Ach

Der Kollege Matthias Klagges schrieb mir u.a.:

Nebenbei dann einiges gelernt zu „ach“ (Ulla Hahn, Angeschaut, Z. 11),
wahrscheinlich dem wichtigsten Minimalsignifikant in der deutschen Literatur…

Das Wörtchen Ach in der deutschen Liebeslyrik vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert
http://www.deutsche-liebeslyrik.de/manuskript/manuskript60/manuskript60.htm

außerdem: Goethe: Faust:
„Habe nun, ach! Philosophie“
„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“

Schiller (sowieso):
„Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen? /
Spricht die Seele so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.“ (aus: Musenalmanach für das Jahr 1797) => spricht die Seele ACH, so spricht die Seele schon NICHT mehr

und vor allem: Kleist, dazu sofort gekauft und dann gelesen
László F. Földényi: Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter. München. Matthes & Seitz 1999. S. 15-23 (= ACH!) – sehr gut,

und dort zu Hahn „Angeschaut“ gefunden / passend: „Alkmene: Ach!“ (Ende von Kleist: Amphitryon)

„Alkmenes Seufzer, als sie von Jupiter verlassen wird, der ihr in Gestalt des Gatten Amphitryon eine Liebesnacht geschenkt hatte. Wie überlebt ein sterbliches Wesen diese Heimsuchung durch einen göttlichen Liebhaber? Wie kann das Leben danach weitergehen? Muss es nicht zur Wüste werden, und ist das „Ach“ nicht auch Ausdruck des Schreckens vor dem Undsoweiter der Gewöhnlichkeit?“ Vgl. Rüdiger Safranski: „Ach“. http://www.zeit.de/2000/03/200003.l-kleist_.xml (aufgerufen 14.9.2015)

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Ich meine, man müsste Schillers Distischon anders lesen, und zwar so (vgl. http://amor.cms.hu-berlin.de/~h2816i3x/Talks/SchillerSinnspruch.pdf):

„Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen? /
Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.“

Das steht in einer Tradition, die wir schon im Römerbrief (8,26) finden: „Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ Bei Paulus finden wir auch die Gegenüberstellung gramma/pneuma.

Vgl. auch http://lexika.digitale-sammlungen.de/adelung/lemma/bsb00009131_3_1_1067, https://de.wiktionary.org/wiki/ach und die anderen Wörterbücher zu „ach“!

2 thoughts on “Ach

    • „Ach!“ ist das, was man klagend sagt, wenn man merkt, dass die Seele sprachlich nicht zu erreichen ist – alles, was „die Seele“ sagt, ist nicht wirklich die Seele selbst.

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