Enzensberger: Verteidung der Wölfe gegen die Lämmer – Analyse

soll der geier vergißmeinnicht fressen?…

http://www.hubertus-wilczek.de/index.php?id=63 (Text, Kleinschreibung)

http://schneegarten.blog.de/tags/verteidigung-der-wolfe/fullposts/ (Text, Großschreibung – später; vgl. http://www.beck-shop.de/fachbuch/leseprobe/9783518465547_Excerpt_001.pdf, S. 10 f.)

HME über sein Gedicht:

„[…] Frühe 50er-Jahre wahrscheinlich. Na ja gut, das handelt von einem Thema, das nicht verschwindet. Es handelt von den Guten und den Bösen und hier werden sozusagen die Bösen gegen die Guten verteidigt, denn ohne die Mitwirkung der Guten könnten die Bösen ja gar nicht so böse sein und könnten gar nicht so viel anrichten. Der Kontext ist natürlich politisch und nicht nur moralisch und es geht da um die Politruks, um die Geier, um die Generäle […] La Boétie hat im 17. Jahrhundert ein Traktat geschrieben über „Die freiwillige Knechtschaft“. Damit hat es etwas zu tun. Das war natürlich sehr auffällig nicht nur während der Herrschaft der Nationalsozialisten, also das so genannte Mitläufertum, sondern auch die rapide Umwendung, also dieses Heliotrop, wie Pflanzen sich zum Licht wenden, wo die alle plötzlich Demokraten waren. […] und eine Konsequenz aus dieser Lage für jemand, der schreibt, war dann vielleicht auch, was mir heute an solchen Texten auffällt: ein gewisses Pathos, eine bestimmte Rhetorik, die manchmal sogar schrille Töne annimmt. Das hat einfach mit dem Erregungszustand zu tun, mit dieser Wut, die man damals hatte. Wenn Sie 1950 oder ’53 zum Arzt gegangen sind, dann musste Sie sich ja überlegen… die haben ja alle ihre Karrieren fortgesetzt, diese Leute, das kann ein KZ-Arzt gewesen sein. Oder wenn Sie das Pech hatten, vor Gericht zu kommen, dann war mit 80%iger Wahrscheinlichkeit hatten Sie es mit einem alten Nazi-Richter zu tun. Also daher diese irgendwie auch ohnmächtige Erregung und Wut, also man konnte das einfach nicht ertragen. So war subjektiv meine Situation damals in diesen Zeiten. Es hatte vielleicht auch etwas Neurotisches. Um meine deutsche Neurose loszuwerden, bin ich dann eben auch mal acht oder neun Jahre ins Ausland gegangen.“ (Enzensberger im Gespräch mit Alexander Kluge)

Der Dichter spielt mit dem seit der Fabel Äsops geläufigen Gegensatz von Lamm und Wolf (http://gutenberg.spiegel.de/buch/aesop-fabeln-1928/40), in welcher der Wolf als Räuber, der um keine beschönigende Ausrede seines Mordens verlegen ist, entlarvt wird. In Enzensbergers Gedicht, das seiner ersten Gedichtsammlung 1957 den Titel gab und dort im dritten Teil unter den „Böse[n] Gedichte[n]“ steht, wird der Spieß umgedreht: Jetzt werden die Lämmer als Deppen entlarvt.

Im Gedicht werden von einem anonymen Sprecher Leute angesprochen, die er als „Lämmer“ (V. 28) direkt anspricht; er setzt sich mit ihren Erwartungen auseinander und beschimpft sie als verlogen und dumm.

Die beiden ersten Strophen leben von einer Spannung zwischen dem, was diese Leute erwarten (1. Str.), und dem, was sie tun (2. Str.) und womit sie ihre Erwartungen Lügen strafen. Was die Leute erwarten, wird in den Tiervergleichen angedeutet (V. 1-4) und parallel dazu zu den Machthabern gefragt (V. 5-6): Die Leute erwarten etwas „Unnatürliches“, Widersinniges: dass die Raubtiere keine Raubtiere seien, dass die Machthaber keine Macht ausüben. Das alles wird in rhetorischen Fragen zuerst bildhaft, dann allgemein vorgetragen. In den beiden letzten Versen der 1. Strophe wird in einer vorwurfsvollen Frage die Quelle der falschen Erwartungen entlarvt: der verlogene Bildschirm, der Repräsentant der Bewusstseinsindustrie, wie HME sonst gelegentlich sagt. Wenn man darauf bloß blöd guckt (verbunden mit der Wendung „blöd aus der Wäsche gucken“), darf man sich nicht wundern, dass man Blödsinn erwartet.

Diese Erwartungen der Leute vertragen sich nicht mit dem, was sie selber tun: beim Spiel der Machthaber (General und Wucherer als Repräsentanten) mitmachen, ihnen Beifall klatschen, sich von ihnen bestechen lassen (2. Str.). Das alles wird in rhetorischen Wer-Fragen vorgetragen, auf welche die Antwort „ihr selber!“ lauten muss. In der letzten Frage „wer lechzt nach der Lüge?“ wird die Verbindung zur 1. Strophe hergestellt: lechzen = gierig nach etwas verlangen: nach der Lüge, welche das Treiben der Machthaber beschönigt und damit das eigene Tun rechtfertigt. In dem Kontrast „viel Bestohlene – wenig Diebe“ (V. 16) wird die Möglichkeit angedeutet, dass man die Verhältnisse ändern könnte, wenn man (= viele) es nur wirklich wollte.

Neben den Konkreta in der 2. Strophe (Blutstreif, Kapaun, Blechkreuz [militär. Orden], Trinkgeld, Schweigepfennig, Silberling: der biblische Judaslohn, vgl. Mt 26,15) fallen in beiden Strophen die Häufungen der Fragen auf. Gelegentlich spricht der Sprecher in Alliterationen (z, V. 4; P, V. 6, l, V. 19). Den Zeilenschnitt müsste man gesondert untersuchen; dass das Fragewort „Wer“ nicht in der Zeile der Frage steht (Enjambement), beschleunigt das Sprechen und zeigt die Wut des Sprechers an: Wütend schleudert er seine Vorwürfe den Leuten an den Kopf.

Mit der Aufforderung „Seht in den Spiegel“ (V. 20) setzt er erneut an: Er charakterisiert die Leute, indem er beschreibt, was sie im Spiegel von sich selbst sehen könnten; sie scheuen die Mühen der Aufklärung, lassen sich gern belügen. Der Nasenring ist das Instrument, an dem man den gezähmten Stier, den dressierten Bären herumführt und den Leute sogar als „Schmuck“ tragen (V. 24 – damals dachte noch keiner ans modische Piercen). So werden die Leute beschimpft und verspottet: „jede Erpressung / ist für euch noch zu milde“ (V. 26 f.), sie haben es nicht besser verdient.

Indem der Sprecher die Wölfe (V. 23) statt der tatsächlichen Machthaber als diejenigen benennt, die das Denken und Regieren übernehmen, also in der Bildebene bleibt, bereitet er die Anrede „Ihr Lämmer“ (V. 28) in der 4. Strophe vor. Lämmer, das sind einmal die Opfer aus der Fabel Äsops, das sind aber auch die Kinder von Schafen und damit selber „Schafe“ (Schimpfwort!). Ihnen werden die Krähen und die Wölfe gegenübergestellt. Für die Krähe muss man nicht auf eine symbolische Bedeutung schielen (http://www.symbolonline.de/index.php?title=Rabe), sondern an das Sprichwort denken, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt – ihr dagegen blendet euch gegenseitig, sagt der Sprecher (V. 30); und die Wölfe jagen solidarisch in Rudeln (V. 31-33), während bei euch – so ist sinngemäß zu ergänzen – jeder nur seinen eigenen Vorteil im Auge hat. Die Tiere also sind wie Schwestern und Brüder zueinander, die Menschen aber wie Tiere: homo homini lupus.

In der letzten Strophe wird diese vorwurfsvolle Beschimpfung abgeschlossen, wiederum im Kontrast zwischen den Räubern und den Leuten: Jene werden gepriesen, diese werden entlarvt: Gehorsam der Unmündigkeit, Lügen statt Aufklärung, das zeigt: „Zerrissen / wollt ihr werden.“ (V. 38 f.) Damit ist klar, dass die Erwartungen der Leute (1. Str.) widersinnig, dass ihre Vorwürfe gegen Wölfe und Machthaber nicht begründet sind: begründet in einem Tun, im Kampf um Freiheit.

Im letzten Satz wird das endgültige Urteil über die „Lämmer“ gesprochen, die zweimal durch das Pronomen „ihr“ am Versende pointiert gegen die gepriesenen Räuber abgesetzt werden. „Ihr / ändert die Welt nicht.“ (V. 39 f., vgl. V. 34 f.) Hier wird die Erwartung des Sprechers implizit vorgetragen, dass es nämlich – wie Marx in der 11. These über Feuerbach gesagt hat – darauf ankommt, die Welt zu verändern; diese Behauptung macht der Sprecher sich zu eigen. Zugleich schließt er sie mit seiner Beobachtung kurz, dass die Lämmer-Leute bloß irgendwelche „schönen“ Erwartungen an die Welt herantragen, dass diese besser werde, frei von Ausbeutung und Räuberei: Indem sie solches bloß wünschen und heimlich oder offen bei den Räubern mitmachen, ist ihre Hoffnung als illusorisch demaskiert. „Zerrissen / wollt ihr werden.“ (V. 38 f.); denn ihr tut nichts gegen das von euch Beklagte, nichts für das von euch Erhoffte.

http://www.laurentianum.de/lref1100.htm (Text mit Interpretation eines Schülers, Lk 13 – einige Fehler im/am Text)

http://www.stiftikus.de/texte/woelfe3.doc (Auszüge? aus Interpretationen)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/3528.htm (schwache Interpretation)

http://mariella-deutscharbeiten.blogspot.de/2009/03/verteidigung-der-wolfe-gegen-die-lammer.html (dito)

http://oe1.orf.at/artikel/260548 (kurze Interpret.)

http://www.deutschlandfunk.de/die-dichter-des-zorns.1184.de.html?dram:article_id=228706 (das Gedicht im Kontext zorniger Gedichte)

http://www.deutschlandradiokultur.de/manuskript-kleinburgerdammerung.media.f974f09b4d9d7cedd61a9805aa7b31c0.pdf (über deutschsprachige Literatur 1957 – Rückschau 2007)

http://drum.lib.umd.edu/bitstream/1903/10823/1/Hildebrandt_umd_0117N_11472.pdf (Masterarbeit über HME als romantischen Marxisten, 2010)

http://issuu.com/z.uvanovic/docs/mihaela_spajic_h_m_enzensbergers_lyrisches_schaffe (M. Spajic: Enzensbergers lyrisches Schaffen)

http://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/hans-magnus-enzensberger/laudatio (Laudatio H. W. Eppelsheimers zur Verleihung des Büchnerpreises 1963 an HME)

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/571228_FAZ_0039_BuZ5_0001.pdf (Rezension des Gedichtbandes durch J. Kaiser in der FAZ, 1957)

Wolf als Symbol:

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Wolf

http://www.symbole-wiki.de/index.php/Wolf

http://uhanek.twoday.net/stories/6177162/

Andere „böse Gedichte“ im Netz:

Geburtsanzeige http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=108, dort das 4. Gedicht

Anweisung an Sisyphos http://www.psychohelp.at/2003/03/08/von-h-m-enzensberger.html

La forza del destino – (fehlt im Netz)

Ratschlag auf höchster Ebene http://de.etc.schreiben.lyrik.narkive.com/3BbNb6zh/enzensberger-watt-will-der-autor-uns-sagen

Security risk –

Lehrgedicht über den Mord https://dict.leo.org/forum/viewUnsolvedquery.php?idThread=219685&idForum=1&lang=de&lp=ende (nur die 1. Str.)

Auf der Flucht erschossen –

An einen Mann in der Trambahn http://www.ipq.kit.edu/downloads/lyrtexte.pdf, dort S. 70

Bildzeitung http://jhelbach.de/Lit/August10/Texte.pdf

Goldener Schnittmusterbogen zur poetischen Wiederaufrüstung –

Sozialpartner in der Rüstungsindustrie –

Ins Lesebuch für die Oberstufe http://www.stiftikus.de/material/lesebuch.doc

Konjunktur –

Aussicht auf Amortisation –

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