Enzensberger: Über die Schwierigkeiten der Umerziehung – Analyse

Einfach vortrefflich…

Text: http://cmo.jmf-gym.org/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=148&jsmallfib=1&dir=JSROOT/Gedichte&download_file=JSROOT/Gedichte/Enzensberger%2C+Umerziehung.pdf

http://www.zeit.de/1982/22/verteidugung-der-normalitaet/seite-4 (dort S. 4 ff.)

http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=173

Vorab sind einige Dinge zu klären, damit man dieses Gedicht aus dem Band „Gedichte 1955-1970“ (1971) richtig versteht. Zuerst muss die Bedeutung des Wortes „Umerziehung“ untersucht werden: Dahinter steht die Vorstellung, dass jemand falsch erzogen worden ist und jetzt von jemandem, der es besser weiß, richtig oder gut erzogen werden soll (und dahinter steht die „progressive“ Vorstellung von der grundsätzlichen Erziehbarkeit des Menschen, auch des Erwachsenen – gegenüber einer Anschauung, die eher an „Charakter“ oder „Natur“ denkt). In der politischen Wirklichkeit gab es (und gibt es heute noch) in kommunistischen Staaten Umerziehungslager, in denen „Asoziale“ oder Dissidenten durch Arbeit, „Schulung“ (Indoktrination) und Terror auf Linie gebracht werden sollen; wie weit es solche Lager (statt bloßer Vernichtungslager) im Dritten Reich gab, braucht hier nicht diskutiert zu werden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Umerziehung

http://de.wikimannia.org/Umerziehung

http://universal_lexikon.deacademic.com/23905/Umerziehung

http://www.mydict.com/Wort/Umerziehungslager/ („Umerziehungslager“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Umerziehungslager_Kae%E2%80%99ch%C5%8Fn (Nordkorea heute)

http://www.pi-news.net/2011/04/umerziehungslager-fur-homosexuelle-in-malaysia/ (Malaysia)

http://www.taz.de/!5051897/ (China)

http://www.igfm.de/news-presse/aktuelle-meldungen/detailansicht/?tx_ttnews[tt_news]=2456&cHash=e5c5db43f4bff8832418afe7890e65b3 (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendwerkhof (DDR)

http://www.zdf.de/zdfinfo/trauma-umerziehung-heimkinder-in-der-ddr-35164344.html (DDR)

http://unterlinken.de/tag/kommunismus/

http://www.nordbayern.de/region/neumarkt/nazi-lager-in-kastl-das-schicksal-der-gestohlenen-kinder-1.3887036?rssPage=TmV1bWFya3Q= (Nazis)

http://www.zdruzenje-zrtev.si/slike/ausstellungs_panos/pano_13.pdf (dito)

http://antifaworms.blogsport.de/nazis-hier/kz-osthofen/ (dito: Beschönigung)

Danach ist der Begriff der Perspektive zu klären. Im Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ denken oder sprechen u.a. revolutionäre linke (kommunistische) Kader, welche sich über die mangelnde Begeisterung der normalen Leute aufregen (V. 23-25) – ein „Defizit“, dem man als ordentlicher Revolutionär mittels Umerziehung abhelfen möchte: Man kämpft ja vermeintlich für die gerechte Sache und für die Befreiung der Unterdrückten, da muss man den allzu Langsamen auf die Sprünge helfen.

Drittens ist schließlich die Position eines Autors von der Perspektive und Position seiner Figuren zu unterscheiden, was vielen Leuten schwerfällt, wenn in einem Text eine Ich-Perspektive angeboten wird – da meinen sie gleich die Stimme des Autors zu hören. Ich möchte das am Beispiel von „Huckleberry Finns Abenteuer“ verdeutlichen: Dort spricht der sympathische Außenseiter Huck als „ich“ – aber niemand wird annehmen dürfen, er vertrete die Auffassungen Mark Twains; im Gegenteil, die Differenz zwischen den beiden Perspektiven oder zwischen der Perspektive Huckleberrys und der der Leser macht den Reiz des Buches aus. Was man an diesem Beispiel versteht, muss man konsequent auch auf Gedichte und andere fiktionale Texte anwenden (und grundsätzlich sogar auf Sachtexte – für die Reden von Politikern versteht sich das von selbst; aber das soll hier nicht diskutiert werden).

Damit kommen wir zum Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ (1969, so die ZEIT). Hier spricht oder denkt zunächst jemand, der die revolutionären Ideale, „all diese großen Pläne“ (V 2), kennt und sie „vortrefflich“ und sogar „einleuchtend“ findet (V. 1, 6 – „ich“, wie sich aus V. 34 ergibt). Am besten nimmt man in der 2. Strophe einen anderen Sprecher an: einen der Kämpfer für „das Goldene Zeitalter“ (V. 3), der angesichts des Lobes (1. Str.) seinem Ärger darüber Luft macht, dass es mit der Verwirklichung der „großen Pläne“ (V. 2) nicht klappt: Die Leute sind daran schuld, sagt er vorwurfsvoll (2. Str.). – Das ist aus höherer (Leser- und Autor)Perspektive ein Witz, weil die Revolution ja angeblich zugunsten der Leute gemacht werden soll.

In den beiden folgenden Strophen werden die vorwurfsvollen Klagen der revolutionär Begeisterten konkretisiert: Dabei ergibt sich eine merkwürdige Verschiebung zwischen den erhabenen Idealen (Befreiung, gerechte Sache) und den konkreten Interessen der Leute (zum Friseur gehen, ein Bier trinken usw.) – das ist ein untrügliches Zeichen für eine Satire: Der Autor macht sich über diese Klagen zusammen mit seinen vernünftigen Lesern lustig. Das zeigt sich auch in V. 12, wo den Leuten die Aufgabe zugewiesen wird, „begeistert hinter der Vorhut herzutrippeln“, also weiterhin unmündig sich lenken und „führen“ zu lassen (statt die Sache selber in die Hand zu nehmen) – das Problem einer jeden Befreiung der Unterdrückten durch eine revolutionäre Elite. In der 4. Strophe wird das Fazit gezogen, wobei V. 21 doppeldeutig ist, also wörtlich und metaphorisch zu lesen ist – eine alltägliche banale Redewendung, welche die hohen Theorien der Revolutionäre ad absurdum führt, ebenso wie V. 22. Der Unmut der so enttäuschten Revolutionäre macht sich danach (in der 5. Str.) Luft: Hier werden „revolutionäre“ Tiraden losgelassen, hier werden die Menschen beschimpft – umerziehen müsste man sie alle, wenn es mit der Revolution noch etwas geben soll!

Dagegen wendet sich der Ich-Sprecher: „Man kann sie doch nicht alle umbringen! Man kann doch nicht den ganzen Tag auf sie einreden!“ (V. 26 f.) Er lehnt die Umerziehung ab. In der letzten Strophe antwortet die andere Seite darauf und zieht ihren ideologischen Gewinn aus dem Einwand: Wir haben natürlich recht, aber die Leute mit ihren kleinlichen Alltagsproblemen hindern uns daran, unsere richtigen Pläne zu verwirklichen: „Ja, wenn die Leute nicht wären / dann sähe die Sache schon anders aus.“ (V. 28 f.) Aus höherer Perspektive (Leser, Autor) offenbart sich hier die bornierte Rechthaberei der Revolutionäre, die Haltlosigkeit ihres politischen Geschwätzes. Das wird auch im letzten Satz deutlich, wo erstmals der eine Sprecher als „ich“ auftritt: Er gehört zu den Leuten mit ihren Alltagssorgen, er möchte deshalb „hier nicht weiter stören“ (V. 34), er lässt die Revolutionäre weiter schwadronieren.

Das Gedicht ist untypisch für Enzensberger, der selber oft genug über die dem Konsum verfallenen Kleinbürger herzieht („Middle Class Blues“ u.a.); es ist ein sympathisches Gedicht, das sich 1969 kritisch auf die revolutionäre Begeisterung der Studenten bezieht und das auch die spätere Brutalität der RAF und die heutige des IS als verbohrte Rechthaberei entlarvt.

http://www.sezession.de/2423/ueber-die-schwierigkeiten-der-umerziehung-normalismus-1.html (Bemerkungen zum Gedicht)

https://60erprojekt.wordpress.com/2015/01/29/h-m-enzensberger-uber-die-schwierigkeiten-der-umerziehung-1960/ (grandioses Missverständnis des Gedichts)

http://friedrich-schorlemmer.de/docs/WWW.Wittenberg.Wolfenb%C3%BCttel.Weimar.pdf (von Schorlemmer im Rahmen eines Vortrags zitiert)

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