

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http://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_von_Brentano der Autor

http://www.fr-online.de/literatur/bernard-von-brentano-der-mann-im-strom,1472266,29433530.html der Autor: Würdigung

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article135806697/Mit-neuer-Sachlichkeit-gegen-den-Ersten-Weltkrieg.html (dito)

http://www.deutschlandfunk.de/autor-bernard-von-brentano-wie-ist-dem-deutschen-zumute.871.de.html?dram:article_id=306159 (dito)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-29193613.html der Autor: die Familie

http://muellers-lesezelt.de/rezensionen/brentano_goldmann.pdf Rezension eines Buches über B. von Brentano

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/wiesbaden-liest-theodor-chindler-eine-familie-im-krieg-13105168.html der Roman

http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kulturthema/theodor-chindler-von-bernard-von-brentano/-/id=10016988/did=14800810/nid=10016988/1cnfrar/index.html (dito)

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/bernard-von-brentanos-roman-theodor-chindler-100.html (dito)

http://www.steffi-line.de/archiv_text/nost_serie/m_chindler.htm die Verfilmung

http://de.wikipedia.org/wiki/Novemberrevolution Novemberrevolution 1918

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution/ (dito)

http://www.novemberrevolution.de/ (dito)

http://www.bpb.de/apuz/30781/die-paradoxe-revolution-1918-19?p=all (dito)

http://beamte.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/339483x434877d/rewrite/michaelaust/Texte/Zeitungsausschnitte/Novemberrevolution_Deutschland_1918.htm (dito)

http://www.lehrer-online.de/revolution18-19.php (dito)

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