Enzensberger: Der Untergang der Titanic – Text, Inhalt, Übersicht

Übersicht über das Versepos „Der Untergang der Titanic. Eine Komödie“, 1978

Was man zum Verständnis der verschiedenen Zeitebenen wissen muss: Die Titanic wurde am 2. April 1912 als das größte Schiff der Welt in Dienst gestellt, kollidierte am 14. April 1912 gegen 23.40 h mit einem Eisberg und sank innerhalb von 2.40 Stunden. Der Schriftsteller H. M. Enzensberger schrieb 1969 in Havanna (La Habana) darüber einen Gedichtzyklus, der jedoch verloren ging, als er per Post nach Europa geschickt wurde. Bis 1977 schrieb er über das Thema „Titanic“ ein neues Versepos in Berlin, welches als „Der Untergang der Titanic“ (1978) gedruckt vorliegt.

Die Mitte der 1970er Jahre steht in der Lemo-Chronik unter dem Stichwort „Krisenmanagement“; schaut man dort das Kapitel „Bundesrepublik im Umbruch“, findet man Stichworte, welche die krisenhafte Situation dieser Jahre in Erinnerung rufen: Wirtschaftskrise, Kanzlerwechsel 1974, Antik-Atomkraft-Bewegung, Friedenbewegung, Die Grünen, Linksterrorismus… Vor diesem Hintergrund hat der Untergang der Titanic für Enzensberger symbolische Bedeutung gewonnen. In 33 Gesängen (parallel zu Dantes Göttlicher Komödie) und 16 eingeschobenen Gedichten wird diese Bedeutung entfaltet.

ERSTER GESANG

Einer horcht. Er wartet. Er hält… (Text: http://www.lyrikline.org/de/gedichte/der-untergang-der-titanic-erster-gesang-348#.VXVETOcx2Hk u.ö.)

In einen neutralen Bericht wird die Ich-Rede eines Beobachters eingeschoben, der registriert, wie etwas knirscht und reißt. Es ist nicht markiert, wo die Ich-Rede endet und der Bericht erneut einsetzt – vermutlich mit diesem Kommentar in der 16.Strophe (eventuell bereits in der 15. Str.): „Das war der Anfang. / Der Anfang vom Ende / ist immer diskret.“

Der Berichterstatter weiß, dass die Bordwand auf einer Länge von 200 Metern aufgeschlitzt ist und Wasser ins Schiff einströmt. Der Leser weiß, was bereits im Kommentar gesagt worden ist: Die Titanic wird untergehen.

ZWEITER GESANG

Der Aufprall war federleicht. Der erste Funkspruch:… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/avanepps/zweiter.htm u.ö.)

Es wird berichtet, wie der normale Betrieb an Bord weiterläuft, als ob nichts geschehen wäre, „während in den Laderaum vorn / armdick das Wasser einströmt“ (V. 22 f.). Davon ist der Schluss (V. 29 ff.) abgesetzt: „Nur ganz unten“ kapiert man „wie immer“ zuerst, was los ist – schließlich weiß man dort: „daß die Erste Klasse [bei der Rettung, N.T.] zuerst drankommt, / daß es nie genug Milch und nie genug Schuhe / und nie genug Rettungsboote für alle gibt.“

Hier wird das Wissen derer auf dem Zwischendeck, der kleinen Leute also, genutzt, um das aufzuzeigen, was immer in der Welt begrenzter Güter gilt: Es gibt „nie genug (…) für alle“. Der Millionär John Jacob Astor kann es sich dagegen erlauben, einen (in diesem Moment kostbaren!) Rettungsring mit einer Nagelfeile aufzuschlitzen, nur um seiner Frau den Inhalt zu zeigen (V. 19 ff.). An ihm wird die ungleiche Verteilung und die Verschwendung der lebensnotwendigen Güter demonstriert.

Apokalypse. Umbrisch, etwa 1490

Er ist nicht mehr der Jüngste. Er seufzt… (Text: http://urania-josegalisifilho.blogspot.de/2012/06/painting-end-of-world-apokalypse.html)

Vier der eingeschobenen Gedichte befassen sich mit Gemälden, die das Thema berühren; dieses Gedicht ist das erste der vier. Es wird berichtet, wie ein Maler im Auftrag eines Paters ein Bild er Apokalypse malen soll und malt. Dabei wird der Unterschied zwischen einem realen Untergang und seiner künstlerischen Darstellung betont: „Die ganze Welt zu zerstören macht viel Arbeit.“ (V. 21) „Alles / soll nämlich zerreißen, zerrissen werden, / nur nicht die Leinwand.“ (V. 23 ff.) Schließlich ist nach Monaten „der Weltuntergang glücklich vollendet“ (V. 42 f.), was mit einem großen Festessen gefeiert wird. Die Paradoxie des Umgangs mit dem Weltuntergang wird dadurch betont, dass der Erzähler durchgängig nicht von der Darstellung des Weltuntergangs, sondern verkürzt vom Weltuntergang spricht. Den Maler geht der von ihm gemalte Weltuntergang nichts an, sein Werk ist für ihn nur Kunst und Brotarbeit: indirekt eine Warnung oder eine Kritik am bloß ästhetischen Verhalten gegenüber der drohenden Katastrophe.

Mamon Delisle bezweifelt, ob es das erwähnte Gemälde tatsächlich gibt (Weltuntergang ohne Ende, 2001, S. 192, Anm. 38).

DRITTER GESANG

Damals in Habana blätterte der Putz ab… (Text: http://www.zeit.de/1994/35/die-furie-hoffnung, nur die 1. Strophe)

Es spricht das Dichter-Ich, das sich beim Schreiben in Berlin an das vergangene Schreiben „damals in Habana“ erinnert: an seine später enttäuschte Hoffnung auf die große revolutionäre Veränderung: „Damals dachte kaum einer an den Untergang“ (3. Str.), an der Untergang der Hoffnung nämlich. „Wir wußten nicht, daß das Fest längst zu Ende“ war. Das Ich erinnert sich an verschiedene Genossen damals und daran, dass ihm in der Karibischen See der Eisberg wie ein Vision erschien.

Diese Verbindung von eigener Enttäuschung im roten Kuba und dem Untergang der Titanic will nicht recht gelingen. Die Rezension in der FAZ hält diese Schwäche sogar für das Kennzeichen des ganzen Buches.

Verlustanzeige

Die Haare verlieren, die Nerven… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/jprellwitz/titanic2.jprellwitz.htm oder http://www.physiologus.de/verlieren.htm – die Textgestalt ist jeweils ein bisschen problematisch)

Dieses Gedicht ist eine bloße Ansammlung von „Dingen“ bzw. Akkusativobjekten, die regelmäßig mit dem Verb „verlieren“ verbunden werden. Was das alles mit dem Untergang der Titanic zu tun hat, bleibt rätselhaft. Möglicherweise schließt das Gedicht an ein paar Wendungen aus dem Dritten Gesang an (etwas verloren haben auf dieser tropischen Insel, dort etwas zu suchen haben, 4. Str.), ohne dass sich dadurch ein Sinn ergäbe.

VIERTER GESANG

Seinerzeit glaubte ich jedes Wort… (Text: nur die 1. Strophe in verschiedenen google-books)

Hier wird der Dritte Gesang fortgesetzt: „Seinerzeit glaubte ich jedes Wort, / das ich schrieb“ (V. 1 f.): Der Untergang der revolutionären Hoffnung wird in Beziehung zum Untergang der Titanic gesetzt: „Damals hatte ich recht./ Untergegangen ist damals / weiter nichts als mein Gedicht“ (4. Str.). Und: „Ich such den Faden, / den ich verloren habe, und manchmal / ist mir, zum Beispiel jetzt, / als hätte ich ihn gefunden.“ (5. Str.) – Hier wird an die Sammlung der verlorenen Dinge aus „Verlustanzeige“ angeknüpft, ohne dass der gefundene Faden benannt würde. Im Gegenteil, das Ich sitzt in Berlin, „und [ich] amüsiere mich mit dem Untergang, / mit dem Untergang der Titanic.“ (7. Str.) Das Gedichteschreiben wird als belangloser Zeitvertreib gegen „das tropische Fest“ (2. Str.) des revolutionären Kuba abgegrenzt, wobei letztlich unklar bleibt, wie berechtigt die große Hoffnung ist.

FÜNFTER GESANG

Raubt, was man euch geraubt hat… (Text: http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?id=49193&lang=it; die Textgestalt ist nicht korrekt, der Text teilweise falsch abgeschrieben)

Hier wird der Zweite Gesang fortgesetzt, und zwar mit dem Bericht von einer Rede zum Aufruhr, die ein Ungenannter auf dem untergehenden Schiff an die Leute auf dem Zwischendeck hält (1. und 3. Str.); zweimal wird darauf adversativ fortgesetzt: „Aber die Leute vom Zwischendeck“ reagierten nicht darauf (2. und 4. Str.), „sie verstanden ihn nicht“ (5. Str.); „sie hörten ihm zu, respektvoll, / und warteten, bis sie versunken waren“. Hier zeigt sich die Schwäche der Ausgebeuteten; selbst im Untergang wehren sie sich nicht. Indirekt wird auch der Dritte und Vierte Gesang aufgegriffen: Damals schien es ja, als ob es in Kuba anders sein oder werden könnte.

SECHSTER GESANG

Unbewegt betrachte ich dieses kahle Zimmer in Deutschland… (Text: nicht greifbar)

Das Dichter-Ich reflektiert sein eigenes Schreiben jetzt (als unsichere Rekonstruktion des alten verlorenen Textes), die unsichere Erinnerung sein eigenes Leben damals in Havanna, und die Minuten, „die sich dehnen, / je näher irgendein Ende rückt, um so endloser“ (V. 19 f.).

Rätselhaft sind die beiden Schlussverse: „Es überkommt mich, ich weiß nicht warum, eine große Ruhe. / Ich schaue hinaus, wie ein Gott. Es ist kein Eisberg in Sicht.“ Mit dem Stichwort „Eisberg“ wird der Dritte Gesang aufgenommen und das folgende Gedicht vorbereitet – aber weshalb das Ich wie ein Gott schaut, bleibt ein Rätsel.

Der Eisberg

Der Eisberg kommt auf uns zu… (Text: http://www.physiologus.de/eisberg.htm)

Dieses Gedicht knüpft mit dem Thema „Eisberg“ an den Sechsten Gesang an: „Der Eisberg kommt auf uns zu / unwiderruflich.“ (V. 1 f.) Wer der Sprecher und „wir“ ist, bleibt ungewiss; der Tonfall ist zunächst erhaben: „Siehe, er löst sich ab / von der Gletscherstirn…“ (V. 3 ff.). Der Lobpreis des Eisbergs wird mit angeblichen oder wirklichen Zitaten fortgesetzt (3. – 5. Str.). Darauf folgt ein paradoxer Wechsel der Aussagen: „Der Eisberg hat keine Zukunft. […] Er ist vergänglich. […] Er geht uns nichts an…“ (6. – 8. Str.) Den Abschluss bildet eine Rückwendung aufs eigene Sprechen: „Ja, so muß es heißen: / Vollkommen.“

Es werden also zwei Sehweisen oder Einstellungen gegenüber dem Eisberg darrgeboten, die einander widersprechen, niemandem zugeordnet und nicht miteinander vermittelt sind.

SIEBENTER GESANG

Wir setzen unsere Führung fort und gelangen jetzt… (Text: nicht greifbar)

Es spricht ein Unbekannter, der Gäste durch die Titanic führt und sie zum Schluss zum Dinner bittet; Einzelheiten des Menüs sind in den Text montiert. Dieser Gesang kann als Parallelszene zum Fünften Gesang gelesen werden, auch wenn eine Führung kurz vor Mitternacht seltsam wäre – vermutlich wird man die Führung also nicht synchronisiertes Geschehen auf der Titanic begreifen müssen. – Angesichts des drohenden Untergangs wirkt das Geschehen grotesk.

Abendmahl. Venezianisch, 16. Jahrhundert

Als ich mein Letztes Abendmahl beendet hatte… (Text: http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=233, dort das dritte Gedicht, oder https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/enzensberger-veronese-abendmahl-venezianisch.pdf)

Dies ist das zweite Gedicht zu einem Bild, und zwar zum Bild „Das Gastmahl im Hause des Levi“ von Paolo Veronese, 1573. Es ist ein Selbstgespräch des Malers, in dem es um die Differenz zwischen dem, was die Leute an Bedeutung sehen wollen, und der Tatsache, dass ihm das gut gemalte Bild einfach gefällt, geht. Es geht also um den „Sinn“ von Kunst, die der Maler „zu meinem Vergnügen“ (V. 18, vgl. Anfang 3. Str.) (und gegen gute Bezahlung) produziert hat; das Bild gefällt aber den Inquisitoren nicht. Wegen solcher Widerwärtigkeiten hat der Maler dann einen anderen Titel gewählt, „Ein Diner bei Herrn Levi“ (Verfremdung des richtigen Titels).

In den beiden letzten Strophen berichtet der Maler von einem Streich, den er seinen Kritikern und Interpreten gespielt hat: Ins Bild „Heilige Anna selbdritt“ hat er „eine Suppenschildkröte mit rollenden Augen“ (4. Str.) gemalt und sie dann überpinselt, „bevor die Schmarotzer anfangen konnten, / mir zu erklären, was es bedeute“ (5. Str.). Dieses Bild sei vielleicht sein bestes. „Keiner außer mir weiß, warum.“ (5. Str.) – wegen der übermalten Schildkröte (die es natürlich nie gegeben hat – ein Gag Enzensbergers).

Mit diesem Gedicht, das nur schwach, wenn überhaupt mit dem Zyklus verbunden ist (es sei denn, man erblickte in dem im Siebenten Gesang erwähnten Dinner einen Anknüpfungspunkt), setzt Enzensberger als Künstler sich mit Interpreten und Kritikern auseinander und macht ihnen eine lange Nase.

ACHTER GESANG

Salzwasser in der Tennishalle! Ja, das ist ärgerlich… (Text: Auszüge in http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/sally/titanic.htm)

Dieser Gesang, der an den Zweiten anknüpft, ist ein Selbstgespräch eines Ingenieurs, dessen beschränktes Denken indirekt verspottet wird, weil er den drohenden Untergang des Schiffs nicht erkennt und ihn – gesetzt den Fall, er träte ein – auch für unwesentlich erachtet: „Im übrigen geht jede Innovation auf eine Katastrophe zurück“ (3. Str.). „Hieraus schließe ich, daß es zwecklos ist, jeden Zwischenfall, / der einen zufällig selbst betrifft, wie z.B. den eigenen Tod, / aus einem allzuengen Gesichtswinkel zu betrachten.“ ( 4. Str.) So geht er eben unter, und das weiß er auch „als Portweintrinker und Ingenieur“: überzogen gelassen und desinteressiert.

Der Text ist, obwohl in Versform gesetzt, reine Prosa; ihn ein Gedicht zu nennen wäre übertrieben.

NEUNTER GESANG

Diese Ausländer, die sich photographieren ließen… (Text: nicht greifbar, zeilenweise zitiert in Artikeln über Kuba, z.B. http://www.tagesspiegel.de/kultur/kuba-ein-linker-mythos-auf-eine-zigarre-mit-fidel/11148250.html oder http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=do&dig=2008/12/27/a0008&cHash=09c89fb8bb)

Das Dichter-Ich, obwohl nicht genannt, erinnert sich offenbar an seine Zeit in Kuba und erzählt davon (relativ belanglos), u.a. dass es „nach altem Urin / und nach alter Knechtschaft roch“ (V. 6 f.). Eine Speisekarte (2. Str.) stellt formal eine Verbindung zum Siebenten Gesang her.

Unvermittelt wechseln in der 4. Strophe Sprecher und Perspektive: Ein Ich berichtet vom Lärm und von der Stille, die es erlebt, als auf der Titanic die Kessel gelöscht werden.

Innere Sicherheit

Ich versuche den Deckel zu heben… (Text: http://literaturnetz.bboard.de/board/ftopic-34591213nx23182-129.html, dort das fünfte Gedicht)

Dieses Gedicht steht isoliert, berührt allenfalls weitem leicht die Erinnerung an die nicht erfüllten kubanischen Hoffnungen: Es ist ein Monolog eines Menschen, der in einer Kiste eingesperrt ist und sich befreien möchte, was ihm aber nicht gelingt. Es kann ihm nicht gelingen, weil das „nur mit vereinter Kraft gelingen“ kann (5. Str.), was jedoch voraussetzt, „logischerweise“ (6. Str.), dass alle bereits aus ihren Kisten befreit sein müssten.

Mit dieser Paradoxie verbindet der Sprecher das innenpolitische Reizwort von der inneren Sicherheit, zu deren Schutz (oder „Schutz“) oft Rechte eingeschränkt werden: Aus Sicherheitsgründen eingesperrt sei er eingesperrt.

Die Metapher von der Befreiung aus der Kiste wird hier arg strapaziert, bildlich und politisch, ohne in einem Zusammenhang mit dem Untergang der Titanic zu stehen.

ZEHNTER GESANG

Das also ist der Tisch, an dem sie saßen… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/lprevite/zehnter.htm, aber ohne Einteilung in Strophen; http://www1.unisg.ch/www/edis.nsf/wwwDisplayIdentifier/2643/$file/dis2643.pdf, dort S. 122)

Diesen Gesang sollte man als Parallele zum Fünften lesen: Berichtet wird in der du-ich Form von einem unhörbaren Streitgespräch zwischen einem Revolutionär und einem Fabrikanten auf der Titanic; der Sprecher gibt dem Revolutionär recht, auch wenn er kein Wort verstehen kann. Das Fazit steht in einem Kommentar zu Beginn der 3. Strophe: „Am liebsten möchten alle gerettet werden, / auch du. Aber ist das nicht allzuviel / verlangt von einer Idee?“ Rettung hat hier den Doppelsinn der Rettung aus der diskutierten politisch-sozialen Situation und aus der Not auf der Titanic. Mit einem Rückblick auf diese vergangene Situation endet das Gedicht: Beide saßen nicht in einem Rettungsboot, der leere Tisch der Diskussion „treibt immer noch auf dem Atlantik“ (3. Str.)

Das Gedicht ist ein resignierter Blick auf das Scheitern aller Hoffnungen.

Der Aufschub

Bei dem berühmten Ausbruch des Helgafell, eines Vulkans… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/ellie/aufschub.htm oder https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/ducc88rrenmatt-der-sohn-text.pdf, dort S. 2)

Abgesehen davon, dass der Helgafell in den letzten Jahrtausenden nicht ausgebrochen ist, wird hier von einem spektakulären Ereignis berichtet: wie man der Katastrophe begegnen kann. Die Leute haben also mit Wasserschläuchen die vorrückende Lava abgekühlt und gestoppt und so „einstweilen, / den Untergang des Abendlandes aufgeschoben“ (V. 14 f.) – hier ist die symbolische Bedeutung des Ereignisses mit Händen zu greifen. Danach führten sie ihr Leben weiter, „vorläufig nur, natürlich, doch ohne Panik“ (V. 21).

Im Kontext der Gesänge sichert dieses Gedicht die symbolisch-metaphorische Bedeutung der Gedichte vom Untergang der Titanic. Die Überschrift besagt, dass nur ein Aufschub der Katastrophe gewährt ist.

ELFTER GESANG

Laßt uns raus… (Text: in einem google-book von Alan J. Clayton)

Hier spricht eine Wir-Gruppe, die offensichtlich unter Deck eingeschlossen ist und fordert, zur Rettung herausgelassen zu werden (vgl. den Ruf des Ichs in „Innere Sicherheit“!). Man könnte an die denken, die (im Fünften Gesang) zu apathisch waren, um gegen ihr Schicksal aufzubegehren, auch wenn das dem Ende des Fünften Gesangs widerspricht.

Das Motiv des „zu viele Seins“ kommt auch in Coetzee: Schande, vor. Formal fällt auf, dass sich mehrere Stabreime finden (Schrank – schwankt, Mörder – Messer, zertreten – Zertretenen, panischer – Pudding, sackig – sanft)

ZWÖLFTER GESANG

Von diesem Augenblick an verläuft alles planmäßig… (Text: http://www.lyrikline.org/de/gedichte/der-untergang-der-titanic-zwoelfter-gesang-349#.VXbArucx2Hk)

Es wird berichtet, wie sich die Katastrophe anbahnt. Während zu Beginn angeblich „alles planmäßig“ verläuft (V. 1), gibt zum Schluss der Kapitän den verzweifelten Befehl: „Rette sich wer kann!“ (V. 27) – dazwischen wird von einzelnen Rettungsmaßnahmen berichtet, die aber eben nicht zur Rettung ausreichen: „Sechzehnhundert bleiben zurück.“ (V.25)

Scheinbar schließt sich dieser Gesang an einen vorhergehenden Bericht an („Von diesem Augenblick an“, V. 1); aber das ist nur eine formale Floskel, die nicht wirklich auf ein vorhergehendes Ereignis verweist. Der Berichterstatter spricht scheinbar zu einem Zuhörer („Ah! schau!…“, V. 17) und kommentiert distanziert reale und gedachte Äußerungen (V. 23, 25).

DREIZEHNTER GESANG

Es weht der Wind mit Stärke zehn… (Text: nicht greifbar)

Hier liegt eine Collage aus fünf verschiedenen Texten vor (Quellen sind genannt), die vom Untergang bzw. vom Tod und von der eigenen Todesverachtung handeln. Dabei werden die frommen Texte des 19. Und frühen 20. Jahrhunderts durch die beiden Schlager von Bruno Balz konterkariert: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ und „Davon geht die Welt nicht unter“.

VIERZEHNTER GESANG

Es ist nicht wie ein Gemetzel, wie eine Bombe… (Text: http://www.physiologus.de/wasser.htm)

Hier wird nüchtern und sachlich beschrieben, wie man es erlebt, wenn das Wasser langsam steigt und man ertrinkt: „wie es alles ausfüllen, / wie es verschluckt werden, und verschlucken will“ (3. Str.). Das Wasser wird dabei nicht genannt, es heißt nur „es“ – aber im Kontext ist klar, was „es“ ist.

Dieser Gesang schließt sich an den Zwölften an, der Dreizehnte ist vom Stil her ein Fremdkörper zwischen ihnen, und steht parallel zum Achten: Während dort der Ingenieur eine professionelle Todesverachtung demonstriert, liegt im Dreizehnten Gesang ein komischer Mischmasch aus religiöser Ergebung und „rheinischer“ Wurstigkeit vor.

FÜNFZEHNTER GESANG

Beim Nachtisch fragten wir ihn, ob ihn das nicht störe… (Text: nicht greifbar)

Dieser Gesang stellt wie „Abendmahl. Venezianisch“ eine Reflexion über die Kunst dar: Aus der Perspektive einer Wir-Gruppe wird berichtet, wie man mit dem Dichter Enzensberger (der Name wird jedoch nicht genannt) über den Sinn seines Werkes vom Untergang der Titanic streitet. Man bestreitet, dass er ein Gedicht geschrieben hat (4. Str.). Man wirft ihm metaphorischen Tiefsinn vor, was er abstreitet: „ich verwickle mich, / ich stottre, ich radebreche, ich mische, ich kontaminiere“, aber das Schiff sei ein wirkliches Schiff (2. Str.). Er selber gleiche der zerreißenden Leinwand (2. Str.), und „es gibt keine Metaphern“ (3. Str.).

In diesem Gedicht bezieht Enzensberger sich auf sich selbst und sein Buch „Der Untergang der Titanic“: Selbstbezüglichkeit, ein Merkmal nicht nur moderner Literatur. – Die Gordon Pym genannte Figur ist Held eines Romans Edgar Allan Poes.

Zum Begriff der Selbstbezüglichkeit vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

http://de.wikipedia.org/wiki/Metafiktion

http://www.schmidt.uni-halle.de/konzepte/texte/noeth1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Autoreflexivit%C3%A4t

Vgl. auch unten „Erkenntnistheoretisches Modell“ und den Zweiundzwanzigsten Gesang!

SECHZEHNTER GESANG

Der Untergang der Titanic ist aktenkundig… (Text: zitiert in Karsunkes Besprechung https://konkretzdxpqygow.torstorm.org/html/197814/7814_045_Karsunke.html)

Dieser Gesang gleicht formal der „Verlustanzeige“ und den letzten Strophen von „Der Eisberg“: eine Sammlung von Redewendungen, diesmal um beliebige Subjekte gruppierbar, dabei alle auf das Subjekt des ersten Satzes bezogen: „Der Untergang der Titanic“. Was man halt so redet, eine Demonstration gegen den Vorwurf der Metaphernlastigkeit (vgl. Fünfzehnter Gesang).

SIEBZEHNTER GESANG

Wir sinken lautlos. Still steht, wie in der Badewanne… (Text: http://www.physiologus.de/geraeusch.htm, dort unter „Geräusch“)

Hier wird in gehobener Sprache (phosphoreszierende Tropfen, glasige Ruhe) vom Untergang des Schiffs berichtet; das Gedicht kann als Fortsetzung des Vierzehnten Gesangs gelesen werden. Zum Schluss wird ein „Augenzeuge“ zitiert, der das unerhörte Geräusch des Untergangs beschreibt. „Was dann kam, waren die Schreie.“

Schwacher Trost

Der Kampf aller gegen alle soll… (Text: http://www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-%E2%80%9Eder-tausendsassa-gedichte-1950-2010/, dort ohne Stropheneinteilung à 6 Verse)

In den ersten sieben Strophen werden die Untaten, Scheußlichkeiten, Verbrechen der Menschen gegeneinander halb ironisch reflektiert. Wie aus der letzten Strophe sich ergibt, werden in der 8. und 9. Strophe Zeitungsmeldungen von teilweise banalen Vorfällen, die gut ausgehen, lobend zur Kenntnis genommen (Also höchste Zeit … zu loben). In der 10. Strophe wird berichtet, dass „wir“ (auch vorher schon zweimal genannt) die Zeitung weglegen „und freuen uns, achselzuckend“, also letztlich desinteressiert, „wie wenn der Schmachtfetzen aus ist“ – alles war nur Unterhaltung, wie bei den Bürgern auf Fausts Osterspaziergang – „und dann blüht uns / endlich der erste Zug aus der Zigarette“, die halt wichtiger als die medial genossenen Nachrichten ist.

Der Titel „Ein schwacher Trost“ ist der resignierte Kommentar zur Nachricht, dass man im Knast Kropotkins „System der gegenseitigen Hilfe in der Natur“ (Titel verändert!) lesen darf.

Vielleicht steht das kritische Gedicht hier, weil der zu Beginn zitierte Kampf aller gegen alle sich auf den Kampf um die knappen Plätze in den Rettungsbooten beziehen lässt, obwohl es sicher allgemein gilt; vgl. auch die Aufforderung „Rette sich wer kann!“ aus dem Zwölften Gesang.

ACHTZEHNTER GESANG

Daraufhin ruderten sie, sagte die weiße Stimme,… (Text: https://www.augustana.de/downloads/titanic.pdf, dort S. 2 f., oder http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/kallen/gesang18.htm)

Es wird berichtet, was „die weiße Stimme“ davon berichtet, wie es nach dem Untergang des Schiffs (Siebzehnter Gesang) in einem Rettungsboot zuging: Wie man die unterschiedlichsten Schreie hörte und wie im Bott gestritten wurde, ob man Schiffbrüchige ins Boot aufnehmen sollte oder nicht – ein weiteres Beispiel für den Kampf aller gegen alle (vgl. „Schwacher Trost“), weil man eben doch keinen der Schreienden rettet.

Weitere Gründe, daß die Dichter lügen

Weil der Augenblick… (Text: http://www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-%E2%80%9Eder-tausendsassa-gedichte-1950-2010/ oder http://antoniocicero.blogspot.de/2008/06/hans-magnus-enzensberger-weitere-grnden.html, dort zwei Wörter nicht kursiv gesetzt)

Ein poetologisches Gedicht, das nicht (direkt) mit dem Untergang der Titanic zu tun hat und an „Abendmahl. Venetianisch“ bzw. auch „Apokalypse. Umbrisch“ anschließt. Es nimmt Platons Wort, dass die Dichter lügen (http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/einfuehrungsvorlesungen/2009/Protokoll%20IV.pdf oder http://www.idsteiner-mittwochsgesellschaft.de/dokumente/2008/20080220.pdf), auf und führt dafür „weitere Gründe“ an, unterscheidet dabei zwischen dem Geschehen und der Darstellung des Geschehens: „Weil die Wörter zu spät kommen, oder zu früh. […] und weil der, von dem da die Rede ist, schweigt.“

Was Enzensberger hier von den Dichtern sagen, gilt im Grunde von jedem, der spricht – mit dem Unterschied, dass man mit dem Sprecher sprechen kann. Es geht um das unter dem Titel „Sprachnot, Sprachkrise, Chandos-Brief“ behandelte, den Abiturienten in NRW in diesen Jahren vorgelegte Problem.

NEUNZEHNTER GESANG

Ein Mann lag im Wasser auf einem Brett… (Text: nicht greifbar)

Dies ist die Fortsetzung des Achtzehnten Gesangs: Es wird von einem Mann berichtet, der wie gekreuzigt auf einer Tür im Wasser treibt; der Streit, ob man ihm helfen soll, geht zu seinen Gunsten aus. Er erholt sich bald und rudert mit, ein Japaner. „Er war weder tot, noch der Messias, / und niemand verstand, was er sagte.“ (V. 29 f.)

Drahtnachrichten vom 15. April 1912

Der Krieg von Tripolis. Die Streitigkeiten in der Sozialdemokrati-… (Text: nicht greifbar)

Hier sind Nachrichten vom Tag des Untergangs wahllos zusammengestellt. Nur die letzte Nachricht, eine Meldung von Reuter, betrifft die Titanic, und sie falsch: „daß alle Passagiere der Titanic bei ruhiger See die Rettungsboote aufgesucht haben“. – Formal ist dieser Gesang mit „Verlustanzeige“ sowie dem Dreizehnten und Sechzehnten Gesang verwandt.

ZWANZIGSTER GESANG

„Am achten Mai, war das ein Ding,… (Text: nicht greifbar)

In der Art eines Bänkelliedes wird erzählt, wie der Heizer Shine auf der untergehenden Titanic den Dienst verweigert und sich rettet; das Datum 8. Mai ist falsch. – In einer Anmerkung gibt Enzensberger als inspirierende Vorlage die Sammlung „Deep down in the Jungle“ (Negerfolklore) an.

EINUNDZWANGZIGSTER GESANG

Hinterher natürlich hatten alle es kommen sehen,… (Text: http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/LPrevite/oberdeck.htm)

Dieser Gesang ist ein Einwurf der Toten gegenüber den Gerüchten von ruchlosem treiben und von den angeblichen Vorzeichen, die auf ein unseliges Ende der Titanic hingewiesen hätten und die allesamt ins Reich der Phantasie gehören. „Nur: Was konnten wir dafür? […] Wir sind tot. Wir wußten von nichts.“

Nur die Ruhe

Zuweilen, wenn auch nicht oft, sieht man im Schnee… (Text: habe ich nicht gefunden)

Dies ist ein Spottlied (in Prosa) auf alle, die den Weltuntergang als unmittelbar bevorstehend erwarten, und auf die Propheten, die ihn verkünden. Ihr Gesang „Näher, mein Gott, zu Dir“ soll auf der Titanic gespielt worden sein; vgl. auch den Dreizehnten Gesang.

ZWEIUNDZWANZIGSTER GESANG

Weit draußen im Golf, in der samtigen Dunkelheit… (Text: nicht greifbar)

In der Ich-Form blickt der Dichter darauf zurück, wie er in Havanna an seinem Opus zu schreiben anfing (Selbstbezüglichkeit, s. Fünfzehnter Gesang!); er nennt auch einige Einzelheiten seiner Gedichte. Er macht sich den ironischen Vorwurf, mit dem Thema Titanic habe er sich als schlechter Genosse erwiesen. „Mit dem Rücken zur Zukunft las ich / Grundrisse und Statistiken, und überall / las ich dasselbe: Wir sitzen alle in einem Boot, / doch: Wer arm ist, geht schneller unter.“ (V. 25 ff.) Es folgt eine Statistik, aus der hervorgeht, dass von insgesamt 2201 Menschen auf der Titanic 711 gerettet wurden (ca. 30%), wobei auf die 325 Passagiere der 1. Klasse 203 Gerettete entfielen (rund 60%). Die Armen gehen tatsächlich schneller unter, entgegen der sprichwörtlichen Wendung von dem einen Boot. – Mit dieser Erkenntnis leistet er seinen kleinen Beitrag zum sozialistischen Experiment.

Erkenntnistheoretisches Modell

Hier hast du… (Text: in einem google-book A. Schreibers, S. 84 f., unter dem Aspekt der Selbstbezüglichkeit)

Hier wird beschrieben, wie man in einer Schachtel mit der Aufschrift „Schachtel“ eine Schachtel mit der Aufschrift „Schachtel“ findet usw., bis zum Schluss eine unendlich kleine Schachtel zu finden ist, „die nur in deiner Einbildung existiert. Eine vollkommen leere Schachtel.“ – Hier wird ein „Modell“ für die von Enzensberger praktizierte Selbstbezüglichkeit des Schreibens vorgeführt, welches zeigt, wie diese ins Leere führt: Reflexion des theoretisch unausweichlichen eigenen Scheiterns.

DREIUNDZWANGZIGSTER GESANG

Widersprüche! schrie er, Versionen! Zweifel!… (Text: nicht greifbar)

Ein ungenannter Sprecher berichtet von einem Streit der Dichter über den Untergang der Titanic und kommentiert ihn auch. Dazwischen sind einige Gerüchte über dieses ausphantasierte Ereignis eingefügt. Die Legende vom letzten Lied „Näher, mein Gott, zu Dir“ wird ausdrücklich als falsch zurückgewiesen.

Dieser Gesang knüpft an den Dreizehnten und an „Weitere Gründe, daß die Dichter lügen“ an – ein poetologischer Text über das Dichten. Aber Vorsicht, auch dies ist nur ein Gedicht!

Erkennungsdienstliche Behandlung

Das ist nicht Dante… (Text: Motto eines Buches von Eva Höller, S. 5)

Im Zweiundzwanzigsten Gesang werden verschiedene fiktive Passagiere genannt, von Gordon Pym (ein Figur Poes) bis Dante. Nachdem im Dreiundzwanzigsten Gesang die Aussagen der Dichter dekonstruiert worden sind, wird hier an einem (fiktiven) Passagier Dante die erkennungsdienstliche Behandlung vorgenommen, mit widersprüchlichen Ergebnissen: „Das ist nicht Dante. […] Das ist Dante.“ (erster und letzter Vers)

VIERUNDZWANZIGSTER GESANG

Am zweiten Tag der Reise fand die Wache frühmorgens… (Text: http://www.physiologus.de/bild.htm, dort unter „Bild“)

Hier wird berichtet, wie ein Gruppe Nomaden sich auf dem Deck der Titanic breit macht und bekämpft wird. Der Salonmaler P. erklärt dann, das seien Figuren seines Gemäldes im Palmensaal, „die Bilder sind übergelaufen“ (2. Str.). Die Figuren riefen ihm: „Mein Bild, das bin ich!“ (2. Str.) Es wird dann berichtet, dass am Morgen des 14. April alle Figuren wieder verschwunden waren. „Sie hinterließen nur / einen wüstenhaften Geruch und den Mist der Tiere.“

Das poetologische Thema von den Dichtern, die lügen, wird wieder aufgenommen und durchgespielt im wörtlichen Sinn – der Schluss mit dem verbliebenen Geruch und Mist ist wie bei einer Legende das Zeugnis der Wahrheit des Erzählten.

Der Raub der Suleika. Niederländisch, Ende des 19. Jahrhundert

Klein, grau und krumm steht er, das Glas in der Hand… (Text: nicht greifbar)

Hier haben wir als drittes Bildgedicht ein Selbstgespräch des aus dem Vierundzwanzigsten Gesang bekannten Salonmalers Salomon Pollock, der in Amsterdam erläutert, wie er malt; er bekennt, dass es keine alten Meister gibt, sondern nur seine Fälschungen. Er ist sich seiner Sache, der gemalten „Geschichte“, nicht sicher: „Sie erfindet mich, ich erfinde sie. […] Die Wahrheit, das dunkle Fenster dort in der Ecke, die Wahrheit ist stumm.“ Das poetologische Problem wird als weiter ausgesponnen.

Eine Deutung des Gedichts im Rahmen vier Bildergedichte gibt es hier: http://www.abstract.lib-ebook.com/a1-other/621699-4-ich-vergleiche-also-bin-ich-zur-funktion-der-metapher-hans.php

Deutung dieses und der anderen drei Bilder-Gedichte durch Manon Delisle: Weltuntergang ohne Ende, 2001, S. 201 ff. bzw. 192 ff.

FÜNFUNDZWANZIGSTER GESANG

Das letzte Boot, Nummer C, Typ Engelhardt,… (Text: http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/Kommentar_Untergang%20der%20Titanic/titanickommentar_g25_msw.html, mit Kommentar)

Hier wird berichtet, was die Passagiere des letzten Rettungsboots am Morgen erlebten (mit einem bereits in „Der Eisberg“ verwendeten Zitat). Den vielen Legenden von Untergang und Rettung wird eine weitere hinzugefügt: Im Boot seien fünf Chinesen als versteckte Passagiere gewesen; doch wisse niemand, „was aus ihnen geworden ist“.

Forschungsgemeinschaft

O Propheten mit dem Rücken zum Meer,… (Text: http://edoc.bbaw.de/volltexte/2010/1365/pdf/10_enzensberger.pdf)

In diesem Gedicht werden die Propheten der Zukunft direkt angesprochen und verspottet: „Diese schwefelgelben Erleuchtungen / sind besser als nichts, sie unterhalten uns / an dunstigen Sommerabenden“ (3. Str.); „ihr dauert mich […] Nur weiter so! Ich segne euch.“ (6. Str.)

Hier werden die Reden der Toten von den angeblichen Vorzeichen des Untergangs (Einundzwanzigster Gesang) gespiegelt.

SECHSUNDZWANZIGSTER GESANG

  1. Außen. Offenes Meer… (Text: http://www.cantarena.altervista.org/cantarena-26.pdf, dort S. 20)

Hier wird die 178. Szene bzw. Einstellung eines Films über den Untergang der Titanic beschrieben bzw. das Drehbuch der letzten Filmszene dargeboten – ein weiterer Beitrag zum poetologischen Thema: Wie stellt man den Untergang dar, wie kann man ihn überhaupt darstellen? Da Enzensberger hier nicht argumentiert, ist der Gesang „bloß“ ein Stein auf dem Haufen poetologischer Gedichte.

Als angeblich „Szenische Nachbildung des berühmten Gemäldes von Scott aus der Londoner Akademie“ (V. 2 f.) wird durch den Filmausschnitt die poetologische Schraube noch eine Drehung weiter vorangetrieben. Es gibt zwei Maler namens Scott, Eric und William; das genannte Bild ist vermutlich von Enzensberger erfunden.

SIEBENUNDZWANZIGSTER GESANG

„In Wirklichkeit ist nichts geschehen.“… (Text: nicht greifbar)

Diesmal wird die poetologische Schraube erneut eine Windung weiter gedreht: Ein Berichterstatter zeigt, wie es das Leben weitergeht. „Der Untergang der Titanic hat nicht stattgefunden: es war nur ein Film [vgl. 26. Gesang, N.T.], ein Omen, eine Halluzination.“ (V. 2 f.) Der Bericht ist voller Ironie (Titanic-Aschenbecher, Diskussionen über den Sozialismus auf einem Dampfer), die kleine Hure denkt über den Weltuntergang nach, die Dichter „gedenken, wie sich’s gehört,“ der Ausgebeuteten; es gibt falsche Dichter, Zwischendichter und wirkliche Dichter. Sie alle gehen in ihre Kabinen und schreiben, „als wäre nichts geschehen,“ aufs Blatt: „In Wirklichkeit ist nichts geschehen.“

Diese Idee Enzensbergers ist ganz witzig, was man nicht von allen Gesängen behaupten kann.

Fachschaft Philosophie

Daß wir gescheit sind, ist wahr. Aber weit entfernt… (Text: http://www.physiologus.de/fachsch_phil.htm oder http://archiv.herr-der-ringe-film.de/showflat.php/Number/3654874, dort Beitrag vom 05.06.2007)

Die Fachschaft Philosophie ist eine Abteilung der Uni – sie wird hier gnadenlos verspottet, die Philosophen sprechen selber: Wir „packen unsere Kristallkugeln und Horoskope aus und machen uns an die Arbeit“ (V. 13 f.) – eine Parallele zum Gedicht „Forschungsgemeinschaft“; sie verändern die Welt nicht (vgl. Marx über Feuerbach), sie lassen sich vom Sicherheitsdienst bewachen, machen Kunststücke in ihren Seminaren und verteidigen ihre Planstellen. In „Erkenntnistheoretisches Modell“ ist ihre Arbeit bereits in Nichts aufgelöst worden – sie schwatzen wie die Dichter, nur eben nicht über die Titanic.

ACHTUNDZWANGZIGSTER GESANG

Durch das Bullauge sehe, wie im sechsten Stock des Hotels… (Text: nicht greifbar)

Ein Ich-Sprecher äußert ziemlich wirre Phantasien, die sind „in meinem Sechsundvierzigtausend-Bruttoregister-Tonnen-Kopf“. – Die Titanic war mit 46.329 BRT vermessen; aber das hilft mir auch nicht zum Verständnis dieser Phantasien.

NEUNUNDZWANZIGSTER GESANG

Um aber auf das Ende zurückzukommen:… (Text: sollte in Rainer Barbey: Unheimliche Fortschritte: Natur, Technik und Mechanisierung im Werk von HME, S. 194 greifbar sein; ich kann aber bei google nicht auf diese Seite zugreifen)

Der Dichter knüpft an das Dinner vom 7. und 27. Gesang an: „Das Dinner geht weiter.“ (V. 13) Das ist hier Metapher dafür, dass es keinen Untergang des Kapitalismus oder der Herrschaft über Menschen gegeben hat, wie „wir“ damals glaubten – wir in Kuba, muss man ergänzen.

Dieses Weitergehen spielt er dann für die untergegangene Titanic durch: „Flaschenposten und kein Ende des Endes!“ (5. Str.) Dazu gehören auch amtliche Untersuchungen (6. Str.), die Vermarktung des Titanic-Gedenkens, ebenfalls seine Gedichte: „Aber das Dinner geht weiter, der Text / geht weiter […] Hören wir endlich auf, / mit dem Ende zu rechnen!“ (10. Str.)

„Es ist das Treibholz, was da zurückbleibt, / ein Strudel von Wörtern. / Gesänge, Lügen, Relikte: Bruch ist das, / was da tanzt…“ (11. Str.) Neben dieser selbstbezüglichen Bemerkung fällt auf, dass in der 9. Strophe noch einmal auf die Differenz zwischen Wörtern und „Dingen“ hingewiesen wird – die thematischen Fäden verflechten sich.

Die Ruhe auf der Flucht. Flämisch, 1521

Ich sehe das spielende Kind im Korn… (Text: nicht wirklich greifbar)

Das vierte Bild-Gedicht befasst sich mit einem Bild, das nicht eindeutig zu identifizieren ist; auch Joachim Patinirs Bild passt nicht wirklich zu dem, was das sprechende Ich beschreibt. Es spielt mit der Doppelung von Sehen/Nichtsehen, welche sowohl Figuren des Bildes wie das betrachtende Ich betreffen: Was der Bär sieht und nicht sieht, was die Heere nicht sehen, worauf die Schwäne nicht achten (auf mich!), was das Ich alles sieht, „doch worauf es ankommt, das weiß ich nicht.“ (5. Str.) Nichtsahnend „lebe ich weiter. Ich gehe fort.“ (6. Str.) Dann folgt die Pointe, die sich aus einer Parallele zur 1. Strophe ergibt: Dort wird erwähnt, dass der Bär das Messer nicht sieht, das in seinem Rücken steckt; die 6. Strophe und damit das Gedicht endet so: „Ich habe dies alles gesehen, nur / das Messer, das mir im Rücken steckt, nicht.“

Das Gedicht ist auch im Kontext rätselhaft: Stellt die Betrachtung des Bildes durch das Ich die Ruhe auf seiner Flucht dar? Das Messer im Rücken kann man eo ipso nicht sehen – man kann allenfalls einen Schmerz im Rücken so deuten: aber wozu die Parallele zum Bären?

DREISSIGSTER GESANG

Wir leben noch, sagte einer von uns… (Text: nicht greifbar)

Dieses Gedicht ist ein Bericht von einem Treffen der Überlebenden, zu denen der Sprecher gehört, in Mitteleuropa, wobei durchscheint, dass es auch um das Überleben unserer eigenen kommenden Katastrophen geht. „Am Ende hätten wir besser daran getan, / uns zu wehren. Wann denn? / Wie denn? Leicht gesagt, früher! / Früher, das war doch kein Leben. Wir hatten keine Wahl.“ (15. Str.) Als einer rief „Fangen wir endlich an.“, rührte sich niemand – das erinnert an den Schluss von „Warten auf Godot“.

EINUNDDREISSIGSTER GESANG

Das Berliner Zimmer füllt sich… (Text: nicht greifbar)

Dieser Bericht gilt einem weiteren Treffen von Überlebenden in den Tropen, in einem Zimmer auf einem Schiff. Die Gruppe befreit sich von einem, der jetzt tot ist und der anscheinend die anderen unterdrückt hatte. Einer spielt sich als Dichter auf, als „der wahre Jacob“. Zum Schluss fragt man sich, was man tun soll – man ist ratlos, will weder fortgehen noch weitermachen. „Wir waren übrig, wir atmeten. / Ein Zufall, irgendein Zufall / hatte uns hierher verschlagen. / Wir saßen alle in einem Boot.“ Mit dem letzten Satz wird die Redensart aufgenommen, die bereits im 22. Gesang kritisch kommentiert worden ist.

Die Überlebenden sind hilflos, leben planlos vor sich hin, nur dass Freund und Feind, Feindin und Freundin zusammen sind.

ZWEIUNDDREISSIGSTER GESANG

Später, als sich das unabsehbare Zimmer… (Text: http://www.tanz-theater.de/DE/DErepertoire/plays/DEtitanic/DEtittxt.html)

Dieses Gedicht beschreibt eine surreale Szene als Fortsetzung des Berichtes aus dem 31. Gesang, vielleicht eine Utopie: Nur der tote Mann und eine Frau, in der Freundin und Feindin verschmolzen sind, sind noch anwesend: Der Tote atmet, die Frau küsst ihn „und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund“ (3. Str.).

DREIUNDDREISSIGSTER GESANG

Ich mache, bis auf die Haut naß, Personen mit nassen Koffern aus… (Text: http://www.deutscher-buchmarkt.de/PETERS_2014-01.htm, nur die beiden ersten Strophen)

Wieder eine surreale Szene, die vom Ich beschrieben wird: Personen mit nassen Koffern stehen am Abgrund, darunter verschiedene aus den Gesängen bekannte Figuren. Das Ich warnt sie vergeblich. Sie singen voll Todesverachtung und Unwissenheit: „Am 13. Mai ist der Weltuntergang…“ [Hier zitiert Enzensberger falsch, richtig ist: Am 30. Mai ist der Weltuntergang – ein Karnevalsschlager aus der Zeit um 1960] Das Ich bedauert ihren Untergang, beginnt zu heulen, äußert ein paar Floskeln („schade, macht nichts, zum Heulen, auch gut“ – letzte Strophe), heult und schwimmt weiter.

Der letzte Gesang endet in einer Aporie.

Vielleicht tragen diese Links zum Verständnis bei:

http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de/untergangdertitanic.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40606219.html Besprechung N. Born

http://www.zeit.de/1978/43/gesaenge-der-eiszeit Besprechung B. Henrichs

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/781014_FAZ_0151_BuZ5_0001.pdf Besprechung FAZ, sehr kritisch

https://konkretzdxpqygow.torstorm.org/html/197814/7814_045_Karsunke.html Besprechung Karsunkes

http://www.a-e-m-gmbh.com/andremuller/interview%20mit%20hans%20magnus%20enzensberger.html Interview HME

https://kluge.library.cornell.edu/de/conversations/enzensberger/film/1950/transcript Gespräch HMEs mit A. Kluge

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_08/text61.htm Biografie HME von Jörg Lau

http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/Hans_Magnus_Enzensberger.htm HME im Lexikon

http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.kultur-weltgeist-aus-schwabing.7abd8535-956b-46be-91b9-91bdc541aae1.html Würdigung HMEs zum 80. Geburtstag

http://www.augustana.de/downloads/titanic.pdf R. Riess: Pastoralpsycholog. Apekte…

http://elpub.bib.uni-wuppertal.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-283/d040201.pdf Diss: Poesie als Kritik und Selbstkritik. HMEs negative Poetik

http://drum.lib.umd.edu/bitstream/1903/10823/1/Hildebrandt_umd_0117N_11472.pdf (Masterarbeit über HME als romantischen Marxisten, 2010)

http://issuu.com/z.uvanovic/docs/mihaela_spajic_h_m_enzensbergers_lyrisches_schaffe M Spajic: Hans Magnus Enzensbergers lyrisches Schaffen

(http://www.hpo.cidsnet.de/projekte/titanic.htm) Die T. und ihr Untergang

http://www.hagestedt.de/rezensionen/b39Titanic.html Literatur zum Untergang der T.

https://www.verlag-koenigshausen-neumann.de/product_info.php/info/p7959_Melancholie-und-Ironie–Hans-Magnus-Enzensberger–Der-Untergang-der-Titanic–Epistemata-Literaturwissenschaft–Bd–812—39-80.html (A. Diedrich: Melancholie und Ironie, 2014)

http://www.die-dschungel.de/ANH/txt/pdf/Preusser_Pluralitaet_Untergaenge.pdf Untergänge bei HME – Grass – Strauß, von H.-P. Preußer

http://www.convivium.pl/archiv/2007/2007_pdf/2007_11_haase.pdf M. Haase: Funktion der Metapher in UdT

http://www.ray-magazin.at/magazin/2012/04/titanic-den-untergang-vor-augen die Verarbeitung des Themas

http://www.ksta.de/panorama/was-ueberlebende-berichten-der-untergang-der-titanic,15189504,11976200.html dito

http://www.nzz.ch/in-nacht-und-eis-1.16426209 dito

http://classes.colgate.edu/dhoffmann/Germ479f98/private/lprevite/lisasweb.htm Titanic, u.a. von Enzensberger

http://d-nb.info/993476260/34 G. Rüthi: Die Elemente und der Tod (Diss)

Ute Rösler: Die Titanic und die Deutschen, Bielefeld 2013 (darin S. 201 ff.: Enzensbergers Poem als Reflexion und Überwindung des Mythos)

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