Enzensberger: Der Angestellte – analytische Bemerkungen

Nie hat er jemanden umgebracht. Nein…

Text:

Der Angestellte

Nie hat er jemanden umgebracht. Nein,
er wirft aus Versehen Flaschen um.
Er möchte gern, schwitzt, verliert
seinen liebsten Schlüssel. Immerzu
erkältet er sich. Er weiß, dass er muß.     5
Er mutet sich Mut zu, er gähnt,
er tupft seinen Gram auf den Putz.
Er denkt, lieber nicht. Eingezwängt
……in zwei Schuhe, beteuert er bleich
das Gegenteil. Ja, er meldet sich an     10
und ab. Das Gegenteil sagt er von dem,
was er sagen wollte. Eigentlich, sagt er,
eigentlich nicht. Der Anzug ist ihm zu eng,
zu weit. Seine Stelle schmerzt. Nein,
seine eigene Handschrift kann er schon längst     15
nicht mehr lesen. Er hat sich scheiden lassen,
vergebens. Kein Mensch ruft ihm an. Überall
juckt es ihn. Sein Kugelschreiber läuft aus,
beim besten Willen. Er ist öfters vorhanden,
in jedem Zimmer einmal, immer allein.     20
Er schneidet sich beim Rasieren. Ja,
er passt nämlich immer auf, sonst
kann er nicht schlafen. Er schläft.
Alles meckert, alles was recht ist,
alles lacht über ihn. Er merkt nicht,     25
was los ist. Das merkt er. Sein Kopfweh
ist unpolitisch. Er stellt sich an,
er stottert schon wieder, verschluckt sich.
Was er vorhin hat sagen wollen, das hat er
vorhin vergessen. Er hat vergessen,     30
sich umzubringen. Beim besten Willen.
Heimlich lebt er. Nein, er darf nicht,
aber er müsste. Er hat keinen Krebs,
aber das weiß er nicht. Sein Hut schwitzt.
Es ist ihm noch nie so gut gegangen     35
wie jetzt. Eigentlich möchte er nicht,
aber er muß. Er weint beim Friseur. Ja,
er ist anstellig, er entschuldigt sich.
Ja, er schreibt, ja, er kratzt sich,
ja, er müsste, aber er darf nicht,     40
nein, seinen Jammer hat niemand bemerkt.
Das Gedicht stand im Band Die Furie des Verschwindens (1980), in dem es eine Reihe deprimierender Gedichte gibt; dieses ist eines davon. Es hat einen Vorgänger u.a. in Tucholskys Gedicht „Angestellte“ (1926) und in Kracauers Studie „Die Angestellten“ (1930), bei Enzensberger eine Parallele im Gedicht „Middle Class Blues“, vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Angestellter.

Charakteristisch für dieses Gedicht sind die Sätze mit den Modalverben, in denen der zugehörige Infinitiv fehlt: „Er möchte gern, schwitzt…“ (V. 3) Was er gern möchte, wird nicht (im Infinitiv) gesagt – dadurch bekommt man den Eindruck dass er alles, was er gern tun möchte, nicht tun kann. Ähnlich ist es in V. 5 („daß er muß“). Explizit wird das in den beiden Gegensätzen „er darf nicht, aber er müßte“ (V. 32 f.; vgl. V. 8) und „Eigentlich möchte er nicht, aber er muß.“ (V. 36 f.) Hier wird deutlich, wie es den Angestellten zerreißt – wer oder was zerreißt ihn? Die Spannung zwischen den beruflichen Zwängen und den Wünschen als Mensch!

Diese Spannung auch sonst noch öfter spürbar: in seinem Denken (V. 8); im Eingezwängtsein (V. 9 f.; V. 13); im Lügen (V. 11 f., vgl. V. 9 f. und V. 12 f.); in weiteren Widersprüchen (V. 10 f.; 13 f.; 22 f.; 36 f., V. 35 f. / V. 41; ja / nein, V. 39-41). Sie zeigt sich ebenso in körperlichen Beschwerden (V. 3-5, 14, 21, 26 f., 29 f., 37, 39).

Als Mensch ist er völlig erledigt: „Er hat sich scheiden lassen, vergebens.“ (V. 16 f.) „Er ist öfters vorhanden…“ (V. 19) Er hat vergessen, sich umzubringen.“ (V. 30 f.) Er ist nicht mehr Mensch, sondern bloß „anstellig“ (V. 38, ein Wortspiel) und entschuldigt sich für nichts und wieder nichts (V. 38) – er hat sich völlig aufgegeben.

Die beschreibenden Aussagen sind weithin zusammenhanglos aufgereiht: Von allen Seiten prasselt „es“, greift „es“ nach seinem Leben. „Er mutet sich Mut zu“ (Wortspiel, V. 6), doch ist er „immer allein“ (V. 20), „seinen Jammer hat niemand bemerkt“ (V. 41).

Das Gedicht ist eine deprimierende Situationsbeschreibung des Menschen, der in seiner Existenz von anderen abhängig und auf bloße wirtschaftliche Nützlichkeit als einzige Rechtfertigung seines Lebens reduziert ist. Die Melodie dieses Lebens ist der Middle Class Blues.

Wie es den leitenden Angestellten ergeht, wird in „Die kurze Geschichte der Bourgeoisie“ erzählt; dort ist der Aspekt jedoch der, dass diese ganze Herrlichkeit nur „fünf Minuten lang“ dauert – gemessen am Alter der Menschheit, am Alter der Erde. Sie sind nur „Wolken, die Ich sagten“, fünf Minuten lang.

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