R. Littell: Die Söhne Abrahams – Besprechung

Den Rahmen der Erzählung bildet die Geschichte einer Entführung: Ein radikaler jüdischer Rabbi wird mit seinen Begleitern, von denen mehrere umkommen, von einem Kommando radikaler Palästinenser überfallen und entführt. Der israelische Geheimdienst versucht, die Entführer zu identifizieren, zu finden und die Gefangenen zu befreien. Dabei hilft ihnen ein proarabischer amerikanischer Journalist, der in Wahrheit ein Agent der Israelis ist und mit einem Geheimsender im „Hörgerät“ die Ortung der Entführer erlaubt; er arbeitet sich bei den prominenten Palästinensern hoch und darf als Zeuge am Verhör der entführten Rabbis teilnehmen. Zum Schluss wird das Versteck der Entführer gestürmt, alle bis auf den Journalisten kommen um.

Quer dazu verlaufen Berichte eines amerikanischen Professors, der die Regierung in Washington als Nahostexperte berät: Die amerikanische Präsidentin hat Israel und die Palästinenser unter Druck gesetzt und will unbedingt einen Friedensvertrag unterzeichnen lassen (auch damit sie den Friedensnobelpreis bekommt); die Unterzeichnung des Vertrags ist durch die Entführung gefährdet.

Den Kern des Romans (2006, deutsch 2008) bilden jedoch die Gespräche des Entführers, eines palästinensischen Arztes, und des entführten Rabbis – der eine gilt als der „Erneuerer“ des Islam, der andere hält sich für den Messias; beide führen Terrorkommandos an und morden. Sie beschimpfen sich zuerst, kommen sich jedoch im Gespräch immer näher als „Söhne Abrahams“ (und heißen entsprechend symbolisch Ismael und Isaac), bis sie sich schließlich fast verbrüdern; so lässt der Palästinenser zum Beispiel die Speisen für das Fastenbrechen koscher kochen, damit der Jude mit ihm feiern kann. Die Liebe zu Jerusalem, die Anbetung des einen Gottes und die Ablehnung westlicher Dekadenz verbindet sie: „Wir sind beide Kinder Abrahams.“ (S. 250) Beide wollen den Abschluss des Friedensvertrags verhindern – das geht so weit, dass der Jude den Palästinenser inständig bittet, ihn zu töten, damit er als „Gottesknecht“ leidet und nicht von den Juden befreit wird.

Was der Roman deutlich macht, ist der Teufelskreis, in dem jüdische Besatzung und palästinensischer Terror miteinander verbunden sind; auch dieser Teufelskreis (englischer Titel „Vicious Circle“) ist in den beiden heiligen Schriften Tora und Koran grundgelegt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn…“ Diesen tödlichen Zirkel möchte der Rabbi unbedingt erhalten: „Denk an den Teufelskreis, Ishmael – töte mich, und meine Leute werden meinen Tod rächen.“ (S. 334) Von einer funadmentalistisch ausgelegten Religion ist kein Heil zu erwarten; aber das wussten wir bereits.

Der einzige Einsichtige ist Elihu, der die israelische Befreiungsaktion geleitet hat: „Wir werden alle am Ende so, wie der Feind uns sieht. Fast so, als wollten wir ihn nicht enttäuschen.“ (S. 291) Folgerichtig wird er durch einen neuen Mann ersetzt.

Als Krimi ist der Roman mäßig spannend, als Analyse der verschiedenen Ideologien begrenzt tauglich. Auch ist er symbolisch in der Annäherung der beiden Kontrahenten überladen; trotzdem lädt er dazu ein, über den irrwitzigen Konflikt im Nahen Osten nachzudenken und sich umfassender zu informieren. Die Rezensionen weisen eine große Spannbreite auf.

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/zwei-fanatiker-in-einem-zimmer-robert-littells-die-soehne-abrahams.html (sehr kritisch)

https://krimikulturarchiv.wordpress.com/2009/07/21/robert-littell-die-sohne-abrahams-2008/ (sehr kritisch – abgeschrieben von Georg Patzer)

http://www.togohlis.de/03littell_abrahamssoehne.htm (sehr positiv)

http://www.deutschlandradiokultur.de/terroristische-verbruederung.950.de.html?dram:article_id=135942 (positiv)

http://culturmag.de/rubriken/buecher/robert-littell-die-sohne-abrahams/500 (verhalten kritisch – findet meine Zustimmung)

http://www.hinternet.de/weblog/2008/04/robert-littell-die-soehne-abrahams-kritikerstammtisch-teil-2.php (drei unterschiedlich kritische Rezensionen)

http://www.welt.de/kultur/article1662005/Ich-weiss-noch-wie-ich-dachte-er-kann-schreiben.html (dazu einiges von Fam. Littell)

Nahostkonflikt

https://de.wikipedia.org/wiki/Nahostkonflikt (mit Links)

http://www.lpb-bw.de/nahostkonflikt.html (mit weiteren Links)

http://www.politische-bildung.de/nahost_israel_aktuelles.html (mit Links)

http://www.sueddeutsche.de/thema/Nahostkonflikt

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s