R. Littell: Die kalte Legende – Besprechung

Wir haben es hier mit einem Roman zu tun, der verschiedene Aspekte abdeckt: erstens einige Jahre der Lebensgeschichte eines CIA-Agenten mit verschiedenen „Legenden“ (= Identitäten) – diese Episoden werden wild gemixt und strotzen von unwahrscheinlichen Gefährdungen und Rettungen; zweitens der Auftrag dieses Ex-Agenten, nunmehr Privatdetektiv, den verschwundenen Ehemann einer orthodoxen Jüdin zu finden, damit diese ordentlich religiös geschieden werden kann – das ist eigentlich der Rahmen der übrigen Geschichten, der Auftrag und der Ehemann werden am Ende erledigt; drittens eine Liebesgeschichte zwischen besagtem Detektiv und der Schwester der Jüdin; viertens die Verquickung der Suche mit der Vergangenheit des Detektivs, weil die CIA dagegen ist, dass der gesuchte Ehemann gefunden wird, und aus diesem Grund Jagd auf den Detektiv macht; fünftens ein tolles Spiel mit den Identitäten des Ex-Agenten – er hat drei Legenden und eine vierte, an die er sich nicht erinnert, die mit einer traumatischen Erfahrung verbunden ist und in einer Therapie wieder bewusst werden soll. Das Verrückte ist nun, dass der Ex-Agent seine „Identitäten“ derart intensiv lebt, dass er „wirklich“ das jeweilige Lebensmuster „ist“, bis hin zu ganz unwahrscheinlichen Leistungen (Sprachbeherrschung, Dichten in der Sprache Walt Whitmans, S. 46, Erleben einer Schlacht des amerikanischen Bürgerkriegs). Dieses Identitätsthema wird auch für andere Figuren durchgespielt und erhält so quasi eine philosophische Dimension (eine Nutte in Südamerika, S. 234; Kaiser Hadrian, S. 261; ein Agent…). Sechstens kommen noch die politischen Themen der Jahrtausendwende ins Spiel: Osama bin Laden tritt auf und will die Wallstreet in die Luft sprengen, der Niedergang der UdSSR und die Schwäche Russlands werden als Machenschaften der CIA entlarvt, der israelisch-palästinensische Konflikt wirft seine Schatten…

Aus diesen sechs Zutaten wird ein heißer Brei gekocht, der mir nur begrenzt geschmeckt hat – den Jubelbesprechungen nach dem Erscheinen 2008 zum Trotz. Es ist einfach zu viel des Guten, das uns hier geboten wird; der Roman grenzt an eine Kriminalsatire, finde ich. Dafür möchte ich nur zwei Belege nennen: Dass Martin Odum (Name des Detektivs) als Lincoln Dittmann besser schießt (ruhig, nur ein Schuss, der aber trifft), halte ich für Quatsch; außerdem müsste er sich dann bewusst in die Legende Dittmann versetzen können, könnte also nicht massiv unter seiner Identitätsdiffusion leiden, wie Odum das tut. Und dass die südamerikanische Nutte sechs Wochen später als brave Mama in Rom mit ihrem Kind spaziert (S. 262), finde ich ziemlich schrill – abgesehen davon, dass Dittmann sie „zufällig“ in Rom trifft! – warum sollte eine vornehme Römerin, die ein  Kind hat, sich als Spionage-Nutte nach Südamerika schicken lassen?

Außerdem: Als Josef Kafkor, Odums verschüttete vierte Legende, ist er unter einer Teerdecke in eine Straße eingeschlossen worden [und natürlich gerettet worden, wie man später erfährt] – ein richtiger „Oligarch“ hätte Erde auf ihn gekippt und darüber den Asphalt planiert, statt den Gefangenen mit dicken Bohlen abzudecken und darüber den Teer zu planieren. Mit derart stümperhaften Methoden ermöglicht man, dass die Geschichte des geretteten Verschütteten erzählt werden kann. Zu diesem Zweck müssen ebenso verschiedene CIA-Agenten, die Odum nach dem Leben trachten, blöde Fehler machen…

Auch die chronologische Zerstückelung gefällt mir nicht; sie trägt nur zur Verwirrung bei und erspart es dem Erzähler bzw. Autor, die Übergänge zwischen den Jahren 1993-1997 herzustellen. So wird eine Therapie aus dem Jahr 1994 erzählerisch auseinandergerissen (S. 46 ff. – S. 199 ff., nur eine Woche Abstand ist dazwischen): Wozu soll das gut sein? – Den litauischen „Gedymin“ nennt man im Deutschen übrigens Gediminas, was die Übersetzer offenbar nicht wussten.

Eine der Figuren mit angemaßter Identität (Schachmeister Katowski) sagt im Gespräch: „Durch Schach bleiben verrückte Leute normal.“ (S. 357) Das tröstet mich; vielleicht hätte man Odum das Schachspielen beibringen sollen?

http://www.krimi-couch.de/krimis/robert-littell-die-kalte-legende.html

http://www.deutschlandradiokultur.de/multiple-persoenlichkeitsstoerung-eines-cia-agenten.950.de.html?dram:article_id=134268 (begeisterte Rezension)

http://www.hinternet.de/weblog/2006/08/robert-littell-die-kalte-legende.php (dito)

http://www.kaliber38.de/woertche/wcw0806.htm (dito)

http://www.shakespeare-and-more.com/blog/2006/10/robert-littell-die-kalte-legende.html (dito, mit Links zu weiteren Rezensionen)

http://www.hammett-krimis.de/krimis/kriminalroman/7581 (lobend, mit kritischem Unterton)

http://www.zeit-verlagsgruppe.de/presse/2012/05/die-zeit-bringt-neue-krimi-edition-heraus-2/ (Reihe der Politthriller 2012)

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