Enzensberger: Der Ablaß – zum Verständnis

Ihr wißt nicht, wovon ich rede. Klar…

Text: http://walterswunderbarewelt.com/2010/07/12/ablass/ (Schriftbild: „Ablass“ in Zeile 15 gehört noch in V. 14!)

„Ihr wißt nicht, wovon ich rede. Klar.“ (V. 1) Deshalb beginne ich mit der Klärung des Begriffs: „Ablass (lat. indulgentia) ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet. (CIC can. 992)“ (Kathpedia) Hier wird also bei Sünden zwischen Schuld und Strafe unterschieden, bei den Strafen zwischen zeitlichen und ewigen (= Hölle). Die Vorstellung von zeitlichen Sündenstrafen geht auf die öffentliche Kirchenbuße im Mittelalter zurück (https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenbu%C3%9Fe; http://universal_lexikon.deacademic.com/340031/Kirchenbu%C3%9Fe; http://www.kathweb.de/front_content.php?client=5&lang=6&idcat=2065&idart=11441). Volkstümlich – wie auch immer entstanden – war die Auffassung, man könne sich von seinen Sünden ohne wirkliche Bekehrung quasi loskaufen; theologisch richtig ist die Auffassung, dass es einen Erlass (= Ablass) zeitlicher Sündenstrafen geben könne.

Enzensbergers Gedicht aus dem Band „Die Furie des Verschwindens“ (1980) ist folgendermaßen aufgebaut:

  • Ihr [Modernen] wisst nicht, wovon ich rede. (V. 1-5)
  • Er ist auch nur ein schäbiger Trick, eine veraltete Redensart. (V. 6-12)
  • Dennoch möchte ich euch die Idee überliefern (abwertend als „Zauberformel“ bezeichnet, inhaltlich – vermutlich bewusst – falsch dargestellt: Erlass aller zeitlichen und ewigen Strafen, V. 14 f.).
  • Wenn ich könnte, würde ich euch solchen Ablass gewähren.

Enzensberger kramt hier eine alte katholische Vorstellung heraus, die den geschlagenen Menschen ein wenig Hoffnung gab: Erlass der Strafen, Amnestie, Begnadigung. Der Ich-Sprecher spricht hier eine Gruppe „Ihr“ an, die er „ihr armen Schweine“ (V. 17) nennt: Wieso sie arme Schweine sind, wird nicht erklärt; greift man auf andere Gedichte Enzensbergers zurück, könnte man vermuten, dass sie arme Schweine sind, weil sie „Angestellte“ sind, weil sie nur von der Bewusstseinsindustrie und der „Bildzeitung“ noch einen Funken falscher Hoffnung bekommen. Diesen armen Schweinen, die genug gestraft sind, erließe er gern ihre Strafe – wenn er könnte, sagt er; er kann es aber nicht, er kann sie höchstens vor den Kopf stoßen, auf dass sie aus der Lethargie erwachen.

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