Enzensberger: Rondeau – Analyse

Reden ist leicht…

Text: http://flugkapitaene.de/lyrik-d-f.htm (dort das 6. Gedicht)

http://www.babelmatrix.org/works/de/Enzensberger,_Hans_Magnus-1929/Rondeau (die beiden letzten Verse sind eine neue Strophe)

http://dimieter.blogspot.de/2012/05/rondo-hans-magnus-enzensberger.html (unter dem spanischen Text des Gedichts – neue Strophen fangen mit „aber“ an; dazu sind die beiden letzten Verse die 6. Strophe, vgl. die Textgestalt des span. Textes!)

„Ein Rondeau (französisch rond „rund“) ist ein Rundgesang im Spätmittelalter und in der Renaissance.“ (Wikipedia, 10.07.21015) „Das Rondo (seltener frz. Rondeau) ist eine seit dem 17. Jahrhundert bekannte musikalische Form, bei der sich ein wiederkehrender Formteil (genannt Ritornell, Kehrreim oder Refrain) mit anderen Teilen (meistens Couplet genannt) abwechselt.“ (Wikipedia, 10.07.2015) Das Gedicht steht in „Gedichte 1955-1970“ (1971), es ist eine Art Rondo, in dem es um das Reden geht: Es beginnt mit dem Satz „Reden ist leicht.“ (V. 1) und führt dann über eine Reihe von Abwandlungen zum Satz „Reden ist schwer.“

Die Abwandlungen folgen diesem Schema: Aussage / Einwand (Aber …) / Aufforderung (als Konsequenz des Gedankengangs): „Also werde …“. Die Abwandlungen bilden vier Stufen: Also werde Bäcker. (V. 5) – Also werde Maurer. (V. 9) – Also werde Prophet. (V. 13) – Also werde was du bist.

In dieser Reihe fällt „Prophet“ aus der Abfolge der praktischen Berufe von Bäcker und Maurer heraus; die Überleitung erfolgt über das Sprichwort „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg gehen.“ (Belege) Der Ausreißer hat den Zweck, zum Gegen-Satz vom schweren Reden zu führen. Von den beiden Gegensätzen (V. 1 / 16) und den zugehörigen Auffoderungen muss man ausgehen, um das Gedicht zu verstehen.

Der erste (Gegen)Satz könnte die These eines A sein, dem ein B den Rest antwortet; er könnte auch ein Vorwurf des B an A sein, welcher bloß daherredet und von B belehrt wird. Ein dritte Möglichkeit ergibt sich während der zweiten oder dritten Lektüre des Gedichts: Die vier Aber-Sätze sind Einwände eines A, dem B als Aufforderung den ersten Satz gesagt hat: „Reden ist leicht.“ (V. 1); dann sollte man auch den jeweils dritten Vers einer Strophe als Einwand des A verstehen – es tun sich also von der Gesprächssituation her zunächst also verschiedene Möglichkeiten auf, das Gedicht zu verstehen; zum Schluss werde ich meine Lesart skizzieren.

Dem bloßen Reden werden zunächst zwei Möglichkeiten (jeweils in Form einer Aufforderung) entgegengestellt, etwas Sinnvolles zu tun, wovon man leben (vgl. essen, V. 2; wohnen, V. 6) kann: Brot backen, Häuser bauen; aber solche Dinge sind schwer (V. 4, 8). Darauf folgt als dritte die paradoxe Aufforderung „Also versetze den Berg.“ (V. 11, nach dem gesuchten Einwand V. 10 – beides dient dazu, über die Gedanken, V. 14, wieder zum Reden zurückzuführen.)

Die Pointe des Rundgangs, des Rondos sind zweifellos die letzten drei Verse, die auf die Einsicht „Reden ist schwer.“ (V. 16) folgen: „Also werde was du bist“ (V. 17) – das kann analog zu V. 5, 9, 13 nur heißen: „(Lerne das Schwere,) Werde ein Redner!“ V. 17 ist eine Variation des alten rätselhaften Zitats Pindars: „Lerne zu werden, der du bist, und sei danach.“ Pindar weist die Menschen auf sich selbst statt auf irgendwelche Luftschlösser zurück; sie sollen ihre wahren Möglichkeiten erkennen und ergreifen, das ist der Sinn seines Satzes. So ähnlich klingt er auch in der Abwandlung des Sprechers (V. 17) – aber er wird fortgesetzt und damit im Sinn umgedreht: „und murmle weiter vor dich hin, / unnützes Geschöpf.“ (V. 18 f.) Dass der Redner ein unnützes Geschöpf ist, hat sich im Rondeau ergeben: Wörter kann man nicht essen, man kann nicht darin wohnen, man kann nicht darauf bauen (V. 2, 5, 9); wenn der Redende also vollends bloß zum Redner wird, tut er nichts Nützliches – er murmelt bloß vor sich hin, er ist ein unnützes Geschöpf.

Dieses Gedicht stellt das bloße Reden als unnützes Schwätzen bloß, indem das Reden dem nützlichen Tun gegenübergestellt wird: In den späten 60er Jahren waren die „revolutionären“ Schwadroneure zahlreich wie der Sand am Meer – auf sie und alle Maulhelden (auch die religiösen, manche Berufspolitiker, heute die ganzen Esoteriker und Berater und Sterndeuter…), die nichts Nützliches tun, bezieht sich dieses Gedicht kritisch – das klingt bei HME erstaunlich, aber ich kann es nicht ändern.

Wenden wir uns noch einmal der Gesprächssituation zu, so scheint es mir am sinnvollsten zu sein, einen Dialog zwischen dem „Redner“ B und seinem Widerpart A anzunehmen. In der Reihenfolge A / B liefe das Gespräch so ab:

1 – 3 / 4

5 / 6

7 / 8

9 / 10

11 / 12

13 / 14

15 / 16

17 – 19. Diese Lösung ergibt sich erst, wenn man den Gedankengang des Gedichtes als Dialog verstanden hat: Die Konstruktion der Gesprächssituation ist die Bedingung dafür, den Sinn zu erfassen.

Zum Zitat Pindars:

http://www.aphorismen.de/zitat/25630; https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_griechischer_Phrasen/Gamma (dort das 7. Zitat); http://www.rhm.uni-koeln.de/115/Thummer.pdf (zur philologischen Problematik des Zitats); http://www.jungeforschung.de/moderne/Mailhammer.pdf; https://de.wikipedia.org/wiki/Ecce_homo_%28Nietzsche%29

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