Enzensberger: Middle Class Blues – Analyse

Wir können nicht klagen…

Text: http://www.hulda-pankok-gesamtschule.de/uploads/media/B_03_middle_class_blues.pdf

http://drum.lib.umd.edu/bitstream/1903/10823/1/Hildebrandt_umd_0117N_11472.pdf (dort S. 107)

http://jhelbach.de/Lit/August10/Texte.pdf (dort das 2. Gedicht; Strophe 2 ist nicht abgesetzt)

Das Gedicht ist an vielen Stellen zitiert (teilweise falsch) und abgedruckt, es hat seinen Marktwert als repräsentatives Poem der sechziger Jahre Deutschlands bzw. der BRD: Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Erschienen ist es 1964 im Band „Blindenschrift“.

Es spricht eine Wir-Gruppe, die Mittelschicht laut Überschrift. „Unter der Sammelbezeichnung Mittelschicht, auch Mittelstand, werden diejenigen Bevölkerungsgruppen verstanden, die innerhalb eines soziale Schichtungs-Modells in der Sozialstruktur zwischen einer Oberschicht und einer Unterschicht angesiedelt sind. Es gibt vielfältige Konzepte der Schichtungen und keine abschließende Definition der Schicht im soziologischen Sinne an sich, daher gibt es auch zahlreiche Vorstellungen von Mittelschicht. Im angloamerikanischen Sprachraum wird sie als middle class bezeichnet.“ (wikipedia, 8.7.2015) Zur Mittelschicht zu gehören war der Traum vieler kleiner Leute in den sechziger Jahren: Wohlstand, Sicherheit, Ansehen gab es dort, nach der Not des Krieges und der Nachkriegszeit.

In der 1. Strophe beginnen sie mit der selbstzufriedenen Aussage „Wir können nicht klagen“, womit dezent umschrieben ist: „Es geht uns gut.“ Nicht arbeitslos sein wie viele nach 1945, nicht wie die armen Schlucker Hunger haben, das sind dabei die Kriterien. V. 4 steht in einer Spannung zu V. 3: Sie essen, obwohl sie satt sind, weiter – einfach weil sie es sich leisten können; von der damaligen Fresswelle spricht man heute: Kompensation des Elends der Nachkriegszeit. – Alle Verse beginnen mit dem Pronomen „Wir“; die Mittelschicht stellt sich vor.

In der 2. Strophe wird in einer sinnlosen Zusammenstellung benannt, was alles „wächst“ in dieser glorreichen Zeit des Wirtschaftswunders: das Gras, das Sozialprodukt usw. Damit wird die volkswirtschaftliche Zielvorstellung (der Mittelschicht) „Wachstum“ als absurd kritisiert [was jemand, der zur Mittelschicht gehört, leicht sagen kann: Enzensberger hatte 1963 den Georg-Büchner-Preis erhalten und war bei Suhrkamp etabliert; ich kenne viele, die nicht etabliert waren].

In der 3. Strophe wird der Zustand des Landes beschrieben: Worauf die leeren Straßen verweisen, ist offen – vielleicht heißt dies, dass niemand demonstriert oder protestiert („Ruhe und Ordnung“ als Wertvorstellung); dazu passen die perfekten Geschäftsabschlüsse – aber nicht mehr das Schweigen der Sirenen. Hierbei denke ich im Vorgriff auf V. 15 an Sirenen, die vor einem feindlichen Angriff warnen: Die Kriegsgefahr war im Kalten Krieg, gerade in den 60er Jahren nach Mauerbau (1961) und Kubakrise (1962) immer gegenwärtig. Den Schluss bildet ein banaler Satz: „Das geht vorüber.“ (V. 12) Diese Redensart, parallel V. 16, strahlt hier eine Drohung aus: dass die Sirenen nicht immer schweigen werden.

Explizit wird das in V. 15 gesagt: Wenn der Krieg noch nicht erklärt ist, kann er bald erklärt werden – der Zusatz V. 16 ist von zynischer Gelassenheit, wenn man ihn wörtlich liest. Die beiden Verse 13 f. sind im Perfekt abgefasst und beschreiben so einen erreichten Zustand, wieder in einer sinnlosen (also satirischen) Kombination zweier Sachverhalte – aus denen sich nur ergibt, dass etwas keine Eile hat, weil ja „alles“ geregelt ist.

In der 5. Strophe liegt eine Montage vor: Die Aussage „Wir essen“ (V. 4) bekommt als Objekte die in der 2. Strophe genannten Subjekte des Wachtstums: eine satirische Kritik der steten Steigerung des Konsums um seiner selbst willen – man bedenke, dass „wir“ bereits satt sind (V. 3) und dass manches nicht zum Verzehr geeignet ist. Die Vergangenheit essen (V. 20) ist vielleicht eine Metapher für die Verdrängung oder das Vergessen der unrühmlichen Untaten des Dritten Reiches, bei denen so viele mitgemacht hatten; nach 1945 wollte niemand dabeigewesen sein, die Verbrechen wurden nur zögerlich juristisch aufgearbeitet (vgl. auch http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39814/geschichte-der-erinnerungskultur oder http://www.geschichte-lernen.net/aera-adenauer-umgang-ns-vergangenheit/).

In der 6. Strophe wird umschrieben, wiederum in Redewendungen, wer wir sind: unbescholtene Bürger (V. 21), die „es geschafft“ haben (V. 22, vgl. V. 16) – und dann die offene Kritik: „Wir haben nichts zu sagen.“ Dieser Satz ist doppeldeutig und in beiden Fällen verräterisch: a) Wir fressen bloß, aber sind als sprechende Subjekte leer. b) Laut GG geht alle Macht vom Volk aus (von den Bürgern, vgl. V. 1-21), aber wir sind keine mündigen Bürger, wir lassen uns von wem auch immer (dem Idol des Konsums, den alten Herrschaftseliten) bevormunden, knechten. Der letzte Satz sagt es offen: „Wir haben.“ Hier fehlt ein Objekt – wir haben bloß etwas oder alles, aber wir sind eben nicht Subjekte, freie Bürger (V. 22). Dass in der 5. und 6. Strophe alle Sätze mit „Wir“ beginnen, ist bloß ein grammatisches, aber kein politisches Phänomen.

In der 7. Strophe werden die ordentlichen Verhältnisse, in denen „wir“ leben, umschrieben: Die Uhr ist aufgezogen, obwohl es keine Eile hat; die Verhältnisse passen semantisch nicht zu den Tellern – Satire, Kritik. Dass der letzte Autobus vorbeifährt (V. 28), steht in keinem Sinnzusammenhang zu V. 25-27; vielleicht sollte man den Satz als Indiz dafür lesen, dass auch im Straßenverkehr alles in Ordnung ist; wenn man V. 28 auf V. 27 bezieht, besagt er, dass am Abend rechtzeitig gespült ist – aber das alles ist unbestimmt, erst der Leser stellt solche Verbindungen zwischen den isolierten Sätzen her.

Die letzten drei Strophen bestehen jeweils aus einem Satz: „Er ist leer.“ (V. 29) Das bezieht sich auf den Bus, aber was besagt das? Vielleicht, dass die Leute alle „brav“ zu Hause sitzen? Dass sie sich in ihrem Eigenheim einigeln? Dass sie anderen nichts zu sagen haben?

„Wir können nicht klagen.“ (V. 30) Damit wird V. 1 wiederholt; in Verbindung mit der unterschwelligen Kritik (des Autors!) in den Äußerungen der Leute wäre das eine Selbstentlarvung: „Wir“ merken nicht, was uns fehlt. Wir sagen das, was man in der Umgangssprache (das ganze Gedicht!) so zu sagen pflegt, aber wir haben nichts zu sagen.

„Worauf warten wir noch?“ (V. 31) Diese offene Frage der Wir-Leute aus der Middle Class ist bezeichnend: Sie warten auf nichts mehr; sie haben keine Ziele, keine Utopien (wie HME, wie bald drauf die 68er). Und so ist diese Selbstdarstellung der Middle Class eben ein Blues (Überschrift): „Das Wort Blues leitet sich von der bildhaften englischen Beschreibung I’ve got the blues bzw. I feel blue („ich bin traurig“) ab.“ (Wikipedia, 8.7.2015) Ihre Lage ist bestens, „wir können nicht klagen“ – es ist zum Heulen.

https://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/inhalt.htm#Wiederaufbau%20und%20Wirtschaftswunder (das Gedicht im Kontext anderer Texte zum Thema „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“)

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