Enzensberger: Das Ende der Eulen – Analyse

Ich spreche von euerm nicht…

http://www.veritas.at/sbo/ebook/px/20604/files/assets/basic-html/page233.html (Text, Verszählung, drei Strophen)

http://www.veritas.at/sbo/ebook/px/30386/files/assets/basic-html/page143.html (Text, Verszählung, vier Strophen)

Die Textgestalt schwankt: Abgesehen von der Großschreibung haben spätere Drucke auch vier Strophen (die nach V. 12, 22, 30 und 34 enden); ich stelle das nur fest, ohne es zu bewerten. Das Gedicht steht im Band „Landessprache“ (1960), kann sich also nicht konkret auf die Kubakrise des Jahres 1962 beziehen, wie von manchen Schülern behauptet wird [auch wenn man dann wieder etwas mehr zu schreiben hätte].

Es spricht ein Ich zu einer Gruppe „ihr“, von diesen als den „Planern der spurlosen Tat“ (V. 29) – was das heißt, wird sich zeigen; das Ich ist jedenfalls nicht identifiziert. Außerdem werden „Wir“ genannt (V. 23), was man vermutlich als „wir Menschen“ zu lesen hat, wie sich aus V. 30 ergibt (Indefinitpronomen „keinem“, alle Menschen umfassend).

Das Ich spricht von einem allumfassenden Ende (Str. 1); wodurch dieses Ende eintreten kann, wird in der 2. Strophe deutlich: Radarschirme, Meldetische, Antennen, Manöver weisen eine militärische Aktion als Ursache des All-Endes aus; aus den „schwebenden Feuerglocken“, die man als Atompilze identifizieren muss, ergibt sich ein Atomkrieg zwischen den USA und der UdSSR (V. 16 Floridas Sümpfe, V. 17 das sibirische Eis) als die konkrete tödliche Aktion. Man muss nur an die Konzeption des Zweitschlags und des Overkills aus dem Kalten Krieg denken, um die vom Sprecher bedachte Situation zu verstehen.

Von dem dadurch möglichen „Ende“ soll also gesprochen werden; das geschieht in einer durch Wortwahl und Satzbau gehobenen Sprache (zumindest in der 1. Str.): Umstellung der Negation „nicht“ (V. 1), Ellipse des Nomens „Ende“ in V. 1; „dunkles Haus“ für das Meer (V. 4), „siebenfältig“ (V. 5) usw. Ansonsten wird die 1. Strophe von Wiederholungen („ich spreche“, V. 1-3) und Aufzählungen (Eulen, Butt, Wal bis zum Moor „und den leeren Gebirgen“, V. 2-12) bestimmt. Es geht um das Ende von allem, um das Weltende; zwei Alliterationen (E in V. 2; L in V. 9) stellen den Zusammenhang von allem Untergehenden dar. Mit einem Doppelpunkt endet die 1. Strophe; dadurch wird zu einer Erklärung in der 2. Strophe übergeleitet.

In den Partizipien der 2. Strophe, in der jedes finite Verb fehlt, wird der Zustand der Welt beschrieben, wobei Floridas Sümpfe und das sibirische Eis für die Territorien der USA und der UdSSR stehen. Sie werden als Objekte militärischer Beobachtung dargestellt: „auf Radarschirmen leuchtend“ und von Antennen befingert (V. 13-16). Dem Wort „befingert“ haftet der Ruch des Schmuddeligen, Ungehörigen an. Die Tödlichkeit der Gefahr kommt in den Adverbialen „zum letzten Mal“ (V. 14) und „tödlich“ (V. 16) zu Bewusstsein. In den Partizipien II (befingert, erwürgt, umzingelt), auch wenn sie nur metaphorisch gebraucht werden, scheint die Todesnähe in die Gegenwart der Natur herein. Es fallen wieder Alliteration auf (L, V. 13 f.; Sch, V. 18; ähnlich F, V. 16, und W, V. 18 f.). Am Ende der Strophe wird – ohne Bezug auf eine Verbform – der Anschein erweckt, der Ernstfall sei bereits eingetreten (unter…, im… V. 21 f.), wobei das kontrastierende „arglos“ den Schrecken des Endes hervorhebt.

In den beiden letzten Strophen werden die ersten Verse des Gedichts paraphrasiert: Wovon der Sprecher spricht und nicht spricht – und wovon er damit entgegen seiner Ankündigung doch spricht: von den Menschen; er begründet sein „Nicht-sprechen“: „Wir sind schon vergessen.“ (V. 23) Das ist ein performativer Widerspruch: Indem er das sagt, ruft er die Erinnerung, das Wissen bei den Angesprochenen gerade hervor. Und wenn alle Menschen ausgetilgt sind, gibt es auch kein Subjekt mehr, das sie vergessen könnte – vom Weltende kann man nicht logisch konsistent sprechen. Neben den benannten Menschen (die Waisen, die Planer, ich und alle) werden als Thema des Nicht-Sprechens ironisch „die mündelsichern Gefühle, der Ruhm, die rostfreien Psalmen“ genannt; dabei passen die beiden Attribute, welche jeweils Formen von Bestand und Sicherheit (irrtümlich!) versprechen, nicht zu den Nomina. Wie bisher kennzeichnen eine Alliteration (R, V. 27) und Aufzählungen die Sprechweise des Ichs.

In der 4. Strophe, die manchmal mit der 3. zusammen als eine einzige gezählt wird, werden die Wesen benannt, von denen gedenkend gesprochen werden soll: diejenigen, welche selber nicht sprechen (V. 31 – der Stamm „sprech-“ in den drei Formen „sprech-, sprich-, sprach-“), die nur sprachlose Zeugen des Untergang sind (V. 32) und für welche der Sprecher stellvertretend einsteht: Ottern und Robben und Eulen (pars pro toto); mit einer großen Alliteration der Vokale A-Eu-E endet das Gedicht; dabei rundet sich mit dem Bezug auf die bereits zu Beginn genannten Eulen (V. 2 und Überschrift) das Thema ab.

http://www.simforum.de/showthread.php?t=110165 (Text, (falsche?) Stropheneinteilung mit Schüleranalyse)

http://www.studienseminar-koblenz.de/medien/wahlmodule_unterlagen/2004/201/1%20Textanalyse%20%28PPT%29.pdf (dort S. 14 ff.: Vorarbeiten zur Analyse)

http://www.stiftikus.de/pollyrik/HMEeule.doc (mit stichwortartiger Analyse)

http://www.schulzeux.de/deutsch/das-ende-der-eulen-gedichtinterpretation-h.-m.-enzensberger.html (schülerhaft)

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