Enzensberger: Mausoleum – die Repräsentanten und der Begriff des Fortschritts

Hans Magnus Enzensberger: MAUSOLEUM. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1975

Da ich von den 37 bedichteten Personen (übrigens nur Männer) etwa 15 nicht kannte, stelle ich sie alle kurz mit einem Beitrag aus dem Internet vor – dabei versuche ich vor allem ihr Werk zu würdigen, weniger ihr Leben zu erzählen. Zu jeder Person gibt es jedoch Links, mit deren Hilfe man seine Kenntnisse erweitern und vertiefen kann. Anschließend werde ich etwas zur Auswahl und zu Enzensbergers Begriff des Fortschritts sagen.

Giovanni de’ Dondi (1318-1389)

Dondi war durch seinen Vater zur Astronomie und zur Uhrmacherei gekommen. Dieser hatte mit Förderung des Prinzen Ubertino de Carrara in Padua eine öffentliche Schlagwerkuhr für dessen Palazzo del Capitanio gebaut, die schon 1344 in den Palastturm eingebaut wurde. […]

Giovanni wurde einer der bedeutendsten Astronomen seiner Zeit. Gleich nach seiner Ankunft in Padua im Jahr 1348 begann er mit dem Entwurf und dem Bau seiner eigenen astronomischen Uhr, des sogenannten „Astrariums“ oder „Planetariums“, einer mechanischen Räderuhr mit Gewichtantrieb und Schlagwerk. Er schloss diese Arbeit erst 1364 ab, also 16 Jahre später, und ließ seine Erfindung auf dem großen Marktplatz von Padua aufstellen. Diese Uhr zeigte u. a. den Lauf der Sonne, des Mondes und der damals bekannten fünf Planeten Venus, Mars, Saturn, Merkur und Jupiter um die Erde als Zentrum – gemäß dem damals vorherrschenden ptolemäischen Weltbild (siehe auch: Almagest). Außerdem wurde erstmals die Länge eines jeden Tages in Stunden und Minuten, das genaue Datum und der Name des zu ehrenden Heiligen angezeigt.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_de_Dondi; vgl. die Skizzen https://www.youtube.com/watch?v=9Crc3lNLvNo)

Das Gedicht „Himmelsmaschine“ steht bereits im Gedichtband „Blindenschrift“, 1964.

Johann Gensfleisch zum Gutenberg (1395-1468)

gilt als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern (Mobilletterndruck) und der Druckerpresse.

Die Verwendung von beweglichen Lettern ab 1450 revolutionierte die herkömmlichen Methoden der Buchproduktion und löste in Europa eine Medienrevolution aus. Gutenbergs Buchdruck breitete sich schnell in Europa und später in der ganzen Welt aus (siehe Ausbreitung des Buchdrucks) und wird als ein Schlüsselelement der Renaissance betrachtet. Insbesondere sein Hauptwerk, die Gutenberg-Bibel, zwischen 1452 und 1454 entstanden, wird allgemein für ihre hohe ästhetische und technische Qualität gerühmt.

Zu Gutenbergs zahlreichen Beiträgen zur Buchdruckerkunst gehören neben der Verwendung von beweglichen Lettern auch die Entwicklung einer besonders praktikablen Legierung aus Zinn, Blei und Antimon[1], einer ölhaltigen Tinte und eines Handgießinstruments. Zudem erfand er die Druckerpresse. Das besondere Verdienst Gutenbergs liegt darin, alle Komponenten zu einem effizienten Produktionsprozess zusammengeführt zu haben, der erstmals die maschinelle Massenproduktion von Büchern ermöglichte.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Gutenberg; vgl. http://www.gutenberg.de/erfindun.htm oder die Filme https://www.youtube.com/watch?v=CQ15b61A1UA und https://www.youtube.com/watch?v=kGkuZTgO7Sw)

Niccolò Macchiavelli (1469-1527)

Vor allem aufgrund seines Werkes Il Principe (dt. Der Fürst) gilt er als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit. Machiavelli ging es hier – im Ansatz neutral – darum, Macht analytisch zu untersuchen, anstatt normativ vorzugehen und die Differenz zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist, festzustellen. Er orientierte sich in seiner Analyse an dem, was er für empirisch feststellbar hielt. […]

Nach Volker Reinhardt formuliert Machiavelli in diesem Werk als erster überhaupt die Grundsätze der Staatsräson, dass nämlich ein Herrscher, um die elementaren Notwendigkeiten des Staates zu erfüllen, „die Gesetze der traditionellen Moral verletzen“ müsse, sonst gehe er mit dem Staat zusammen unter. Für einen Herrscher sei es demnach gleichgültig, ob er als gut oder als böse gilt, wichtig sei nur der Erfolg, der voraussetzt, vom Volk nicht gehasst zu werden und folgende drei Gebote zu beachten: „Du sollst dich nicht an den Gütern deiner Untertanen gütlich tun; du sollst dich nicht an ihren Frauen vergreifen; du sollst nicht einfach aus Spaß töten.“ […]

Volker Reinhardt sieht in dem Werk einen „Bruch mit der politischen, philosophischen und theologischen Tradition.“ Die Macht wurde von der traditionellen Moral freigesprochen. Nach Reinhardt löste das Werk zwei „Schockwellen“ aus, die eine dadurch, „dass der Politik die Maske der Wohlanständigkeit heruntergerissen und Herrschaft als Inszenierung der Propaganda entlarvt wurde“, die zweite, indem „diese bestürzenden Fakten beschrieben, analysiert und ohne jeden Aufruhr zur ethischen Besinnung akzeptiert wurden.“

(http://de.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2_Machiavelli; vgl. http://universal_lexikon.deacademic.com/268827/Machiavelli,_Hobbes_und_Locke%3A_Politik_und_Menschenbild

http://www.jenspeterkutz.de/000265.pdf

http://www.geocities.ws/machiaveli_1469/material06.htm)

Das Gedicht „An Niccolo Macchiavelli geboren am 3.Mai 1469“ steht bereits im Gedichtband „Blindenschrift“ (1964).

Bernardino de Sahagún (1499-1590)

war ein spanischer Missionar und Ethnologe. Er ist der Autor des bedeutendsten zeitgenössischen Werkes über das Leben und die Kultur der Azteken. […]

Sahagún beschreibt im Prolog zu Buch 2, wie er bei seinen Feldforschungen vorging. Zunächst versammelte er die Ältesten und den Dorfherrn, der meist über gute Kenntnisse des zivilen, militärischen, politischen und religiösen Umfeldes verfügte. Diesem Personenkreis erläuterte er seinen Plan und ließ sich von ihnen erfahrene Informanten benennen, die ihm seine Fragen beantworten konnten. Am nächsten Tag traf er sich mit den zehn bis zwölf genannten Personen, meist älteren Leuten, die er zusammen mit einigen seiner Lateinschüler befragte, die er zuvor in Tlatelolco unterrichtet hatte. Mit diesen Dolmetschern und Informanten, die jeweils zur führenden Schicht des Landes zählten, brachte er tageweise zwei Jahre lang mit Unterhaltungen und systematischen Befragungen zu, die die fremde Welt von oben (Götter, Schöpfung, Mythen) bis unten (Tiere, Pflanzen) abhandelten. Scholastische Akribie, Sprachkenntnisse und Unvoreingenommenheit gegenüber der fremden Kultur vereinigten sich so zu einem Ganzen. […]

Nach seinem Umzug nach Tepepulco (1565) überarbeitete Sahagún das Material, korrigierte und erweiterte es; auch die etwa 1.700 Illustrationen (Codex Florentinus) entstanden hier. Wenngleich er das Weltverständnis seiner Informanten in keiner Weise teilte und das Material nur zum Zweck der Missionierung sammelte, so ließ sich Sahagún doch so weit auf die verschwundene und zerstörte Welt der Azteken ein, dass die fremde Kultur in ihrer eigenen Sprache voll zur Geltung kam.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Bernardino_de_Sahag%C3%BAn; vgl. http://www.motecuhzoma.de/sahagun.htm und http://www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de/mom/2014_11_mom.html)

Tyge Brahe (1546-1601)

Im Alter von 20 Jahren verlor Brahe bei einem Duell, dessen Grund der Streit um eine mathematische Formel mit einem Kommilitonen war, einen Teil seiner Nase. Er trug der Überlieferung nach eine Nasenprothese aus einer GoldSilber-Legierung, die er mit einer Salbe anklebte. Als man jedoch 1901 sein Grab öffnete und den Schädel untersuchte, um Hinweise auf die besagte Prothese zu finden, fand man Reste von Kupfersalzen an der entsprechenden Stelle, die eher auf eine dünne Kupferfolie hindeuteten als auf eine schwerer zu tragende Prothese aus einer Goldlegierung.

Brahe beobachtete 1572 eine Supernova, „ein Wunder, wie es seit Anbeginn der Welt nicht gesehen wurde“. Seine Schrift über den „neuen, nie zuvor gesehenen Stern“ machte ihn unter den Astronomen in ganz Europa berühmt.

1573 heiratete er eine Bürgerliche: Kirstine Barbara Jörgensdatter, den Quellen nach eine Tochter des Pastors von Kågeröd. Sie bekamen acht Kinder, andere Schriften nennen neun.

König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen finanzierte die Sternwarten Uraniborg und Stjerneborg auf der damals noch dänischen Öresundinsel Ven vor Landskrona, an denen Brahe 21 Jahre lang forschte. […] Tycho baute in Uraniborg ein gutes Dutzend Instrumente. Eines der bekanntesten und präzisesten war der Mauerquadrant, auch tychonischer Quadrant genannt, mit einem Radius von zwei Metern. Er war fest an einer Mauer installiert und genau nach Süden ausgerichtet. […] Durch Beobachtung der Sonne und einfache Peilung nach dem Visierprinzip über Kimme und Korn gelang ihm eine wesentlich verbesserte Bestimmung der Länge des Jahres, die er auf 365 Tage 5 Stunden 48 Minuten und 45 Sekunden ermittelte. Die Differenz zum heutigen Wert des tropischen Jahres beträgt weniger als eine Sekunde. Zu Recht gilt er deshalb als einer der bedeutendsten Astronomen.

Tycho Brahe hatte entscheidenden Einfluss auf das Wissenschaftsideal späterer Generationen und begründete mit seiner Arbeitsmethodik des immer exakteren Messens und immer wieder Nachprüfens den Arbeitsstil und die Methodik moderner Wissenschaft.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Tycho_Brahe; vgl. http://wiki.astro.com/astrowiki/de/Tycho_Brahe oder http://galileo.rice.edu/sci/brahe.html oder http://m.schuelerlexikon.de/mobile_geschichte/Tycho_Brahe.htm)

Tommaso Campanella (1568-1639)

Dominikanermönch, wurde nach einem unsteten Leben 1598 verhaftet und 27 Jahre gefangen gehalten, lebte dann in Rom und später in Paris, wo er 1639 starb.

C. bekämpft den Aristoteles und verlangt ein selbständiges Studium der Natur, in Anlehnung besonders an Telesius. In der Erkenntnislehrebetont C., daß alle (weltliche) Erkenntnis auf Wahrnehmung und Erfahrung beruht, daß alles, was im Verstande ist, aus den Sinnen kommt, um dann aber beurteilt zu werden, da die Sinne allein täuschen können. Nur aus der Betrachtung der Natur selbst ist für die Metaphysik Erkenntnis möglich. Denn die Welt ist »das zweite Buch, darinnen ewiger Verstand selbst eigene Gedanken schrieb«, »der lebendige Spiegel, welcher uns das Antlitz Gottes im Reflexe zeigt«. Die innere Erfahrung zeigt uns unser Ich als etwas absolut Gewisses. Ich kann mich nicht über mich täuschen, wenn ich nicht bin (Univ. philos. I, 3, 3). Der Anfang aller äußeren Erkenntnis ist die Empfindung. […]

Daß Gott existiert, wissen wir absolut gewiß, denn die Vorstellung des Unendlichen kann nur von diesem selbst stammen, nicht von einem endlichen Wesen. Gott ist das unendliche, über alles Endliche erhabene Sein, das Überseiende. Die allen Dingen eigenen Prinzipien (»Primalitäten«) des Seienden: Macht (Können), Weisheit (Wissen) und Liebe (Wille) sind in ihm unendlich. […] Das Streben nach Selbstvervollkommnung ist die Quelle der Sittlichkeit. – Im »Sonnenstaat« gibt C. (von Plato beeinflußt) das Bild eines vollkommenen Staates, in welchem Priester-Philosophen herrschen, ein Kommunismus in allen Dingen besteht, Ehe und Erziehung vom Staate geleitet sind.

(http://www.zeno.org/Eisler-1912/A/Campanella,+Tommaso?hl=campanella; vgl. auch http://www.anderegg-web.ch/phil/campanella.htm oder http://de.wikipedia.org/wiki/Tommaso_Campanella;

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lafargue/1895/campanella/

http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/89_Saage.pdf

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Campanella,+Tommaso/Der+Sonnenstaat)

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)

Philosoph und Mathematiker, Diplomat, Politiker und Ökonom, Ingenieur, Jurist und Wissenschaftsorganisator, wird 1646 in Leipzig geboren. Er studiert Jura und Philosophie in Leipzig und Jena und promoviert 1667 an der Nürnberger Universität in Altdorf. 1670 wird er kurfürstlicher Rat beim Revisionsgericht in Mainz. In diplomatischer Mission reist er 1672 und 73 nach Paris und London. Dort trifft er Huygens, Arnauld, Malebranche, Boyle und Newton. 1676 wird er Hofrat und Bibliothekar des Welfenhauses in Hannover, dessen Geschichte er schreibt. Mit einer Vielzahl von Plänen und Projekten ist er befaßt: die Entwicklung der Differentialrechnung und der Dualzahlen, die Entwässerung von Gruben mit Hilfe von Windkraft, die Konstruktion einer Rechenmaschine, der Entwurf einer Idealsprache, die Errichtung einer deutschen Akademie der Wissenschaften, deren Präsident er 1700 wird. Zu seinen Lebzeiten erscheinen neben der Theodicee und den Nouveaux Essais nur kleinere Werke. Er stirbt 1716 in Hannover. Wichtige Werke – lateinisch, deutsch und französisch geschrieben – werden erst nach seinem Tode publiziert.

(https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/17Jh/Leibniz/lei_intr.html; vgl. auch

http://www.gwlb.de/Leibniz/Leibnizarchiv/Leben_und_Werk/

http://www.f07.fh-koeln.de/imperia/md/content/personen/bold_christoph/leibniz.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz

http://www.technikatlas.de/~th2/biografie.html

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118571249.html

http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Leibniz,_Gottfried_Wilhelm

http://www-groups.dcs.st-and.ac.uk/~history/Mathematicians/Leibniz.html Links)

Carl von Linné (1707-1778)

studierte zunächst Medizin in Lund, wandte sich aber bald der Botanik zu; bereiste 1732 Lappland, lehrte in Falun Mineralogie, unternahm weitere Reisen nach Holland (1735, dort Promotion in Medizin), England (1736) und Paris (1738); praktizierte anschließend in Stockholm als Arzt, war Mitbegründer und ab 1739 erster Präsident der schwedischen Akademie der Wissenschaften; ab 1741 Professor der Medizin, 1742 auch Professor der Botanik in Uppsala und Direktor des Botanischen Gartens, den er ausbauen, nach seiner Systematik umgestalten ließ und dem er ein naturhistorisches Museum angliederte. Linné war der bedeutendste Systematiker seiner Zeit, der die biologische Systematik grundlegend reformierte. Seine wichtigsten Leistungen sind der Entwurf einer hierarchischen Gliederung des Organismenreiches in Form eines enkaptischen (einschließenden) Systems (Klassifikation) und die Einführung der übersichtlichen binären Nomenklatur oder binominalen Nomenklatur, die jede biologische Art mit einem zweiteiligen lateinischen Namen benennt, der aus dem Gattungsnamen (Substantiv; Gattung) und einem artspezifischen Zusatz (meist ein Adjektiv; Epitheton) besteht. Beim Entwurf der neuen Systematik, die er in dem erstmals 1735 erschienenen Werk „Systema naturae“ veröffentlichte, wurde er von Arbeiten von J. Ray (der bereits Doppelbezeichnungen für Gattungen und Arten eingeführt hatte) und von J.P. de Tournefort beeinflußt: er zog zur Identifikation der Pflanzen 4 Merkmale heran: Zahl, Gestalt, Proportion und Lage von Staubblättern und Fruchtblättern (von ihm als „Sexualsystem“ bezeichnet) und verwendete in seinem System nur 4 Taxa: Art, Gattung, Ordnung und Klasse – jeweils für das Pflanzen- und das Tierreich (in der modernen Taxonomie werden weitere Taxa, z.B. Familie, Unterklasse, unterschieden; die vollständige taxonomische Reihe wird auch als Linnaeische Hierarchie bezeichnet). […] In der 12. Auflage der „Systema naturae“ (1766) ordnete Linné erstmals den Menschen in das Tierreich ein; er benannte ihn als Homo sapiens und stellte ihn mit dem Schimpansen und dem Orang-Utan in die von ihm benannte Ordnung Herrentiere (Primates; Primaten). Für Mineralien schuf er ebenfalls ein übersichtliches System. – Auf Linné geht auch die Idee der Blumenuhr zurück (Zusammenstellung von Pflanzen, die ihre Blüten zu verschiedenen Tageszeiten öffnen und schließen; Blütenbewegungen).

(http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/linn%C3%A9-carl-von/39482; vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Linn%C3%A9 oder http://www.deutsches-museum.de/bibliothek/unsere-schaetze/biologie/linne/)

Jacques de Vaucanson (1709-1782)

wuchs in ärmlichen Verhältnissen als Sohn eines Handschuhmachers auf und wollte in seiner Jugend Uhrmacher werden. Er besuchte ein Jesuitenkolleg und trug sich mit dem Gedanken, dem Minimi-Orden in Lyon beizutreten, entschied sich dann aber doch für eine Laufbahn als Ingenieur.

1741 wurde er von Kardinal Fleury, dem ersten Minister König Ludwigs XV., zum Chefinspekteur der französischen Seidenmanufakturen ernannt. In dieser Funktion trieb er die maschinelle Produktion voran und baute 1745 den ersten vollautomatischen Webstuhl. […]

Vaucanson wurde berühmt als Konstrukteur von Automaten. 1737 baute er einen mechanischen Flötenspieler, der ein Repertoire von zwölf Liedern hatte und auf einer mechanischen Stiftwalze mit zwei Bewegungsrichtungen basierte. Dabei bewegte sie sich in der üblichen Drehung und konnte zusätzliche Bewegungen zur Seite vollführen, die durch ein Schneckengetriebe bewirkt wurden. Über der Walze lagen mehrere Stiftreihen. 1738 stellte er ihn der französischen Akademie der Wissenschaften vor. Vaucansons Traum war es, einen möglichst akkurat funktionierenden künstlichen Menschen zu erschaffen.

Als sein Meisterwerk gilt jedoch seine mechanische Ente. Sie bestand aus mehr als 400 beweglichen Einzelteilen, konnte mit den Flügeln flattern, schnattern und Wasser trinken. Sie hatte sogar einen künstlichen Verdauungsapparat: Körner, die von ihr aufgepickt wurden, „verdaute“ sie in einer chemischen Reaktion in einem künstlichen Darm und schied sie daraufhin in naturgetreuer Konsistenz aus. Vaucanson schuf mit dem Darm seiner Ente zudem den wohl ersten biegsamen Gummischlauch.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_de_Vaucanson; vgl. auch http://www.punktmagazin.ch/wirtschaftliches/die-mechanische-ente/

http://www.deutschlandfunk.de/keine-spielereien.871.de.html?dram:article_id=126066)

Raimondo di Sangro (1710-1771)

war ein italienischer Aristokrat, Erfinder, Soldat, Schriftsteller und Wissenschaftler, der für die Restaurierung der Cappella Sansevero in Neapel zuständig war.

Der Vater des Fürsten war Antonio di Sangro, Herzog von Torremaggiore, und seine Mutter war Cecilia Gaetani dell’Aquila d’Aragona. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Er wurde mit zehn Jahren ins Jesuitenkolleg nach Rom geschickt, wo er die bestmögliche Ausbildung erhielt.

Nach seiner Ausbildung wurde er Soldat König Karls III. von Bourbon. Für den König ließ Raimondo mehrere wasserdichte Mäntel herstellen. Andere Erfindungen des Prinzen waren: künstliche Edelsteine, künstliches Wachs, eine Art ewiges Licht, Kunstseide, eine Eisenlegierung für leichtere Kanonen und Mehrfarbendruck bei nur einem Druckvorgang.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Raimondo_di_Sangro; vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Raimondo_di_Sangro)

Giovanni Battista Piranesi (1720-1778)

Seine Ausbildung als Architekt begann er am Magistrato delle Acque bei einem Bruder seiner Mutter, Matteo Lucchesi, einem venezianischen Tiefbauingenieur, der für die Regulierung der Lagune zuständig war. […]

1740 reiste er als Zeichner im Gefolge von Marco Foscarini, dem venezianischen Gesandten beim Heiligen Stuhl, nach Rom. […] Ein Jahr nach seiner Ankunft in Rom begann er mit einer Ausbildung bei dem Vedutenzeichner Giuseppe Vasi, der ihm die Grundlagen der Radierung und des Kupferstichs vermittelte. […]

Berühmtheit bis heute erlangte Piranesi vor allem mit den sechzehn Platten der Carceri (Kerker) von 1745 bis 1750, durch Bühnenbilder angeregte Architekturphantasien, die das auch in den Veduten spürbare Gefühl von Einsamkeit, verbunden mit Monumentalität, auf die Spitze treiben. Sie beeinflussten den Gefängnisneubau in Newgate 1770, wurden in Kopien zur Darstellung der Schrecken der Bastille verwendet und haben schließlich noch in der Filmarchitektur des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen. Die ursprünglich eher hell angelegten Platten der Carceri wurden 1761 auf Veranlassung von Piranesis Verleger Bouchard nachbearbeitet, um sie dunkler und konstrastreicher zu machen und damit eine theatralischere Wirkung zu erzielen. Die meisten Reproduktionen der Carceri geben diesen späteren Zustand wieder. – Bereits in seinem Gedichtband „Blindenschrift“ gibt es ein Gedicht Enzensbergers mit dem Titel „Carceri d’invenzione“.

Sehr viel umfangreicher waren aber seine Dokumentationen antiker Bauwerke und Gebrauchsgegenstände in Rom und Umgebung, Cora und Paestum, die Künstlern in ganz Europa als Vorlagen für eigene Werke dienten.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Battista_Piranesi; vgl. http://www.art-directory.de/malerei/giovanni-battista-piranesi-1720/ und

http://www.ub.uni-siegen.de/expo/jonak03/Piranesi.pdf oder

http://www.let.leidenuniv.nl/Dutch/Renaissance/Facsimiles/PiranesiCarceri1750/ und

http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/giovanni-battista-piranesi/)

Lazzaro Spallanzani (1729-1799)

war ein italienischer Priester, Philosoph und Universalwissenschaftler. […]

Seine wichtigsten Entdeckungen liegen auf dem Gebiet der Physiologie: Er schrieb zum Beispiel wertvolle Abhandlungen über die Atmung und über die Sinnesorgane von Fledermäusen, während er Experimente machte (1768), um das Vorkommen von Urzeugung zu widerlegen, indem er im Gegensatz zu John Turberville Needham (1713-1781) nachwies, dass Mikroben nicht in organischen Flüssigkeiten entstehen können, wenn diese abgekocht und in luftdicht verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden. Sein berühmtestes Werk ist Dissertazioni di fisica animale e vegetale (2 Bände, 1780). Darin deutet er erstmals den Verdauungsvorgang; er zeigt, dass dieser kein rein mechanischer Prozess zur Zerkleinerung, sondern ein chemischer ist und hauptsächlich durch das Wirken des Magensafts vorangeht. Er führte auch wichtige Forschungen über die Befruchtung von Tieren durch (1780). 1768 entdeckte er die Regenerationsfähigkeit des Salamanders in Hinsicht auf abgerissene Gliedmaßen.

E.T. A. Hoffmann war von diesen Forschungen fasziniert. Er lässt die Figur Spallanzanis mehrmals (in der weniger üblichen Schreibweise Spalanzani) auftreten.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Lazzaro_Spallanzani; vgl. auch

http://www.merke.ch/biografien/biologen/spallanzani.php

http://m.schuelerlexikon.de/bio_abi2011/Lazzaro_Spallanzani.htm)

Charles Messier (1730-1817)

war ein französischer Astronom. Er wirkte unter anderem als Astronom der französischen Marine und später im Bureau des Longitudes, und gilt als Entdecker von 20 Kometen. […]

Seit 1757 suchte er im Auftrag von Delisle den bereits erwarteten Halleyschen Kometen, fand ihn aufgrund eines Rechenfehlers von Delisle aber erst im Januar 1759 und damit vier Wochen nach der Wiederentdeckung durch Johann Georg Palitzsch. 1761 beobachtete er den Venusdurchgang, drei Jahre später gelang ihm die erste Neuentdeckung eines Kometen. Insgesamt gelangen ihm bis zum Jahr 1801 20 Entdeckungen, darunter 14 eigenständige sowie sechs Co-Entdeckungen. Auf seiner Suche nach neuen Kometen stieß er auf eine Vielzahl anderer Objekte wie Galaxien, Sternenhaufen oder Nebel. Das erste dieser Gebilde – später Messier 1 oder M 1 genannt – hatte er bereits 1758 beobachtet. Um seine Arbeit zu vereinfachen, suchte er gezielt nach weiteren Exemplaren. Dabei benutzte er auch die Kataloge von Edmond Halley, Nicolas Louis de Lacaille, Jacopo Filippo Maraldi und Jean-Baptiste Le Gentil.

Schließlich listete er diese zunächst 45 Objekte im nach ihm benannten Messier-Katalog auf, dessen erste Fassung 1771 veröffentlicht wurde.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Messier; vgl. http://astrokramkiste.de/messier und http://www.maa.clell.de/Messier/D/)

Joseph Ignace Guillotin (1738-1814)

war französischer Arzt und Politiker. […] Am 15. Mai 1789 wurde er gemeinsam mit Emmanuel Joseph Sieyès und Jean-Sylvain Bailly zum Mitglied der Assemblée Constituante gewählt, deren Sekretär er von Juni 1789 bis Oktober 1791 war. […]

Das Problem der Todesstrafe war damals äußerst aktuell. Guillotin berief sich auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und forderte, dass für bestimmte Vergehen ohne Ansehen des Standes die Delinquenten gleich bestraft werden sollten, und zwar durch Enthauptung mittels der Installation eines einfachen Mechanismus. Sein erklärtes Ziel war es, die Hinrichtungen zu „humanisieren“ und das Leiden der Hingerichteten zu verkürzen. […]

Nach der Anleitung von Guillotin und unter Aufsicht von Sanson [Henker von Paris] wurde ein Prototyp von dem deutschen Handwerker und Cembalobauer Tobias Schmidt entwickelt, dessen Werkstatt in Paris sich in unmittelbarer Nähe des Wohnsitzes von Georges Danton und Camille Desmoulins befand.

Graf Pierre-Louis Roederer erhielt sodann den Auftrag, die Maschine erbauen zu lassen. Die ersten Versuche wurden an lebenden Schafen vollzogen. Am 15. April 1792 wurden erstmals drei menschliche Leichname vor Mitgliedern der Assemblée Constituante und den Ärzten Pierre-Jean-Georges Cabanis, Philippe Pinel, Cullerier, Antoine Louis und Guillotin geköpft. Das halbmondförmige Fallbeil wurde von Louis als mangelhaft empfunden und anschließend durch eine abgeschrägte Schneide ersetzt. […] Das halbmondförmige Fallbeil wurde von Louis [Leibarzt des Königs] als mangelhaft empfunden und anschließend durch eine abgeschrägte Schneide ersetzt. Am 25. April 1792 fand die erste öffentliche Hinrichtung statt, bei der die Guillotine zum Einsatz kam. […]

1795 kam Guillotin für einen Monat ins Gefängnis. Als er wieder entlassen wurde, setzte Guillotin seine medizinischen Forschungen fort und wurde 1799 gemeinsam mit Pinel ein leidenschaftlicher Befürworter der Impfungen gegen Kuhpocken, die von dem Engländer Edward Jenner propagiert wurden. […] Guillotin wurde ferner zum Begründer einer medizinischen Akademie in Paris, deren Aufgabe es war, sich mit allen Aspekten öffentlicher Hygiene zu beschäftigen.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph-Ignace_Guillotin; vgl.

http://www.wissen.de/joseph-ignace-guillotin

http://www.deutschlandradiokultur.de/joseph-ignace-guillotin-hinrichtung-mit-dem-fallbeil.932.de.html?dram:article_id=281120

http://www.dummy-magazin.de/issues/41-schmerz/articles/809)

Antoine Caritat Marquis de Condorcet (1743-1794)

kann sein mathematisches Talent erst entfalten, als sich sein Onkel gegen die allein erziehende, streng religiöse Mutter durchsetzt, die den jungen Marquis einer alteingesessenen französischen Adelsfamilie von weltlichem Unterricht fernhalten will. Bereits mit 22 Jahren verfasst er zum Thema der Integralrechnung seine erste wichtige Arbeit, und nur vier Jahre später verhilft ihm seine mathematische Begabung zu einer Mitgliedschaft in der Académie Royale des Sciences.
Neben seiner Tätigkeit als Generalinspekteur der Königlichen Münze, die er – wenn auch ungern – von 1774 bis 1791 ausübt, verfasst er weitere mathematische Abhandlungen, aber auch Schriften zu sozialen und politischen Themen wie zur Gleichberechtigung von Frauen oder zur Abschaffung der Sklaverei.
Besonders bemerkenswert ist Condorcets wahrscheinlichkeitstheoretische Behandlung des Problems eines gerechten, demokratischen Wahlsystems. Es führt zu einem Paradoxon, das heute seinen Namen trägt. Condorcet geht aber auch der Frage nach, unter welchen Voraussetzungen und mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Jury insgesamt eine gerechtere Entscheidung treffen würde als ein einzelnes Mitglied.
Während der französischen Revolution greift Condorcet in das politische Geschehen ein und wird sogar Präsident der Gesetzgebenden Nationalversammlung. Doch gerät er bald in heftige Konfrontation mit den radikalen Jakobinern unter Robespierre. Seine Kritik an deren Verfassungsentwurf führt schließlich dazu, dass er sich bei Freunden verstecken muss, um einer Verhaftung zu entgehen.

(http://www.spektrum.de/alias/der-mathematische-monatskalender/november-2011/1127430; vgl. auch

http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Jean_Antoine_Nicolas_Caritat,_Marquis_de_Condorcet

http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3990/

http://www.spektrum.de/sixcms/media.php/924/November_2011_Condorcet.pdf

http://plato.stanford.edu/entries/histfem-condorcet/)

Oliver Evans (1755-1819)

war ein US-amerikanischer Erfinder und Unternehmer.

Er konstruierte verschiedene Maschinen wie die erste automatische Getreidemühle, eine Förderanlage, den „Hopper Boy“, eine Maschine, die der Mehlkühlung diente und bis heute in ähnlicher Bauweise in Kaffeeröstereien verwendet wird, sowie zwei dampfbetriebene Bagger deren zweiter, der Hafenbagger Orukter Amphibolos, sowohl das erste Fahrzeug in den USA war, das sich aus eigener Kraft fortbewegen konnte, wie auch das erste Amphibienfahrzeug. Von Bedeutung sind auch seine Verbesserungen an der Hochdruckdampfmaschine und seine Beschreibung eines mit Dampf funktionierenden Kühlschranks. […] Orukter Amphibolos wurde Ende 1804 fertiggestellt und in der zweiten Juliwoche des Jahres 1805 der Öffentlichkeit vorgestellt.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Oliver_Evans; vgl.

http://www.mosafilm.de/CF/heftbesprechung/genialkurios/evans/evans.html – besser als der Wikipedia-Artikel, aber wegen der Formatierung nicht reproduzierbar;

http://www.stationspage.de/lokomobile/dampfmaschine.htm

http://en.wikipedia.org/wiki/Oliver_Evans

http://www.britannica.com/EBchecked/topic/196952/Oliver-Evans)

Thomas Robert Malthus (1766-1834)

Im Jahr 1798 erschien in London ein Buch von fast 400 Seiten, dessen Titel in Deutsch folgendermaßen lauten würde: «Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz, wie es die zukünftige Verbesserung der Gesellschaft beeinflußt, mit Bemerkungen über die Spekulationen von Herrn Godwin, Herrn Condorcet und anderen Autoren.» Der Verfasser hüllte sich in Anonymität. Innerhalb kurzer Zeit «war die Auflage vergriffen. Schon in den folgenden fünf Jahren gab es dazu aber mehr als 20 Gegenschriften. […]

Die Ausführungen zum «Bevölkerungsgesetz» beginnt Malthus mit der folgenden Grundlegung: «Ich glaube, zwei Annahmen machen zu können: Erstens, daß Nahrungsmittel für die menschliche Existenz unerläßlich sind, und zweitens, daß die Anziehung zwischen den Geschlechtern notwendig ist und in ihrem jetzigen Umfang fortdauern wird. Wenn das stimmt, so folgt daraus, daß die Fortpflanzungsfähigkeit der menschlichen Bevölkerung viel größer ist als die Möglichkeit des Bodens, genügend Unterhaltsmittel für die Menschen hervorzubringen.» Die Bevölkerung hat also die Tendenz, sich rascher zu vermehren, als die Produktion von Nahrungsmitteln gesteigert werden kann. Daraus folgt wiederum die Tendenz zu einem ständigen Druck gegen die Grenzen des Nahrungsspielraums. Es gibt aber eine Anzahl von Hemmnissen (checks), die verhindern, daß diese Grenze überschritten wird. Unter Umständen wird sie nicht einmal erreicht:
– Ein Faktor ist das Elend, also Seuchen, Hungersnöte und hohe Kindersterblichkeit, wobei in der Regel die «unteren Klassen» besonders betroffen sind.
– Ein zweiter Faktor umfaßt, was Malthus «Laster» nannte, das heißt vornehmlich «sexuelle Ausschweifungen», aber auch den Krieg.
– Neben diesen repressiven Faktoren nennt er aber auch eine präventive Möglichkeit, nämlich «sittliche Enthaltsamkeit»: Die Eheschließung soll so lange hinausgeschoben werden, bis der Unterhalt einer Familie gesichert werden kann – bei gleichzeitigem Verzicht auf anderweitige Befriedigungen des Geschlechtstriebes, die Malthus im Einklang mit den damals herrschenden Wertvorstellungen als lasterhaft und unerwünscht betrachtete.

(http://www.hs-augsburg.de/~harsch/anglica/Chronology/19thC/Malthus/mal_gfaz.html; vgl.

http://www.vorlesungen.info/node/1218

http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/a-557119.html

http://www.zeit.de/1982/43/bevoelkerungsgesetz

http://www.ipw.rwth-aachen.de/pub/paper/paper_26.pdf)

Alexander von Humboldt (1769-1859)

Als 21-Jähriger unternimmt er mit Georg Forster, der an einer Weltumsegelung von James Cook teilgenommen hat, eine wissenschaftliche Reise nach England. Der Anblick des Meeres weckt sein Fernweh. Auf der Heimreise über Paris erleben Humboldt und Forster hautnah die Nachwirkungen der Französischen Revolution. Beide unterstützen die Ideale von bürgerlicher Freiheit und Gleichheit und sind beeindruckt von der Stimmung im Land. […]

Von 1799 bis 1804 reisen Humboldt und Bonpland durch Süd- und Mittelamerika: über die Kanarischen Inseln nach Venezuela und Kuba, durch die Anden an die peruanische Küste, nach Mexiko und mit Zwischenstopp in den USA zurück nach Europa. Genauso imposant wie die Reiseroute sind die Mengen an Messdaten und botanischen und geologischen Proben, die sie sammeln. Der Universalist Humboldt beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Forschungsgebieten: von Vulkanologie über Kartographie, Erdmagnetismus, Botanik, Zoologie, Ethnologie, Wirtschaft, Landwirtschaft und Bergbau bis hin zu Meteorologie und Meereskunde. Er will das Zusammenwirken aller Naturkräfte verstehen. Zwischen 1805 und 1839 publiziert Humboldt sein 34-bändiges Reisewerk, größtenteils auf Französisch. Es bleibt unvollendet und ruiniert ihn finanziell.

Seinen 60. Geburtstag verbringt Humboldt in Russland. Es ist seine zweite große Expedition und die Umstände sind gänzlich anders als bei der Amerika-Reise. Dieses Mal ist er auf Einladung und Kosten der russischen Regierung unterwegs. Diese erhofft sich davon Informationen über gewinnbringende Minenvorkommen. Obwohl die Route (von St. Petersburg zum Ural) vorgegeben ist, kann Humboldt einige Änderungen durchsetzen und dadurch bis zur chinesischen Grenze vordringen. Seine Hauptinteressen gelten dem Erdmagnetismus, dem Klima und der Geologie.

Dank seiner offenen Art fällt es Humboldt leicht, in aller Welt freundschaftliche Kontakte zu anderen Wissenschaftlern zu knüpfen. Der eng vernetzte Datenaustausch mit Kollegen ist für ihn sehr wichtig. Ohne diese Kontakte wären seine umfangreichen Veröffentlichungen gar nicht möglich gewesen.

(http://www.planet-wissen.de/politik_geschichte/persoenlichkeiten/alexander_von_humboldt/; vgl.

http://www.nationalgeographic.de/reportagen/entdecker/alexander-von-humboldt

http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt

http://www.deutsche-biographie.de/sfz35959.html)

Charles Fourier (1772-1837)

wollte eine Idealwelt konstruieren, die auf den Gesetzen der leidenschaftlichen Anziehung beruht. Er folgte damit seinem „Vorbild“ Isaac Newton, der die Gesetze der Schwerkraft entdeckte und damit die mechanische Anziehung der Gestirne aufeinander berechnen konnte. Diese leidenschaftlichen Anziehungen sollten, analog zur Anziehung der Massen, die Anziehung der Menschen bestimmen und die Gesellschaft organisieren. Fourier schuf 12 „primäre menschliche Leidenschaften“, fünf sensitive: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen – vier affektive: Freundschaft, Liebe, Ehrgeiz, Familiensinn – und drei distributive: Intrigentrieb, Abwechslungstrieb und Einungstrieb. Es existierten des weiteren sekundäre und tertiäre Leidenschaften. Insgesamt 810 verschiedene Leidenschaften verzeichnete Fourier. Die Gesellschaft durchläuft 8 Perioden: 1. Naturzustand : Eden , 2. Wildheit , 3. Patriarchat , 4. Barbarei , 5. Zivilisation , 6. Garantismus , 7. Soziantismus , 8. Harmonie

Das Hier und Jetzt ( Industrialismus ) befindet sich in der 5. Periode, der Zivilisation. Fourier wollte eine Gemeinschaft kreieren – die Phalanx – in der 1620 Menschen leben. Diese Zahl setzt sich aus den unterschiedlichen menschlichen Leidenschaften zusammen, von denen jeweils ein Mann und eine Frau eine dieser Leidenschaften ausprägt und das in der Summe ergibt: 810 Leidenschaften x 2 ( Mann und Frau) = 1620 Personen. Von diesen Phalanxen sollte es mehrere verteilt auf der Erde geben, die aber von einander unabhängig seien sollen, da sie nach außen autonom sich darstellen. Jede Phalanx stellt eine Gesellschaft für sich dar.

Diese Phalanx hat als Basisgedanken die Freiheit des Individuums. Das bedeutet, dass die Menscheit von der Teleologie ihrer Leidenschaften geleitet werden soll. […]

Trotz des Gruppengedankens gibt es keine soziale Gleichheit, aber auch keine ungerechte Ungleichheit. Die Mitglieder der Phalanx haben das Recht auf Eigentum. Dieses Eigentum erhalten sie durch „Phalangen“, Anteilscheine an der Phalanx. Hier greift die Vorstellung des freien Individuums. Es deckt sich aber trotzdem mit dem Gruppen- bzw. Kommunengedanken, da sich die Individualität mit dem Gemeinwohl deckt, weil jeder die Möglichkeit hat Eigentum zu erwerben und somit alle glücklich werden können.

(http://www.theoriewiki.org/index.php?title=Charles_Fourier; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Fourier

http://edoc.hu-berlin.de/ilinx/2/johach-eva-149/PDF/johach.pdf

http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/105_Saage.pdf)

und vor allem seit ’68: die freie Liebe http://swiki.hfbk-hamburg.de/Lebensreform/152

Charles Babbage (1792-1871)

war ein englischer Mathematiker, Philosoph, Erfinder und Politischer Ökonom.

Babbage entwickelt mit der difference engine und der analytical engine zwei mechanische Rechenmaschinen, die er zu seinen Lebzeiten zwar nie vollenden kann, aber von denen letztere als Vorläufer des moderen Computers gilt.
Babbages Interessen und Aktivitäten gehen aber weit über die Pionierleistung auf diesem Gebiet hinaus. Seine Analyse Economy of machinery and manufactures des Fabrikkapitalismus wird eine wichtige Quelle für Karl Marx, der dieses Buch umfassend rezipiert.
Er stellt das Lebensversicherungsgeschäft auf eine mathematische Grundlage, beschäftigt sich theoretisch mit Unterwasserfahrzeugen und deren Navigation und stellt eine Theorie zur Gletscherbildung auf.
Der Anlass zur Entwicklung von Rechenautomaten ist für den Mathematiker Babbage die mangelnde Zuverlässigkeit numerischer Tabellen mathematischer Funktionen, die damals z.B. für die Schiffsnavigation erstellt werden und bei deren Berechnung häufig Fehler auftreten.
Babbage geht dieses Problem mit den Methoden der Industrialisierung an: Teilung der Arbeit in Einzelschritte (Algorithmisierung) und deren Übertragung auf Maschinen (Automatisierung). Er weiß durch die Verfahren des Franzosen Gaspard de Prony, der nach der Französischen Revolution beauftragt worden war, mathematische Tafeln im neuen Dezimalsystem zu berechnen, dass auch solche geistig-intellektuellen Aufgaben wie manuelle Tätigkeiten durch Arbeitsteilung effektiv organisiert werden können.
Babbage setzt sich zum Ziel, auch den zweiten Schritt zu vollziehen und Maschinen zu konstruieren, die die Arbeitsschritte automatisch ausführen.

(http://www.at-mix.de/charles_babbage.htm; vgl.

http://www.nfg24.de/schueler/gdc/babbage.htm

http://www.ingenieur-id.de/epoche/beruhmte-ingenieure/id51/Charles-Babbage

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Babbage)

Louis Auguste Blanqui (1805-1881)

Er studierte Rechtswissenschaften und Medizin, fand aber schon bald im politischen Engagement seine Berufung. […] Im Oktober 1839 wird Blanqui verhaftet und wegen der Beteiligung an dem fehlgeschlagenen Aufstand gegen den „Bürgerkönig“ Louis Philippe zu lebenslanger Haft verurteilt. […]

Nach neun Jahren wurde er begnadigt und trat noch im selben Jahr als Wortführer der Linken im Pariser Juniaufstand von 1848 in Erscheinung. Daraufhin wurde er erneut verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Dort entwarf er eine eigene sozialistische Theorie, in deren Zentrum die Idee einer Diktatur des Proletariats stand: „Dass Frankreich vor bewaffneten Arbeitern strotzt, ist der Beginn des Sozialismus“. Nach seiner Freilassung und erneuten Verurteilung und Inhaftierung in den Jahren 1861–1865 begab er sich ins Exil nach Belgien, um von dort seinen Kampf weiterzuführen.

Nach der Generalamnestie des Jahres 1869 kehrte er wieder nach Frankreich zurück. Schon 1870 beteiligte er sich dann an der Organisation der Aufstände, die zur Gründung der Pariser Kommune führten. Im Oktober 1870 stand er dann für kurze Zeit an der Spitze der Übergangsregierung. Nach der blutigen Niederschlagung der Kommune kam Blanqui erneut ins Gefängnis. Dort schreibt er, beeinflusst von Laplace und Lalande, das kosmologische Werk L’Eternité par les astres. Die Grundthesen sind u.a. eine unendliche Verknüpfung aller belebten und unbelebten Erscheinungen miteinander und die Existenz von „Doppelgänger-Universen“, in denen alle möglichen Entwicklungen ihren realen Widerpart haben (siehe auch Mögliche Welt). Er wurde 1879 begnadigt. Blanqui starb 1881.

Kurz vor seinem Tod schrieb er sein Hauptwerk, die Critique sociale, die aber erst im Jahr 1885 postum veröffentlicht wurde.

Blanqui hatte großen Einfluss auf spätere kommunistische und sozialistische Bewegungen. Seine Anhänger, die Blanquisten, schlossen sich schließlich der Sozialistischen Partei Frankreichs an.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Louis-Auguste_Blanqui; vgl.

http://fr.wikipedia.org/wiki/Auguste_Blanqui

http://www.ohio.edu/chastain/ac/blanqui.htm

http://fr.wikipedia.org/wiki/Auguste_Blanqui)

Jean Eugène Robert-Houdin (1805-1871)

gilt als einer der größten Zauberkünstler des 19. Jahrhunderts. Geboren wurde er am 7. Dezember 1805 als Sohn eines Uhrmachers in Blois. Und eigentlich hieß er nur Jean Eugéne Robert. Den Namen Houdin legte er sich erst viel später zu. Als junger Mann begann er eine Uhrmacherlehre bei seinem Vater. Eines Tages fiel ihm ein Buch über Zauberkunststücke in die Hände. Von diesem Moment an beschloss er, Zauberer zu werden. […]

Hauptgrund für Houdins Berufswechsel war das Theater. Zu der damaligen Zeit schwelgte es in der Romantik. Was die Schauspieler auf der Bühne zeigten, waren abenteuerliche und wilde Geschichten mit Geheimtüren, Spiegeln und Geistererscheinungen. Um diese Spezial-Effekte vorführen zu können, bedienten sich die Bühnenarchitekten aus der Trickkiste der Zauberkünstler.

Jean Eugéne beschloss, das alles umzukehren. Bisher benützte das Theater Tricks, um Geschichten zu inszenieren. Ihm schwebte jedoch eine abendfüllende Zaubershow vor. Am 3. Juli 1845 hatte Robert-Houdin seine denkwürdige Premiere in der Galerie de Valois im Palais Royal in Paris vor zweihundert Zuschauern. Neu waren Houdins Tricks natürlich nicht, aber gegenüber seinen Berufskollegen hatte er den Vorteil, auf eine ganze Reihe mechanischer Hilfsmittel zurückgreifen zu können.

Eines seiner Kunststücke war ein blühender Orangenbaum. Houdin lieh sich von einer Dame aus dem Publikum ein Taschentuch, rollte es zusammen, legte es in ein Ei, das Ei in eine Zitrone und diese zuletzt in eine Orange. Mit bloßen Händen drückte er die Orange zu einem Pulver zusammen, das er in einem Weinglas mit Flüssigkeit vermischte. Die Flüssigkeit wurde entzündet, und der aufsteigende Dampf sorgte dafür, dass sich die Blüten des Orangenbaums vor den Augen des Publikums in leuchtende Früchte verwandelten. Houdin pflückte die Orangen und verteilte sie an die Damen im Saal. Die letzte behielt er jedoch in der Hand, um sie in zwei Teile zu zerteilen. Dann flatterten zwei Schmetterlinge herbei und trugen das Taschentuch, dass sich in der Orange befand an den Platz der Zuschauerin zurück. […]

Um 1854 zog sich Robert-Houdin aus dem Showgeschäft zurück. Das Zaubern gab er jedoch nicht auf. In seinem Anwesen „La Prieuré“ am linken Ufer der Loire öffneten sich alle Türen automatisch. Auch die Uhren gehorchten seinem Befehl oder spielten verrückt, wenn er es wollte. Der Magier der technischen Tricks starb am 13. Juni 1871.

(http://suite101.de/article/robert-houdin—zauberer-mit-technischen-tricks-a129935#.VWM22ucx2Hk; vgl. http://watch-wiki.org/index.php?title=Robert-Houdin,_Jean_Eug%C3%A8ne/de)

Isambard Kingdom Brunel (1806-1859)

war der Sohn des französischen Architekten und Ingenieurs Marc Isambard Brunel. Er wuchs in seiner Geburtsstadt Portsmouth, in London und in Frankreich auf, wo er das Lycee Henri IV in Paris besuchte und anschließend eine Lehre bei dem berühmten Uhrmacher Abraham Louis Breguet in Paris durchlief. Zurück in England übernahm er von seinem Vater den Bau des Londoner Tunnels über den Thames (Themse).

Ab 1831 erbaute er die Docks in Plymouth, Cardiff, Brentford und Milford Haven. Ab 1833 arbeitete er für die ‚Great Western Railway‘ und erbaute Eisenbahnstrecken mit kunstvollen Viadukten, Bahnhöfen und Untertunnelungen.

Später wandte er sich der Schiffahrt zu und erbaute u.a. das damals weltgrößte Dampfschiff (‚Great Western‘).

Daneben baute er auch Brücken wie die Hängebrücke Clifton Suspension Bridge (Wahrzeichen von Bristol) und die ‚Royal Albert Bridge‘ in Saltash (Cornwall).

Brunel ist einer der wichtigsten Pioniere der Industriellen Revolution und des viktorianischen Zeitalters. Für die Briten ist er – nach Winston Churchill – der zweitgrößte Brite aller Zeiten.

(http://www.hamleyhall.de/england/isambard_kingdom_brunel_und_die_great_western_railway.html; vgl.

http://www.bernd-nebel.de/bruecken/index.html?/bruecken/2_pioniere/brunel/brunel.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Isambard_Kingdom_Brunel

http://dausel.com/download/brunel.pdf)

Charles Robert Darwin (1809-1882)

studierte 1825–27 Medizin in Edinburgh und 1827–31 Theologie in Cambridge, doch sein Interesse galt der Biologie. 1831–36 unternahm er als naturwissenschaftlicher Begleiter auf dem Vermessungsschiff „Beagle“ eine Weltreise, auf der ihm vor allem seine Beobachtungen der Vogelwelt auf den Galápagosinseln zu seinen Einsichten über den Ursprung der Arten verhalfen. Nach England zurückgekehrt, lebte Darwin ab 1837 in London und ab 1842 auf seinem Landsitz in Down.

Wissenschaftliche Gründlichkeit, aber auch die Furcht vor Anfeindung ließen Darwin mehr als zwanzig Jahre zögern, seine Evolutionstheorie zu veröffentlichen. Erst 1859 erschien sein bahnbrechendes Werk „On the Origin of Species by Means of Natural Selection“, deutsch „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“. Hierin ging er von der grundlegenden Beobachtung aus, dass Arten stets einen Überschuss an Nachkommen produzieren, ihre Zahl aber innerhalb einer gewissen Schwankungsbreite konstant bleibt, da u. a. die natürlichen Ressourcen begrenzt sind. Dieses Phänomen erklärte er damit, dass zwischen den Individuen einer Art, die sich in ihren Merkmalen mehr oder weniger unterscheiden, ein Konkurrenzkampf stattfindet, in dessen Folge ein Teil der Nachkommen das Fortpflanzungsalter nicht erreicht. Diejenigen Mitglieder der Population, deren Merkmalsvarianten der Konkurrenz standhalten, sind besser angepasst und geben ihre Gene an die nächste Generation weiter. Diese „natürliche Auslese“ führt zum Wandel der Arten.

Von E. Haeckel angeregt, übertrug er seine Anschauung auch auf den Menschen und dessen Abstammung. Darwins Theorie, heute Grundlage der Evolutionsbiologie, war lange Zeit vor allem deshalb sehr umstritten, weil sie den biblischen Schöpfungsmythos ebenso negiert wie eine Sonderstellung des Menschen.

(http://www.wissen.de/lexikon/darwin-charles-robert; vgl.

http://www.planet-wissen.de/natur_technik/forschungszweige/evolutionsforschung/charles_darwin.jsp

http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/darwin-charles-robert/16849

http://m.schuelerlexikon.de/bio_abi2011/Charles_Robert_Darwin.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin)

Georges Eugène Baron Haussmann (1809-1891)

Städtebau: Unter Haussmann wurden zahlreiche Straßen verbreitert, Boulevards sollten Sicht-Achsen zwischen Monumenten bilden und betonten zugleich die Grenzen zwischen einzelnen Regionen Paris‘. Nicht nur auf der Île de la Cité (Notre Dame) wurden dabei tausende kleine Häuser weggerissen.

Architektur: Für Größe und Aussehen der Häuser galten Regeln: Eine Mindesthöhe der Räume von ca. 2,60 Meter; die Fassaden sollten die Perspektive der Straßen – durch einheitliche Linien – optisch verstärken. Die Architektur wird am ehesten als eklektizistisch beschrieben – als (möglicherweise wahlloses) Stil-Gemisch mit überwiegend neo-klassizistischen und barocken Elementen. Typische Haussmann-Gebäude werden in drei Klassen geteilt:

  • Klasse 1 – für die Wohlhabenden mit hohen Repräsentationsräumen im 1./2. Stock und Extra-Eingängen für die Bediensteten, die in den Mansarden wohnten.
  • Klasse 2 – deren belle Etage i.d.R. von den Besitzer genutzt wurde, einzelne Wohnung konnten auch vermietet werden, für Bedienstete gab es weiter eigene Aufgänge.
  • Klasse 3 – als normales Mietshaus mit nahezu gleichwertigen Etagen und mit Geschäften im Erdgeschoss.

Der „Umbau” Paris’ unter Napoleon III. und Haussmann bewirkte Öffnung und Zurückgezogenheit bzw. Einengung zugleich:

  • Öffnung: Einerseits wurde die Stadt durch Eingemeindungen und Stadtrand-Parks vergrößert. Breitere Straßen und Kanalsysteme verbesserten die Verkehrs- und hygienische Situation der Stadt. Zugleich bewirkten die baulichen Vorgaben und die Typisierung von Gebäuden eine Veränderung der gewohnheitsmäßen Nutzung und Aufteilung von Stadthäusern und Wohnungen hinsichtlich privater/intimer und öffentlicher Räume: Aus dem „Hôtel” wurde die Mietwohnung; aus dem Salon der „Belle Etage” das Wohn- und Esszimmer, das sowohl als Privatraum wie auch zum Empfang und zur Repräsentation diente.
  • Einengung: Andererseits trat mit dem Stadt-„Umbau” die Trennung der Gesellschaftsschichten offensichtlicher zutage, wo breite Straßen als (optische) Grenzen zwischen Vierteln unterschiedlicher Lebensqualität verliefen (insb. im Osten der Stadt); insofern wandelte sich hier das städtebauliche Konzept von der Idee der integrierten Stadt zur Unterteilung in Zonen. Im Zuge der teilweisen Restrukturierung besetzte das Zweite Kaiserreich Erinnerungsorte der jüngeren französischen Geschichte oder beseitigte sie. Zugleich bewirkten die Vorgaben und Typisierung von Gebäuden nach anfänglichen Experimenten einen weitgehenden Stillstand in der Entwicklung der Pariser Architektur.

(http://www.wissen.wortschlag.net/dokuwiki/doku.php?id=recherche-wiki:kuge:haussmann; vgl.

http://nmueller.org/paris/?page_id=30

http://de.wikipedia.org/wiki/Georges-Eug%C3%A8ne_Haussmann

http://home.arcor.de/sschulte84/industrialisierung.htm)

Frédéric Chopin (1810-1849)

Chopin erlernte und komponierte bereits mit sieben Jahren erfolgreich seine ersten Klavierstücke unter der Supervision des polnischen Pianisten Wojciech Adalbert Zywny, die bereits kurze Zeit später als Meisterstücke gefeiert wurden. […]

In den darauf folgenden Jahren begann Frédéric Chopin sein Studium der Musik und Komposition an der Warschauer Musikschule […].

Am 2. November 1830 verließ Frédéric Chopin zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum Polen und reiste mit seinem Freund Tytus Woyciechowski nach Wien. Wenige Tage nach der Ankunft in Wien brachen in Polen schwere Aufstände aus, die es Chopin nicht möglich machten, nach Warschau zurückzukehren.

Mitte des Jahres 1931 entschied sich Chopin, nach Paris auszuwandern, wo er bereits eine hervorragende Reputation genoss und stets mehr Anerkennung aus dem Publikum gewann. In dieser Zeit schloss Frédéric Chopin wichtige Freundschaften mit den bedeutenden Musikern und Komponisten Mendelssohn, Liszt, Franchomme und Berlioz.

Im Jahre 1837, zu einer Zeit, in der Chopin in Paris bereits als einer der größten Pianisten seiner Zeit gehandelt wurde, lernte er die französische Schriftstellerin George Sand kennen – eine Beziehung, die über zehn Jahre anhielt.

Die französische Schriftstellerin Sand, geschieden, mit zwei Kindern und sechs Jahre älter als Chopin, begleitete ihn auch nach Mallorca, wo beide den Winter 1938 verbrachten, in der Hoffnung, dass sich Chopins Gesundheitszustand besserte.

Am 16. November 1848 gab Frédéric Chopin sein letztes Konzert in London, bevor er am 17 Oktober 1849 an seiner Tuberkulose in Paris erlag. Auf eigenen Wunsch Chopins wurde er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beerdigt, sein Herz wurde jedoch in die Heiligkreuzkirche in Warschau gebracht.

(http://www.info-polen.com/beruehmt/frederic-chopin.php; vgl.

http://www.br-online.de/kinder/fragen-verstehen/musiklexikon/2009/02546/

http://www.chopin-musik.com/

http://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A9d%C3%A9ric_Chopin

http://www.chopingesellschaft.de/chopin/biografie.html)

Michail Aleksandrovic Bakunin (1814-1876)

war ein russischer Revolutionär, Anarchist und Panslawist. Er gilt als einer der einflussreichsten Denker, Aktivisten und Organisatoren der anarchistischen Bewegung. Bakunin entstammte einer alten russischen Adelsfamilie. Er war Artillerieoffizier und Mathematiklehrer. Durch seinen Aufenthalt in Westeuropa mit vielen revolutionären Persönlichkeiten bekannt, nahm er 1848 an den Erhebungen in Paris und Prag sowie 1849 an führender Stelle in Dresden teil. Nach der Niederschlagung des Dresdner Maiaufstands wurde Bakunin festgenommen und interniert. Er verbrachte acht Jahre in Gefängnissen und weitere vier Jahre in sibirischer Verbannung, bis ihm die Flucht gelang. Seine darauf folgenden revolutionären Aktivitäten konzentrierte er im Wesentlichen auf das zu seiner Zeit dreigeteilte Polen und das neugegründete Italien. Bakunin entwickelte die Idee des kollektivistischen Anarchismus. In der Internationalen Arbeiterassoziation war Bakunin die Hauptfigur der Antiautoritären und mit Generalratsmitglied Karl Marx im Konflikt, was zur Spaltung der Internationale führte und gleichzeitig zur Trennung der anarchistischen Bewegung von der kommunistischen Bewegung und der Sozialdemokratie.

(http://de.dbpedia.org/page/Michail_Alexandrowitsch_Bakunin; vgl..

http://deu.anarchopedia.org/Michail_Bakunin http://www.dadaweb.de/wiki/Michail_Aleksandrovi%C4%8D_Bakunin

http://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Alexandrowitsch_Bakunin)

Vgl. auch Enzensbergers Buch „Freisprüche. Revolutionäre vor Gericht, 1970: http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/freisprueche.html, mit Beitrag über Bakunin (und Blanqui)

Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865)

hatte in Pest (heute: Budapest) und Wien Medizin studiert und dort im Jahr 1844 promoviert. 1846 wurde er zum Assistenten der Geburtshilflichen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien ernannt. Diese bestand aus zwei Abteilungen, eine, die den Ärzten und Medizinstudenten zugeordnet war und eine zweite, für die die Hebammen verantwortlich waren. Die schweren „Epidemien“ mit auffallend mehr Todesopfern in der ersten Abteilung führten Semmelweis zu der Annahme, dass die Ursache in der ärztlichen Untersuchung liegen musste. Durch den Tod des befreundeten Gerichtsmediziners Jakob K. Kolletschka (1803–1847), der an einer Blutvergiftung (Sepsis) starb, die er sich durch eine Wunde beim Sezieren zuzog, konnte Semmelweis im Mai 1847 zeigen, dass das Krankheitsbild der Sepsis bei diesem Kollegen identisch war mit dem Krankheitsbild des Kindbettfiebers der Mütter. Die gemeinsame Ursache waren, wie er schrieb, „die Leichenteilchen, die in das Blutgefäßsystem gelangten“. Dies war nicht verwunderlich, denn Ärzte und Studenten kamen direkt vom Seziersaal zur Untersuchung und infizierten so ihre Patientinnen. Durch Einführung der Desinfektion, durch Waschungen der Hände mit einer Lösung aus Chlorkalk als hygienische Maßnahme konnte Semmelweis in seiner Abteilung die hohe Sterblichkeit der Frauen um die Hälfte senken. Man ernannte ihn zwar zum Privatdozenten, doch wurde er in Kollegenkreisen diskreditiert.

Im Jahr 1855 erhielt Semmelweis an der Pester Universität eine Professur für Geburtshilfe. Hier verfasste er eine umfassende Darstellung seiner Entdeckungen, Untersuchungen und Ergebnisse, die er in „Offenen Briefen“ verbreitete und die 1861 als „Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“ erschienen. Nur wenige Kollegen, unter ihnen die Mediziner Ferdinand von Hebra (1816–1880) und Joseph Skoda (1805–1881), setzten sich für ihn ein und verbreiteten seine Ideen.

(http://www.onmeda.de/persoenlichkeiten/semmelweis.html; vgl.

http://www.pflegewiki.de/wiki/Ignaz_Semmelweis

http://www.deutsche-biographie.de/pnd118613138.html

https://gesellschaft-medizinische-ausbildung.org/files/ZMA-Archiv/1998/1/Warnecke_H-x.pdf)

Étienne Jules Marey (1830-1904)

Mit seiner Erfindung des Kardiographen im Jahre 1861 hatte Étienne-Jules Marey den Ärzten erstmals ein Diagnosegerät an die Hand gegeben, mit dem sie wichtige Aufschlüsse über die Herzfunktionen im normalen und im pathologischen Zustand erkennen konnten. Grundlage von Mareys Gerät ist die 1842 von Emil du Bois-Reymond (1818-1896) entdeckte Bioelektrizität in den Nerven und der Muskulatur. Daher können die vom Herzen erzeugten elektrischen Ströme an geeigneten Stellen der Körperoberfläche abgenommen und mit ausreichend empfindlichen Messgeräten und daran gekoppelten Schreibvorrichtungen aufgezeichnet werden. Mit von Galvanometern gesteuerten Schreibern hat Marey die typische Herzstromkurve ermittelt, die auch heute Bestandteil kardiographischer Untersuchungen ist.

Étienne-Jules Marey studierte in Paris Medizin, spezialisierte sich ab 1855 auf das Fach Physiologie und war daneben auch in der Tierphysiologie aktiv. 1867 wurde er Professor der Humanphysiologie. Aus Beobachtungen seiner Arzttätigkeit und dem wachsenden Interesse der Öffentlichkeit an der Körperbewegung bei Menschen und Tieren entwickelte Marey spezielle fotographische Apparate und lieferte mit seinen experimentellen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen grundlegende Beiträge zur Bewegungsanalyse, die er 1868 unter anderem in dem Buch „Du mouvement dans les fonctions de la vie“ veröffentlichte. Für seine Bewegungsstudien konstruierte er 1874 einen fotographischen Apparat zur automatischen Aufzeichnung schneller Bewegungen, mit denen er als einer der ersten die Gangart von Tieren analysierte.

[…] Dabei gelang es ihm erstmals, Serienaufnahmen von fliegenden Vögeln zu machen, die er mit einem selbst entwickelten Filmprojektor in Zeitlupe wiedergab. 1893 erhielt er für seine Apparatur das Patent. Aus diesem Grund wird Marey – neben den Gebrüdern Lumiére – als Begründer der Filmtechnik angesehen. 1890 baute Marey die erste funktionsfähige Filmkamera für den von dem US-Amerikaner George Eastman (1854-1932) im Jahre 1889 entwickelten Zelluloid-Rollfilm, mit der er 1894 bis 700 Bilder pro Sekunde wiedergeben konnte.

[http://www.onmeda.de/persoenlichkeiten/marey.html; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89tienne-Jules_Marey

http://www.zeno.org/Fotografien/A/Marey,+%C3%89tienne-Jules (Fotografien)

Sir Henry Morton Stanley (1841-1904)

Henry Morton Stanley hieß eigentlich John Rowlands. Er wurde am 28. Januar 1841 in Wales geboren. […] Mit 15 heuerte er auf einem Schiff an, mit dem er in die Vereinigten Staaten nach New Orleans segelte. Er fand dort Arbeit bei einem Baumwollhändler namens Henry Hope Stanley und übernahm dessen Namen und hieß nun Henry Morton Stanley. 1861 trat er der Konföderierten Armee bei, um im amerikanischen Bürgerkrieg zu kämpfen.

Nach Kriegsgefangenschaft und einer Zeit bei der Kriegsmarine floh Stanley aus der Armee nach St. Louis und schrieb dort bei einer Lokalzeitung Artikel. Während der Indianerkriege erfand er dramatische Schlachten, die gar nicht stattfanden, um mehr Leser zu bekommen. Dadurch wurde James Gordon Bennett Jr. auf ihn aufmerksam.

Dieser war Herausgeber des New York Herald, einer großen Zeitung. 1867 verpflichtete er Stanley und schickte ihn als Kriegsberichterstatter nach Abessinien und Spanien, um von den dortigen Kämpfen und Unruhen zu berichten. Am 16. Oktober 1869 erteilte ihm sein Verleger den Auftrag: Finden Sie Livingstone!

David Livingstone war ein englischer Arzt, der im Kongo während seiner Missionsarbeit verschollen war. Mit einem Tross von 190 Männer zog Stanley in den afrikanischen Urwald, um schließlich im November 1871 auf Livingstone zu treffen. Der Erfolg macht ihn bekannt und so unternahm er noch einige weitere Expeditionen, obwohl er Afrika eigentlich zutiefst hasste, wie er selbst schrieb.

Der belgische König Leopold II. traf 1878 auf Henry Morton Stanley und gewann ihn für die Erforschung des Kongos. Der König wollte schon länger Kolonien für sein Land. In einer weiteren großen Expedition erschloss Stanley den Regenwald und erwarb das Land für den belgischen König. Die Häuptlinge der Stämme unterschrieben die Verträge, ohne den Inhalt zu verstehen.
Bei der Expedition zur Suche nach dem deutschen Emin Pascha, der im Sudan festgehalten wurde, erforschte Stanley den Rest des Kongos. Schließlich fand er Pascha, der sich aber weigerte, für Leopold II. zu arbeiten. Die Reise brachte Stanley großen Ruhm ein und schließlich wurde er 1899 zum Ritter geschlagen. Seit Mitte der 1890er Jahre machte er nur noch Reisen in zivilisierte Gegenden und mied den Dschungel.

Viele der von Stanley veröffentlichten Berichte und Bücher enthalten erwiesenermaßen nicht nur wahre Erzählungen. Vielmehr versuchte der Journalist und Entdecker mit den Berichten eine besonders schillernde und spannende Geschichte von sich zu erzählen und erfand Vieles.
Oft starben seine europäischen Begleiter während der Expeditionen, weshalb niemand seine Behauptungen widerlegen konnte. Was von Stanleys Legende wahr ist, ist aus heutiger Sicht kaum noch zu beurteilen. Sir Henry Morton Stanley starb im Mai 1904 in London im Alter von 63 Jahren.

(http://www.wasistwas.de/archiv-geschichte-details/henry-morton-stanley-expeditionen-durch-den-kongo.html; vgl.

http://www.planet-wissen.de/natur_technik/fluesse_und_seen/kongo/kongo_stanley.jsp

http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Morton_Stanley

http://www.zeit.de/2004/19/ZL-Stanley)

Frederick Winslow Taylor (1856-1915)

stellte sich die Aufgabe, die Leistungen der menschlichen Arbeitskraft zu steigern. Er ging von der Annahme aus, dass von den monetären Anreizen die stärkste Wirkung zu erwarten sei. Merkmale seiner sogenannten „Wissenschaftlichen Betriebsführung“:

  • Systematische Arbeits- und Zeitstudien
  • Hohe innerbetriebliche Arbeitsteilung, kleinste, leicht erlernbare Teilaufgaben.
  • Führungsprinzip: Anleitung und Kontrolle
  • Menschen haben sich den Maschinen anzupassen
  • Materielle Anreizsysteme. Motivation: Entlohnung
  • Möglichst enger Zusammenhang zwischen Entlohnung und individueller Leistung
  • Optimierung der Arbeitsumgebung

Problem: Widerstand der Arbeitnehmer gegen Arbeitsintensivierung, Arbeitszurückhaltung und -verweigerung, Krankmeldungen

Kritik:

  • Entwürdigung des Menschen durch das mechanistische Menschenbild
  • Die Leistungsfähigkeit der Menschen kommt bei der hohen Spezialisierung nicht zur Entfaltung
  • Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit

Auf Taylor und sein Funktionsmeisterprinzip geht die Idee des Mehrliniensystems zurück. Heute orientieren sich immer noch Unternehmen am Taylorismus.

(http://www.ibim.de/pl+orga/1-4.htm; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Frederick_Winslow_Taylor http://www.matkuch1.de/tayt3.htm

https://campus.tum.de/tumonline/LV_TX.wbDisplayTerminDoc?pTerminDocNr=701)

Georges Méliès (1861-1938)

wurde am 8. Dezember 1861 in Paris geboren und starb auch dort am 21. Januar 1938. So fing alles an: Der Zauberkünstler Georges Méliès erwirbt bei dem Londoner Optiker Robert W. Paul eine Filmkamera und beginnt damit, Zauberkunststücke zu filmen und mit einfachen filmischen Tricks zu mixen; diese „Filme“, beispielsweise „Das Verschwinden einer Dame“, werden vom Publikum mit Enthusiasmus aufgenommen.
In den folgenden Jahren entdeckt er allmählich die Möglichkeiten der filmischen Erzählung und kann sich so vom reinen Abfilmen des Geschehens lösen; er wird der erste sein, der das Geschehen gezielt für den Film inszeniert und dabei erste dramaturgische Gestaltungsmittel anzuwenden weiß: Er produzierte von 1896-1914 rund 1200 Filme, darunter den Meilenstein „Die Reise zum Mond“ im Jahre 1902. Der Legende nach soll er auf dem Pariser Opernplatz eine Straßenszene gefilmt haben. Dann ist ihm die Filmrolle ausgegangen. Melies läßt Stativ und Kamera stehend, legt eine neue Filmrolle ein und dreht weiter. Im später fertig geschnittenen Film verschwinden Passanten wie von magischer Hand, wiederum andere tauchen plötzlich auf.

Als Sohn eines reichen Schuhfabrikanten wurde er in Paris geboren. Dort besuchte er die Schule, bis diese im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zerstört wird. Schon früh begann er zu zeichnen und sich für die Magie zu interessieren. Sein Vater will ihn lieber in der eigenen Fabrik sehen, er aber will sich an der Ecole des Beaux-Arts einschreiben. Nach der seiner Militärzeit, 1884, wurde Melies von seinen Eltern nach London geschickt, um Englisch zu lernen. Daß er sich lieber bei den Royal Illusionists aufhielt, war eine andere Sache. Zurück in Paris übernimmt er die Geschäfte seiner Vaters, was ihn in den finanziellen Stand versetzt, 1888 das bekannte Théâtre Robert Houdin im Palais Royal für 40.000 Francs zu kaufen. Zu Beginn des 20.ten Jahrhunderts waren Méliès’ Produktionen weltweit Erfolge, und 1903 entstand sogar eine Filiale in New York. Doch um 1907 begann der Niedergang der Star-Produktionsgesellschaft, und 1911 musste er mit Pathé fusionieren. Mit geliehenem Geld entstanden seine letzten Filme wie La conquete du pole (1912; Die Eroberung des Pols) und Le Voyage des Bourrichons (1913; Die Reise der Familie Bourrichon). Der 1.Weltkrieg führte zu Méliès’ endgültigen Ruin, sein Besitz wurde zerstört und verkauft.

Neben Auguste und Louis Lumière und den Brüdern Skladanowski gilt er als einer der großen Filmpioniere. Er, der zuletzt seinen Lebensunterhalt als Spielzeughändler verdienen musste, war einer der Wegbereiter des modernen Films, und ohne ihn wäre die Filmhistorie wesentlich armseliger verlaufen.

(http://www.digitalvd.de/biografien/Georges-Melies.html; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Georges_M%E9li%E8s)

Ugo Cerletti (1877-1963)

Der ungarische Arzt Ladislas J. Meduna (1896–1964) hatte aufgrund klinischer Beobachtungen an Patienten und neuropathologischer Befunde in den 1920er Jahren einen Antagonismus zwischen der Schizophrenie und Epilepsie angenommen. Ausgehend von dieser Theorie führte Meduna ab November 1933 Tierversuche mit Kampfer durch. Von Kampfer, einem Stoff aus der Naturheilkunde, war schon seit längerem bekannt, dass seine Verabreichung zu epileptischen Anfällen führen konnte. Am 23. Januar 1934 führte Meduna erstmals eine Kampferinjektion bei einem schizophrenen Patienten durch, dessen Zustand sich nach dem medikamentös ausgelösten epileptischen Anfall schlagartig besserte. […]

Der italienische Psychiater Ugo Cerletti, der seit Beginn der 1930er Jahre tierexperimentell die Folgen elektrisch ausgelöster epileptischer Anfälle auf das Gehirn untersuchte, widmete sich unter dem Eindruck der Erfolge Medunas der Frage, ob auch beim Menschen epileptische Anfälle gefahrlos elektrisch eingeleitet werden konnten. Cerletti und seine Assistenzärzte Lucio Bini, Ferdinando Accornero und Lamberto Longhi führten zunächst systematische tierexperimentelle Untersuchungen an Hunden und Schweinen durch. Diese sollten klären, an welchen Stellen die Elektroden am besten anzubringen wären und wie groß die zu verabreichenden Stromstärken und Spannungen sein sollten, um epileptische Anfälle auszulösen, ohne die Patienten zu gefährden. Im April 1938 wendeten sie die neue Methode erstmals bei einem schizophrenen Patienten an. Nach elf Therapiesitzungen konnte der Patient in gebessertem Zustand entlassen werden. Nach weiterer Anwendung der Elektrokrampftherapie wurde deutlich, dass mit ihrer Hilfe keine Heilung schizophrener Symptome möglich war. Da dennoch der Zustand vieler Patienten gebessert werden konnte, verbreitete sich die Elektrokrampftherapie in den folgenden Jahren rasch in den psychiatrischen Kliniken.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Elektrokrampftherapie; vgl.

http://en.wikipedia.org/wiki/Ugo_Cerletti

http://flexikon.doccheck.com/de/Elektrokrampftherapie

http://kulturkritik.net/begriffe/begr_txt.php?lex=elektroschock

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/depressionen/article/460670/elektrokrampftherapie-ultima-ratio-schweren-depressionen-wissenschaftlich-abgesichert.html)

Vgl. Enzensberger: Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa, 2002 http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/elixiereinhalt.html

Vjaceslav Michailovic Molotow (1890-19  ) [-1986]

schloß sich 1906 den Bolschewiki an, wurde 1912 in die Redaktion des Parteiorgans Prawda aufgenommen und 1916 in das russische Büro des Zentralkomitees der Bolschewiki. Von 1908 bis 1911 und von 1914 bis 1916 wurde er nach Sibirien verbannt. Nach der Oktoberrevolution von 1917 hatte er verschiedene Parteiämter in der Provinz inne und wurde 1921 auf Betreiben Lenins Sekretär des Zentralkomitees der Partei. Seit 1912 war er einer der engsten Mitarbeiter Stalins, dessen Aufstieg zur Macht in Partei und Staat er förderte, wobei er selbst in die oberste Führungsspitze der KPdSU aufrückte; obwohl Jagoda, Jeschow und Berija die Ausführenden der von Stalin veranlaßten Großen Säuberungen in den 1930er Jahren waren, war Molotow darin involviert. Exekutionslisten tragen u.a. seine Unterschrift. Und er war einer der Unterzeichner der Resolution, die die Ermordung polnischer Offiziere in Katyn ermöglichte. Von 1926 bis 1952 war Molotow Vollmitglied des Politbüros, von 1931 bis 1941 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare und von 1939 bis 1949 Volkskommissar des Äußeren. In dieser Position war er 1939 an der Ausarbeitung des Hitler-Stalin-Paktes beteiligt.

Während des Zweiten Weltkrieges gehörte Molotow von 1941 bis 1945 dem Verteidigungskomitee an und leitete die sowjetische Delegation bei Konferenzen der Anti-Hitler-Koalition. Anfang 1949 fiel er bei Stalin in Ungnade und wurde am 5.3.1949 als Volkskommissar des Äußeren entlassen, blieb aber weiterhin Mitglied des Politbüros sowie einer der Stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, dann aber ab August 1952 nicht mehr zu den Sitzungen des Politbüros eingeladen. Nach dem Tod Stalins wurde Molotow 1953 wiederum Außenminister, mußte jedoch bereits 1956 wegen seiner Kritik an der Politik Chruschtschows zurücktreten. 1956/57 war er kurzzeitig Minister für Staatskontrolle. 1957 mußte er alle Partei- und Staatsämter niederlegen und wurde als Botschafter in die Mongolei abgeschoben – westliche Länder wollten ihn als Botschafter nicht akzeptieren. 1960/61 vertrat er die Sowjetunion bei der Internationalen Atomenergiekommission. 1962 wurde er aus der KPdSU ausgeschlossen, 1984 jedoch wieder in die Partei aufgenommen.

(http://www.knerger.de/html/politiker_7.html; vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wjatscheslaw_Michailowitsch_Molotow

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13521606.html)

Wilhelm Reich (1897-1957)

war ein österreichisch-amerikanischer Psychologe und Gesellschaftstheoretiker jüdischer Abstammung. Ursprünglich ein Schüler Freuds, versuchte er später eine Verbindung  psychoanalytischer und marxistischer Gedanken. […]

Für Wilhelm Reich ist die Unterdrückung der frühkindlichen Sexualität ein sehr wichtiger Faktor bei der Entstehung der Verhaltensweisen. Das Bewusstsein sei nur ein kleiner Teil des Seelischen und werde von unbewussten Seelenvorgängen dirigiert. Die Sexualenergie sei der zentrale Motor des Seelenlebens, sobald die sexuellen Bedürfnisse in Widerspruch geraten würden zu den gesellschaftlichen Bedingungen. Im Seelischen würden natürliche Voraussetzungen und gesellschaftliche Bedingungen aufeinander treffen. Die moralischen Instanzen im Menschen seien ein Produkt der Erziehung und wendeten sich besonders gegen die Sexualität. Es entstehe ein innerer Widerspruch von Trieb und  Moral. Die verdrängte Sexualität werde zur Ursache für Komplexe, Neurosen usw.

Reich fragte nun, warum die Sexualität von der Gesellschaft unterdrückt wird. Die augenblicklichen patriarchalischen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse machten die Sexualunterdrückung notwendig. Die Sexualunterdrückung stehe nicht am Anfang des Kulturprozesses, (wie  Freud annahm), sondern am Beginn der Klassenspaltung. Durch die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit (und die daraus entstehenden psychischen Störungen) würden die Menschen ängstlich, scheu, autoritätshörig, gehorsam und erziehbar gemacht. Sie schaffe einen Menschen, der sich widerspruchslos beherrschen und ausbeuten lasse.

Die Unterdrückung grob materieller Bedürfnisse führe zur Rebellion. Die Unterdrückung sexueller Bedürfnissen führe zu deren Verdrängung und verhindere die Rebellion gegen beide Arten der Unterdrückung. Die Sexualunterdrückung schaffe darüber hinaus eine sekundäre Kraft, die die patriarchalische Gesellschaft stütze. Die unterdrückte Sexualität suche nach Ersatzbefriedigung. So werde die natürliche Aggressivität gesteigert zu brutalen Sadismus und dieser zur Ursache von Folter, Krieg, KZ u. ä. Der Militarismus baue auf den exibitionistischen Charakter der Uniform oder auf den erotisch aufreizenden, da rhythmischen Parademärschen auf.

[…] Ab ca. 1937 driftet Reich in obskure Arbeitsmethoden ab, aus denen er ebenso obskure »naturwissenschaftliche« Theorien ableitet.

(http://www.philolex.de/reich.htm; vgl.

https://www.psiram.com/ge/index.php/Wilhelm_Reich

http://www.lsr-projekt.de/wrsex.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Reich

http://www.dadaweb.de/wiki/Wilhelm_Reich)

Alan Mathison Turing (1912-1954)

Von 1931 bis 1934 studierte er am King’s College in Cambridge Mathematik. Nach seinem Abschluss begann er 1936 mit der Arbeit »On Computable Numbers« (erschienen 1937), in der er die »Turing Maschine« beschrieb, die als theoretischer Prototyp eines elektronischen Digitalrechners gilt. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er an der Entwicklung der Colossus-Maschine, die Codes der deutschen ENIGMA-Chiffriermaschine entschlüsselte. Nach dem Krieg wandte sich Turing der Computerentwicklung zu. Er entwickelte den Turing-Test für eine universelle Turing-Maschine, den er 1950 in der Zeitschrift »Mind«, Oxford University Press, mit dem Titel »Computing Machinery and Intelligence« veröffentlichte. Dabei ging er davon aus, dass es eine Methode für die Überprüfung der Intelligenz einer Maschine gäbe. Damit gab er der Entwicklung der neuen Disziplin der Künstlichen Intelligenz einen entscheidenden Impuls. 1952 wurde Turing bei einer Demonstration gegen die Homosexuellengesetze verhaftet und wegen seiner Homosexualität zu einer einjährigen Hormonbehandlung mit Östrogen verurteilt. Ein Jahr nach Ende der Behandlung, 1954, beging er mit einem zyankalivergifteten Apfel Selbstmord.

(http://www.medienkunstnetz.de/kuenstler/turing/biografie/; vgl.

http://www.spektrum.de/sixcms/media.php/924/Juni_2011_Turing.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Turing

http://www.millo.de/virtosphere/schillo/teaching/WS2001/Vortraege/Turing.sxi)

Ernesto Guevara de la Serna (1928-1967)

Sein Medizinstudium (1947-1953) an der Universität von Buenos Aires schloss er 1953 mit der Promotion zum Facharzt für Hautkrankheiten ab (Verleihung des Doktortitels am 12. Juni 1953).

Ab Juli 1953 besuchte er mit seinem Freund Carlos Ferrer (*1929, „Calica“) Bolivien, Peru und Ecuador. Ende 1953 landete Guevara in Guatemala, wo der reformfreudige Präsident Jacobo Arbenz (Jacobo Arbenz Guzmán, 1913-1971) eine neue Gesellschaft zu schaffen versuchte. 1954 wurde Arbenz durch einen von dem US-Geheimdienst CIA unterstützten Staatsstreich gestürzt.

In Mexiko arbeitete Guevara ab Herbst 1954 im Krankenhaus von Mexiko-Stadt. 1955 schloss er sich der „Bewegung des 26. Juli“ um die beiden Exil-Kubaner Raul und Fidel Castro an, die den Sturz der Regierung des Diktators Fulgencio Batista y Zaldivar (1901-1973) auf Kuba plante – die Kubanische Revolution. Im gleichen Jahr heiratete Ché die Peruanerin Hilda Gadea Acosta (1925-1974), mit der er eine gemeinsame Tochter hatte. Die Ehe wurde 1959 geschieden.

Guevara wurde für seine Verdienste im Kampf um Kuba zum geborenen kubanischen Staatsbürger erklärt. Im Juni 1959 heiratete er seine zweite Frau Aleida March de la Fore (*1937), die ihm vier Kinder schenkte. Von 1959 bis 1961 war er Präsident der Nationalbank Kubas, von 1961 bis 1964 war Guevara Industrieminister. So war er maßgeblich beteiligt an der Nationalisierung besonders der nordamerikanischen Unternehmen, der Enteignung des privaten Großgrundbesitzes sowie an den ländlichen Siedlungsprogrammen (Agrarreformgesetz). Im Februar 1960 folgte das erste Kubanisch-Sowjetische Handels- und Kapitalhilfeabkommen. Die USA kürzten darauf den Zuckerimport aus Kuba drastisch und verhängten ein Handelsembargo gegen Kuba. Die UdSSR wurde dadurch zum Haupthandelspartner Kubas.

1964 kritisierte der radikale Kommunist Guevara die Pläne der UdSSR auf Kuba. 1965 trat „Che“ von seinen Ämtern zurück und gab die kubanische Staatsangehörigkeit auf. In Afrika engagierte er sich erfolglos im Bürgerkrieg des Kongo.

1966 wollte er durch den Aufbau einer neuen Guerillaorganisation in Bolivien die Massen zum revolutionären Aufstand zu bewegen. Der bolivianische Präsident René Barrientos (1919-1969) setzte ein Kopfgeld auf Guevara aus. Am 8. Oktober 1967 geriet Ché Guevara bei einem Gefecht seiner Rebellen mit bolivianischen Regierungstruppen in einen Hinterhalt, wurde verletzt und gefangen genommen. Auf Befehl von Präsident Barrientos wurde Ché am 9. Oktober 1967 von Feldwebelleutnant Mario Terán erschossen.

(http://www.oppisworld.de/zeit/biograf/che-guevara.html; vgl.

http://www.taz.de/!5193800/

http://de.wikipedia.org/wiki/Che_Guevara

http://deu.anarchopedia.org/Ernesto_Che_Guevara

http://www.cubafreundschaft.de/Che/Che%20-%20Biographie.pdf

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/guevara/)

Zum Titel und Untertitel des Buchs

Mausoleum: monumentales Grabmal in Form eines Bauwerks (Dudenonline), synonym Grabmonument, Grabstätte; ein Bauwerk, das über einem Grab (meist einer berühmten Person) steht (thefreedictionary).

Fortschritt: abstrakter Begriff der Weiterentwicklung seit Mitte 18. Jh. als Lehnübertragung von frz. progrès; seit dem späten 18. Jh zunehmend geschichtsphilosophisch verstanden; etwa nach 1820 politisches Schlagwort, bald marxistisch vereinnahmt. Seit etwa 1900 wird „Fortschritt“ der Begriffskritik unterzogen und im Sinne des Kulturpessimismus neu bewertet: „Der Fortschritt droht das Ziel zunichte zu machen, das er verwirklichen soll – die Idee des Menschen.“ (Horkheimer: Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967) (Paul: Deutsches Wörterbuch, 10. Aufl. 2002)

Wie man sieht, ist der Begriff des Fortschritts zwiespältig – wie ja auch der Fortschritt selber zwiespältig ist und zwiespältig bewertet wird, wie sich (nicht nur) am Werk Thomas Malthus’ schön zeigen lässt:

„Thomas Malthus hat sich 1798 mittelfristig geirrt, langfristig hat er prinzipiell recht behalten.“ (http://www.scientific.at/1998/roe_9805.htm)

„Wenn man sich die Entwicklung in der vergangenen Zeit seit Malthus ansieht, so kann man nur zu dem Schluss kommen, dass er sich grandios geirrt hat.“ (http://soziobloge.de/das-bevolkerungsgesetz-von-thomas-robert-malthus/)

„Ein wesentlicher Verdienst von Malthus liegt darin, dass er ein sich selbst regulierendes System zur Erklärung von Bevölkerungsveränderungen entwickelt hat.“ (http://www.spektrum.de/lexikon/geographie/malthus-thomas-robert/4908)

Die Unschärfe des Begriffs Fortschritt wird dadurch vergrößert, dass bei Enzensberger ein Attribut zum Nomen „Fortschritt“ fehlt: Fortschritt wessen? Als wenn es einen Fortschritt an sich gäbe – den gibt es aber nicht.

So müssen wir uns Enzensbergers Begriff des Fortschritts zuwenden – und gleich mit einer Kritik seiner Auswahl beginnen: Wie kann man in der Geschichte des Fortschritts von 1350-1975 unter 37 Personen etwa Descartes, Newton, Kant, Mozart odder Beethoven, Karl Marx, Sigmund Freud und Albert Einstein nicht erwähnen? Und wozu muss man stattdessen z.B. Guillotin, Robert-Houdin, Wilhelm Reich, Ugo Cerletti, Georges Méliès und Molotow bedichten? Wenn auch jede Auswahl bedeutender Personen nach persönlichen Maßstäben erfolgt, vertritt Enzensbergers Auswahl einem Fortschrittsbegriff, der von den revolutionären Idealen der 68er-Bewegung bestimmt ist. Ich werde versuchen, Enzensbergers Fortschrittsbegriff und -bewertung in seinen Balladen näher zu bestimmen.

Wenn man die Gattungsbezeichnung „Balladen“ ernst nimmt, ändern sich das Bild und die Bewertung von Enzensbergers Auswahl. Ballade: „strophisch gegliedertes Erzähllied, in dessen Mittelpunkt eine ungewöhnliche, konflikthafte fiktive Begebenheit steht“ (MLL); „ein Gedicht, das eine Handlung, also etwas Dramatisches, in epischer Erzählweise vorstellt“ (Schülerduden Literatur). In den 37 Balladen müssen also nicht die 37 wichtigsten Persönlichkeiten aus der Geschichte des Fortschritts vorgestellt, sondern es sollen 37 ungewöhnliche Begebenheiten erzählt werden, vielleicht auch 37 ungewöhnliche Menschen präsentiert werden. Mit dieser Einsicht kann man die Kritik an Enzensbergers Auswahl relativieren.

Enzensbergers Gedicht über G. de’ D. findet man im Netz, wenn man den Anfang eingibt („Giovanni de’ Dondi aus Padua verbrachte sein Leben“), etwa in Rainer Barbeys Buch „Unheimliche Fortschritte: Natur, Technik und Mechanisierung im Werk von Hans Magnus Enzensberger“, Göttingen 2007, als google-Buch). De’ Dondi hat eine Uhr gebaut, die zugleich „zwecklos und sinnreich“ (V. 21 und noch einmal in der 8. Str.) ist; sinnreich ist sie, weil sie in ihrer ausgetüftelten Mechanik die Bewegung der Planeten, die Dauer des Tages und die beweglichen Feste anzeigt, nebenher auch noch das Datum und die Uhrzeit – zwecklos ist sie, weil sie das Leben der Menschen in Padua nicht ändert (7. Str.). Sinnreich und zwecklos – damit ist die Uhr auf eine Stufe mit des Zeitgenossen Petrarca Gedichte „Trionfi“ zu stellen, wie zweimal im Vergleich gesagt wird (3. und 8. Str.). In den beiden letzten Strophen wird die Kritik durch Bezug auf die Gegenwart fortgeführt, die genauso wie das Mittelalter von „Raubtieren“ beherrscht wird (die Unternehmer Guggenheim und das Pentagon als Beispiele, 9. und 10. Strophe): „In diesem Mittelalter / leben wir immer noch.“ Zur Begründung wird die wunderbare Himmelsmechanik der Uhr als Metapher der „mittelalterlichen“ Zustände in Padua und bei uns genommen: „Aber / derselbe Himmel.“ (10. Str.) Ein Fortschritt in der Mechanik der Uhren begründet noch keine Verbesserung des Lebens.

Gutenbergs Erfindung wird in den Gedicht über J. G. G. gewürdigt, es ist „Die Kunst des künstlichen Schreibens“ (1. und 11. Str.) – etwas, „das mächtig ist wie die Kombinatorik: // aus fünfundzwanzig mal zwei metallischen Zeichen / (die Ziffern und Ligaturen nicht gerechnet) / all das, was der Fall war, ist oder sein könnte / beliebig zusammenzusetzen und zu vermehren, // […] durch der Formen Zusammenhalt, / geschnitten in Stahl, in Kupfer geschlagen, / gegossen in Blei, Zinn, Wismut und Antimon.“ (5. – 7. Str.) Diese Kunst ist also „etwas Metallisches“ (V. 4); das Quattrocento wird abgetan (3. Str.), die „Fortschritte“ gibt es „im Berg- und im Mühlenbau, in der Metallurgie / und in der Waffentechnik. Nicht die Madonna / im Rosenhag, sondern der Kran und das Schneckenrad.“ (4. Str.) Gutenbergs Erfindung braucht als Basis viele Geräte, viele Werkzeuge, viele Menschen, „ein Heer von Arbeitern, Ausbeutern und Komplicen / von Krakau bis Salamanca: Drahtzieher, / Lumpensammler, Bankiers“ (9. Str.), und dann erst Gutenberg – der ist verschwunden, geblieben ist „Die Kunst des künstlichen Schreibens, / ein bleierner Nachgeschmack aus dem Quattrocento.“ (11. Str.) Der zitierte letzte Vers des Gedichtes wertet die Kunst ab, indem sie gegen das viel gerühmte Quattrocento abgesetzt und ihr dabei der bleierne Nachgeschmack beigelegt wird – eine Metapher des Charakters der Kunst, die ja „etwas Metallisches“ darstellt und die dunkle Seite des Quattrocento in sich trägt: Gutenberg roch „nach Firnis und Ruß“, nicht nach Weihrauch (10. Str.; vgl. das Wortspiel „verfolgt“ in der 5. Str.). Der Fortschritt fand in den finsteren Werkstätten statt – wozu die Kunst des künstlichen Schreibens missbraucht wurde und wird, wird nicht bedacht.

Das Gedicht über N. M. findet man in der Datei http://aclassen.faculty.arizona.edu/sites/aclassen.faculty.arizona.edu/files/Enzensberger.Auswahl.pdf (dort S. 125-127). Das Gedicht stellt eine Ansprache (man muss den Balladenbegriff also sehr weit fassen!) an Macchiavelli dar. Er wird uneingeschränkt bewundert als der miese Typ, der er ist: „Niccolò Meister des kriechenden Ganges / ewig gekränkter Staatsdiener einer schäbigen Republik“ (3. Str.); er ist „ein Rattenkönig / von Plünderungen, Meineiden und irren Intrigen“ (18. Str.). Auch Spott mischt sich in das ambivalente Lob: „was ein rechter Renaissancemensch ist, das krümmt sich beizeiten“ (20. Str., eine Abwandlung des Sprichworts vom Häkchen). In den beiden letzten Strophen wird klar, wofür dieser miese Kerl gelobt wird: „Niccolò, Schuft, Dichter, Opportunist, Klassiker, Henker: / du bist der Alte Mensch wie er im Buche steht, und dafür lob ich dein Buch // Bruder Niccolò, das vergeß ich dir nicht, und daß deine Lügen / so oft die Wahrheit sagen, dafür verfluche ich deine krumme Hand.“ Die Metaphern vom alten und neuen Menschen stammen aus dem Neuen Testament (Röm 6,6; Eph 4,22-24; Kol 3,9 f.) und bezeichnen den Zustand vor und nach der Erlösung durch Christus; Enzensbergers Erzähler spricht nur vom Alten Menschen, über den Macchiavelli die ganze Wahrheit in seiner politischen Theorie vom Vorrang der Staatsräson offenbart hat – eine Episode des Fortschritts – dafür gebührt ihm Dank, dafür sei er verflucht! Enzensberger hat als Ziel des Fortschritts den neuen Menschen im Blick, ohne ihn explizit zu nennen und ohne zu sagen, wie er zustande kommen soll. Freilich war ein neuer Mensch zu werden und anderen dazu zu verhelfen nach 1968 das revolutionäre Ziel, das brauchte 1975 nicht ausdrücklich gesagt zu werden. Doch bewegte man sich dabei auf dünnem Eis: „Der Neue Mensch ist die Forderung verschiedener Totalitarismen nach einem besseren Menschen, der sich vom traditionellen Menschen unterscheiden soll.“ (http://de.wikimannia.org/Neue_Mensch; vgl. http://www.bpb.de/apuz/197977/zur-truegerischen-vision-menschlicher-vollkommenheit?p=all)

Bernardino de Sahagún kannte ich bisher nicht; vielleicht müssen sich auch andere erst über diesen Mönch informieren, damit sie das Gedicht über B. de S. verstehen. Bernardino ist der erste, der uneingeschränkt von Enzensbergers Erzähler für seinen Umgang mit der indianischen Kultur und Bevölkerung gelobt wird: „Das Vernichtete / bewundert er.“ (4. Str.) „Er erfindet die Feldforschung.“ (5. Str.) Und dann taucht das entscheidende Stichwort „eine andere Welt“ in der 7. Str. auf – die andere Welt, das ist die Welt der unterworfenen und dezimierten Indianer. Das Massaker an ihnen findet der Erzähler verständlich, weil ableitbar „durch Klassenlage und Ökonomie“ (11. Str.); eine andere Welt ist dagegen „etwas, das wir nicht ableiten können“ (11. Str.). Dem Fremden hat Bernardino in Angst und Bewunderung standgehalten; das macht seine Größe aus: „Dieses Unverständliche ist es, / was Angst macht und was die einzige Hoffnung ist.“ (8. Str.) – Vielleicht will der Erzähler mit diesem zitierten Satz Bernardinos Sicht umschreiben, vielleicht urteilt er selber so; beides leuchtet mir nicht ein. Ich kann nur denken, dass das Unverständliche auszuhalten Angst und Hoffnung macht – Angst dem, der es erlebt, Hoffnung denen, die seine Tat in Ruhe bedenken. Dem Fremden standzuhalten, statt die Fremden auszugrenzen (oder zu beseitigen), das ist ein Fortschritt in der Humanität.

Den Anfang des Gedichtes über T. B. kann man unter Capriccio (3) auf der Seite http://www.physiologus.de/capriccio.htm nachlesen. Tycho Brahe, von Enzensberger geziert Tyge Brahe genannt, wird in dem Gedicht heruntergemacht: „Keine Zeit für die Liebe. Stattdessen abstrakte Beute: Wissen / um jeden Preis.“ (3. Str.) Nichts interessiert ihn, nur seine Messungen; selbst Kepler stört ihn, er „verdunkelt das Licht des Toten für immer. Zwei Mutanten. / Wissen, chimärenhaft, ohne zu wissen wozu. Im grauen Gewebe / tickt die Evolution. Launen im Eiweiß. Einhörner. Siehe / z.B. den Narwal und seinen Zahn.“ (10. Str.) Wenn der Mensch als Mensch um des wissenschaftlichen Fortschritts willen verkrüppelt ist, ist das kein Fortschritt, mag das Gehirn noch so groß sein – sagt Enzensberger.

Diese fünf Beispiele vermitteln einen ersten Eindruck davon, dass Enzensberger den Fortschritt kritisch sieht. Noch deutlicher wird das, wenn man weitere Gedichte heranzieht – ich begnüge mich mit kleinen Splittern ohne große Analysen: Jacques de Vaucanson (J. de V.) baute nicht nur die mechanische Ente, sondern machte die Arbeiter zu Gefangenen in ihren Fabriken. Piranesi (G. B. P.) zeichnete u.a. die Carceri: „Das Labyrinth, das er abbildet, ist dein Bewußtsein. […] Bald ähnelst du selbst dem Insekt, das über die endlosen Treppen taumelt, auf den Brüstungen balanciert. Was du auf diesen Stichen siehst, ist eine andere Welt, und was sie bedeutet, wissen wir nicht.“ Wieder das Stichwort der anderen Welt! Spallanzani hat keine Hemmung, in die Prozesse des Lebens einzugreifen: „Zweckmäßig verfolgt der Mensch sein Geschäft, / eine Tierart, die frohlockend voranschreitet. Heureka!“ Hier findet wir den ironisch-kritisch gebrauchten Begriff des Fortschritts. Condorcet entwarf ein „Gemählde vom Fortschritt des menschlichen Geistes“, starb aber in seiner Zelle durch Gift: „Ein naives Fluidum steigt uns in die Nase, / und wir fragen uns, was es mit dieser Philosophie für eine Bewandtnis hat: / ist sie Beschwörung, wohlriechender Hohn, Stoßgebet, idée fixe, oder Bluff?“ Der Zauberkünstler Robert-Houdin (J. E. R.-H.) lebte von Kunst der Täuschung: „Die Vernunft wird geblendet / durch die strikte Anwendung der Vernunft. Ununtersscheidbar / der Fortschritt des Schwindels vom Schwindel des Fortschritts.“ Stanley (H. M. S.), der große Entdecker Afrikas, bekommt sein Denkmal gesetzt: „Der Gestank der Leichen, / die er hinterließ, / ist kaum mehr zu spüren.“ Taylor (F. W. T.) setzte das Werk Vaucansons fort: „Daß sie ihn nicht erschlagen haben, / diesen Fakir, der sie anbrüllte: Ihr habt nicht zu denken! – // eigentlich deprimierend.“ Cerletti (U. C.), der Erfinder des Elektroschocks, wird moralisch geschlachtet: „… und dann gibt der Chef Saft (und an einer wissenschaftlichen Begründung hierfür fehlte es leider noch) und dann sind sie weg und dann wachen sie wieder auf und dann sind sie gelöscht.“ Molotow (V. M. M.) ist als abgehalfterter Revolutionär selber erledigt. „Überlebt, überlebend.“ Das Gleiche gilt für den gealterten Beglücker der Menschen Wilhelm Reich (W. R.): „O hilfloser Helfer der Menschheit! O mystischer Technokrat! / O Kabbalist aus dem Horrorfilm! O kaputter Befreier!“ Auch Che Guevara (E. G. de la S.), die Ikone der 68er, ist an sich selbst gescheitert. Er musste erst seinen Feind finden, „der ihm treu bis ans Ende blieb // und den Feind des Feindes. Wenige Siege später erschien ihm / der Neue Mensch, eine alte Idee, sehr neu. Doch die Ökonomie / hörte seinen Reden nicht zu. Es fehlten immer Spaghetti.“ Man hätte noch ganz anderes von diesem „Menschenfreund“ erzählen können… Aber vielleicht kann man die Idee des Fortschritts insgesamt auch ein wenig positiver bewerten; dafür muss man allerdings mehr Leute vom Schlag des Ignaz Philipp Semmelweis (I. P. S.) berücksichtigen. – Bakunin ist übrigens der einzige, dem Enzensberger „kehr wieder!“ nachruft.

Ich habe noch folgende Gedichte aus dem „Mausoleum“ im Internet gefunden:

G. W. L. teilweise zitiert (und sachlich kritisiert) in http://www.stamer-reflex.com/files/20080701leibniz.pdf,

J. de V. ganz in http://www.gymnasium-wildeshausen.de/tl_files/gymnasiumwildeshausen/alte_homepage/faecher/de/robert_riener/index_riener.htm (dort H.M.E.: Jacques de Vaucanson)

G. B. P. ganz in http://www.zeit.de/1975/35/drei-balladen-aus-der-geschichte-des-fortschritts/seite-4

L. S. teilweise in http://www.physiologus.de/fragest_neu.htm (7 von 15 bzw. 16 Strophen), teilweise in https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/enzensberger/film/1952/transcript

C. M. teilweise in https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/enzensberger/film/1952/transcript

O.E. ganz in Rainer Barbbey (als google-book): Unheimliche Fortschritte… (zur Suche eingeben: „Mühlen nennt man diejenigen Maschinen, bei welchen“)

T. R. M. ganz in http://www.zeit.de/1975/35/drei-balladen-aus-der-geschichte-des-fortschritts

C. B. etwa zwei Drittel in Rainer Barbey (google-book): Unheimliche Fortschritte… (suchen unter „Von etwas abwegigem Charakter. Massig, jähzornig, hilflos“)

C. R. D. ganz in http://www.frankjankowski.de/anthol/antho9.htm (unter „Charles Darwin“)

F. C. ganz in http://www.koelnklavier.de/kuriosa/enzensberger-chopin.html

M. A. B. ganz unter „Literatur und Studentenbewegung“ (google-book), suchen unter „Ja, Bakunin, so muß es gewesen sein“

H. M. S. teilweise in http://www.physiologus.de/forschungsrei.htm

G. M. ganz zu Beginn der Magisterarbeit http://othes.univie.ac.at/2052/1/2008-10-28_9909687.pdf (bis S. 7)

E. G. de la S. ganz in http://www.zeit.de/1975/35/drei-balladen-aus-der-geschichte-des-fortschritts/seite-2

Gedichte, von denen nur drei oder fünf Zeilen zitiert sind, habe ich nicht berücksichtigt. Weitere Hilfsmittel zum Verständnis der Gedichtsammlung:

Besprechungen „Mausoleum“: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41443454.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-geschichtsphilologe-pantheon-des-technischen-fortschritts-1881879.html

http://elpub.bib.uni-wuppertal.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-283/d040201.pdf (Dissertation, S. 87 ff.)

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/germanistik/mauerschau/mauerschau5_reichmann.pdf (dort S. 129 ff.)

https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/enzensberger/film/1950/transcript (Gespräch Enzensbergers mit A. Kluge über „Mausoleum“)

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/germanistik/mauerschau/mauerschau5_reichmann.pdf (über Enzensberger und Kluge)

https://books.google.de/books?id=9q32Mme-L88C&pg=PA151&lpg=PA151&dq=enzensberger+mausoleum&source=bl&ots=RF-ce8mw_4&sig=8HY3ceY0O1JzDSxqTEFilHq7yXM&hl=de&sa=X&ei=x6RgVedTiZKyAZGggMgK&ved=0CCsQ6AEwAjgU#v=onepage&q=enzensberger%20mausoleum&f=false (Gunter E. Grimm, in: Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert, S. 151 ff.)

http://www.dctp.tv/filme/saboteur-depression/ (Enzensberger selbst, Interview, in http://magazin.dctp.tv/2014/11/09/erlost-die-nachrichten-von-der-menschlichen-gleichgultigkeit-hans-magnus-enzensberger-zum-85-geburtstag/)

http://germanica.revues.org/1480?lang=de (Lyrische Historiographie…)

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