Thomas Mann: Lotte in Weimar – Eindrücke

Wenn ich meiner ruhigen Lektüre des Romans noch einmal nachdenke, sehe ich Folgendes: Charlotte Kestner, geb. Buff, geboren im Januar 1753, reist 44 Jahre nach ihrer Begegnung mit Goethe nach Weimar, um Goethe noch einmal zu treffen – angeblich will sie ihre Schwester, die Kammerrätin Ridel, besuchen. Sie war vor 44 Jahren mit Goethes Freund Kestner verlobt, aber auch Goethe war von Charlotte Buff sehr angetan. Dieses komplexe Verhältnis ist in den weltberühmten Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ eingegangen, so dass es zu einer eigentümlichen Identität der Figuren kommt: Charlotte Buff – Werthers Lotte – Charlotte Kestner vs. der junge Goethe – Werther – der alte Goethe, der in Weimar residiert und auf dem Niveau Napoleons steht. Im Roman geht es auch um die Begegnung der schillernden Figuren Charlotte Kestner / Johann Wolfang von Goethe, aber vor allem um die Figur des großen Dichters aus der Sicht verschiedener Menschen, die er in sein Leben einbezieht. Und es geht um Thomas Mann und sein Verhältnis zu Goethe, es geht um die Kunst in ihrem Verhältnis zum Leben, und es geht auch um Deutschland in der kritischen Sicht eines Exilanten – das Buch ist 1936/39 entstanden.

In den ersten sechs Kapiteln wird chronologisch von den Ereignissen im Hotel „Zum Elephanten“ in Weimar erzählt: Charlotte Kestner kommt am 22. September 1816 mit Tochter und Mädchen kurz nach 8.00 Uhr an, trägt sich ins Gästebuch ein, wird als „Lotte“ erkannt und entsprechend verehrt: vom Kellner Mager und von der englischen Zeichnerin Miss Cruzzle, auch von einem Publikum, das sich draußen versammelt und die „Lotte“ sehen will. Es folgt die Begegnung mit drei Figuren aus dem Umfeld Goethes: Dr. Riemer, Adele Schopenhauer und August von Goethe; der überbringt mündlich die Einladung zu einem Essen am 25. Spetember – Goethes Antwort auf ein Billett, das Frau Kestner ihm geschickt hatte.

Im siebenten Kapitel wird ein neuer Erzählstrang begonnen: wie Goethe am gleichen Tag erwacht, nachdenkt, frühstückt und zwei Sekretären diktiert.

Im achten Kapitel geht es um den Aufenthalt Charlottes bei Ridel und um ein großes Mittagessen am 25. September, zu dem neben den beiden Kestner-Frauen weitere Personen eingeladen sind und das völlig von Goethe beherrscht wird. Im neunten und letzten Kapitel wird von einem Theaterbesuch Charlottes erzählt: Auf Einladung Goethes kann sie seine Loge nutzen, sie sieht ein Stück von Theodor Körner; auf der Heimfahrt in Goethes Kutsche sitzt Goethe neben ihr und spricht mit ihr über ihr altes Verhältnis und die Beziehung von Leben und Literatur – dieses Gespräch (und die Anwesenheit Goethes) spielt sich aber wohl nur in Frau Kestners Fantasie ab, was jedoch im Text nicht eindeutig markiert ist.

In den Roman sind viele Zitate aus Goethes Werken hineingewoben; Thomas Mann kennt natürlich auch Werke, die 1816 noch nicht gedruckt, noch nicht entstanden waren und über die er „Goethe“ nachdenken lassen kann; exemplarisch sei das Gedicht „Paria“ (7. Kapitel) genannt. Die Sprache der Figuren ist teilweise abgehoben; ich habe eine Reihe Wörter nachschlagen müssen, die selbst im Rechtschreibduden nicht zu finden waren (teilweise aber auf Duden-online). Für „Umbratilität“ habe ich selbst im Internet keine Erklärung gefunden; ich habe mir zusammengereimt, dass es wohl ein bräunlicher Teint sein muss.

Symbol der problematischen Begegnung Charlotte Kestners mit Goethe ist das Kleid, das sie für die Begegnung mitgebracht hat: das weiße Kleid der jungen Charlotte und Lottes mit den rosa Schleifen, von denen eine fehlt, die sie einst Goethe/Werther gegeben hat – sie hält das für einen „kleinen sinnigen Scherz“, während ihre Tochter ihr von diesem Kleid entschieden abrät. Was zeigt die Wahl dieses Kleides? Es zeigt, dass sie die Vergangenheit nicht vergangen sein lässt – und doch wehrt sie es ab, vom Kellner Mager einfach als Werthers Lotte angesehen zu werden. Über diese Ambivalenz kommt sie nicht hinaus (erst Goethe schafft im „Gespräch“ in der Kutsche Klarheit).

Dr. Riemer, lange Jahre Goethes Sekretär, erkennt eine Parallele zwischen sich und Charlotte, weil sie beide von Goethe in Dienst genommen worden sind; das Glück solcher Wesen bestehe „in der Selbstentäußerung, im Dienste an einer Sache“. „Große Männer haben an anderes zu denken als an das Eigenleben und –glück der Handlanger…“ Charlotte fühlt sich und ihr Verhältnis zu Kestner von Goethe ausgebeutet, damals von dem Mann Goethe und erst recht vom Autor des „Werther“; sie war verletzt „über die Ausstellung unserer Personen, über soviel Wahrheit, an die soviel Unwahrheit geklebt war“. Sie wirft dem Dichter vor, er habe sich mit dem halben Leben begnügt; „er war verliebt in unsere Verlobtheit und in unser wartendes Glück, und mein Guter war sein Bruderherz um dieser Verliebtheit willen“, was dann in eine Verliebtheit in sie umgeschlagen sei – aber er habe sich für die realen Menschen nicht interessiert, und als die Kestnerkinder kamen, habe er sich mit einem Scherenschnitt von ihnen begnügt. Er habe „in ein gemachtes Nest das Kuckucksei seines Gefühls“ gelegt. Dr. Riemer verteidigt Goethe [und Thomas Mann sich selbst?]: „Es gibt ein göttliches Schmarutzertum, ein Sich-Niederlassen der Gottheit auf menschlicher Lebensgründung…“ Charlotte beklagt sich dennoch, er habe ihr übel zugesetzt „mit seiner ziellosen Werbung auf dem Fond meines Verlöbnisses“.

Das Problem wird also von verschiedenen Seiten umschrieben, bleibt aber offen; Adele Schopenhauers Bericht zeigt, wie rücksichtslos Goethe auf eine Ehe seines Sohnes August mit Ottilie von Pogwisch drängt, weil sie ihm gefällt und weil er so nach dem Tod Christianes eine neue passende Hausfrau ins Haus kriegt.

Im Gespräch mit August von Goethe bekennt Charlotte gegen ihre Klagen bei Dr. Riemer, sie sei „dafür, daß man sich rüstig ans Wirkliche halte, das Mögliche aber auf sich beruhen lasse“.

Indirekt antwortet Goethe in seinem einsamen Reflexionen am Vormittag auf Charlottes Vorwürfe (Genügsamkeit mit Schattenbildern, Genügsamkeit des Kusses, 3. Kapitel): „Ist die Liebe das Beste im Leben, so in der Lieb das Beste der Kuß, – Poesie der Liebe, Siegel der Inbrunst, sinnlich platonisch […]. Kuß ist Glück, Zeugung Wollust, Gott gab sie dem Wurme.“ (7. Kapitel)

Im Gespräch in der Kutsche dringt Goethe auf die Zeitunterworfenheit der Menschen; Charlotte will einen Abschluss der alten fragmentarischen (Liebes)Geschichte finden. Goethe bekennt sich ihr gegenüber schuldig und bittet um Vergebung. Charlotte grenzt sich von Friederike Brion ab, der es nach der Trennung von Goethe nicht gelungen sei, „einen resoluten Selbstzweck aus sich zu machen, auch wenn man ein Mittel [für den Dichter, N.T.] ist“. Goethes Schlusswort ist am Gedicht „Selige Sehnsucht“ orientiert: „Einst verbrannte ich dir allezeit zu Geist und Licht. Wisse, Metamorphose ist deines Freundes Liebstes und Innerstes, seine große Hoffnung und tiefste Begierde“; er schließt mit einer Anspielung auf den Schluss des „Werther“ – er hoffe, mit seinen Bildern der Welt „dereinst wieder zusammen [zu] erwachen“.

Mein Interesse galt vor allem diesem einen Aspekt: Begegnung der einst Liebenden nach 44 Jahren, wobei die Brechung in den literarischen Figuren Lotte und Werther hinzukommt – ist sie möglich, ist sie versöhnlich? Es gibt viele andere, Thomas Mann und dem Roman wichtigere Aspekte, vor allem den Mann und Dichter Goethe, seine Lebensart und sein Werk, und die Frage nach dem, woraus Kunst entsteht und worauf sie hinausläuft. Ich möchte zum Schluss auf den Zeitbezug des Romans hinweisen, seine kritische Stellungnahme zum damaligen Deutschland und Deutschtum (1939). Adele Schopenhauer berichtet von einer Auseinandersetzung Goethes mit dem Lehrer Dr. Passow, welcher aus dem Griechentum Begeisterung für Freiheit und Vaterland abzuleiten gedachte; das sei eine Vorform „von etwas Schrecklichem, das sich eines Tages unter den Deutschen zu den grassesten Narrheiten manifestieren wird“. In seinen Reflexionen am Vormittag des 22. September beklagt Goethe von den Deutschen, „daß sie sich jedem verzückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Roheit zu begreifen“; er denkt an seine Familiengeschichte und empfiehlt den Deutschen, sich an sein Vorbild zu halten: „Welt-empfangend und welt-beschenkend, die Herzen weit offen jeder fruchtbaren Bewunderung, groß durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum, durch Geist […], nicht aber als Originalnation sich zu verstocken, in abgeschmackter Selbstbetrachtung und Selbstverherrlichung sich zu verdummen…“ Im Tischgespräch am 25. September kommt er auf die Juden und den Antisemitismus zu sprechen; er sieht die Juden in ihrer Stellung unter den Völkern mit den Deutschen verwandt und befürchtet, es möchte eines Tages der Hass der Welt gegen das Deutschtum frei werden – Thomas Mann Roman wurde am 25. Oktober 1939 fertig, da hatten die Deutschen den 2. Weltkrieg bereits begonnen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_in_Weimar

https://de.wikibooks.org/wiki/Zweideutigkeit_als_System_-_Thomas_Manns_Forderung_an_die_Kunst:_Lotte_im_Weimar (v.a. zu Riemer)

http://www.zeit.de/1946/12/lotte-in-weimar (Egon Vietta, eindringlich)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7874 (Kommentar anlässlich einer Neuausgabe)

http://www.deutschlandfunk.de/kritik-der-groesse.700.de.html?dram:article_id=81876 (Würdigung der Neuausgabe)

http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/lotte-in-weimar104.html (75 Jahre nach 1939)

https://literaturklubsindelfingen.files.wordpress.com/2013/10/lotte_in_weimar.pdf (intensive Besprechung durch einen Literaturclub, viel Inhalt)

https://radiergummi.wordpress.com/2014/06/25/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (Bericht von einer Lektüre, die nicht glücklich war)

http://www.meinebuecher.net/2011/06/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (dito)

http://denkzeiten.com/2013/06/11/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (Bericht von einer glücklichen Lektüre)

http://www.die-leselust.de/buch/2640.html (dito)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/4498.htm (sogenanntes Referat)

https://opus4.kobv.de/opus4-fau/files/594/E_JeongHongDissertation.pdf (Dissertation, dort S. 159 ff.)

http://www.thomasmann.de/sixcms/media.php/471/GANZ%20NAH%20VERWANDT%20DEM%20D%C3%84MONISCHEN%20UND%20DEM%20GENIE2.pdf (Magisterarbeit, dort S. 56 ff.)

https://www.academia.edu/4651904/Zwischen_h%C3%B6llischem_Feuer_und_doppeltem_Segen._Geniekonzepte_in_Thomas_Manns_Romanen_Lotte_in_Weimar_Joseph_und_seine_Br%C3%BCder_und_Doktor_Faustus_2011_ (dort S. 75 ff.)

http://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/8129/hans-pleschinskis-thomas-mann-roman-konigsallee (Parallel-Roman Hans Pleschinskis)

http://www.bildungsexplosion.de/Artikel/von-weimar-in-das-dritte-reich/thomas-mann (über Th. Mann: Leben und Werk)

http://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/03-literatur-fakten-100.html (Erzähltechniken im modernen Roman, kurz)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s