Twain: Huckleberry Finns Abenteuer – kein Kinderbuch

Ich beginne mit einer These: „Huckleberry Finns Abenteuer“ ist kein Kinderbuch. Dieser These steht entgegen, dass es in Deutschland in zahlreichen Ausgaben als Kinderbuch behandelt wird – was aber heißt: gekürzt und verfälscht wird. Ich möchte das an zwei Beispielen zeigen:

  1. Mark Twain: Huckleberry Finns Abenteuer. Neu erzählt von Maria Seidemann. Mit farbigen Bildern von Markus Zöller. Arena Verlag GmbH: Würzburg 2011 (Reihe: Kinderbuchklassiker zum Vorlesen)

In 12 Kapiteln wird das ganze Geschehen gerafft und geglättet, teilweise verfälscht. So soll Huck am Ende von Tante Polly aufgenommen werden; dann brauche er das von ihm geerbte Haus der Witwe nicht – mit dem Geld dafür könne man Jims Familie freikaufen. „Ein bisschen graulte mir davor, ein ordentlicher Junge zu werden. Aber zusammen mit meinem Freund Tom Sawyer würde ich das schon durchhalten!“ (S. 74)

  1. Mark Twain: Huckleberry Finns Abenteuer. Aus dem Amerikanischen [übersetzt und bearbeitet] von Sybil Gräfin Schönfeldt. Mit Illustrationen von Hans G. Schellenberger. Arena Verlag GmbH: Würzburg 2010 (copyright 1995 bzw. 1978) – in der Bibliothek: für ca. 12jährige.

Es fehlen die Kap. 17, 18, 21, 22, 23; Kap. 24 ist am Anfang gekürzt; Kap. 28 ist massiv gekürzt und zu Kap. 27 geschlagen, dito Kap. 31 zu Kap. 30; Kap. 34-39 sind zu einem Großkapitel zusammengefasst worden.

Zwei Gründe kann ich dafür nennen, dass „Huckleberry Finns Abenteuer“ kein Kinderbuch ist. 1. Von den großen Themen des Buchs passen nur wenige in ein Kinderbuch, weshalb der Text ja auch entsprechend verkürzt wird. Als die großen Themen sehe ich folgende:

  • Die große Reise auf dem Mississippi (ab Kap. 7)

Dieses Thema bildet das Handlungsgerüst der Erzählung; es eignet sich auch für ein Kinderbuch.

  • Abenteuer auf dem Fluss

Ich denke hier etwa daran, wie Jim und Huck nachts auf ein Wrack treffen, dabei ihr Floß verlieren und den Gangstern dort ausgeliefert wären, wenn sie nicht im letzten Augenblick sich im Boot hätten retten können. Solche Abenteuer verstehen auch Kinder.

  • Parodie der Abenteuerliteratur

In Kap. 2 und 3 sowie in Kap. 35 ff. stellt der Roman eine Parodie der Abenteuerliteratur dar; das kann Kindern höchstens verkürzt als lustige Sammlung von Abenteuern verkauft werden, siehe die entsprechende Kürzung in der Ausgabe der Gräfin Schönfeldt!

  • Satirische Kritik der Gesellschaft des Südens

Dieser thematische Faden durchzieht das ganze Buch, angefangen von der religiösen Erziehung durch Miss Watson über die Begegnung mit den Grangerfords (fehlt bei Gräfin Schönfeldt!) bis zum das Auftreten von „König“ und „Graf“ (zeigt Naivität und Rohheit der Südstaatler); die Kritik an der Sklaverei gehört nicht nur, aber vor allem zu diesem Thema. Mit seinen Lügengeschichten zeigt Huckleberry, wie man sich in dieser Gesellschaft bewegen kann. – Das ist nichts für Kinder.

  • Selbstfindung Hucks in der Freundschaft mit dem Sklaven Jim

Hierhin gehört der Bruch mit der „zivilisierten“ Welt St. Petersburgs und ihrer Normen (Kap. 31!), aber auch mit seinem Vater (Kap. 6). Solche Radikalität wird Kindern nicht zugemutet, siehe die beiden oben genannten Ausgaben!

2. In den letzten Jahren gibt es eine Reihe neuer Übersetzungen, welche die ältere Standardübersetzung Lore Krügers (dtv Nr. 2015, Diogenes 21370) abzulösen sich anschicken. Zuerst sei der Übersetzerin und Widerstandskämpferin Lore Krüger (1914-2009) ein Denkmal gesetzt:

https://de.wikipedia.org/wiki/Lore_Kr%C3%BCger

http://wiki.drafd.org/index.php?title=Lore_Kr%C3%BCger

http://www.exilarchiv.de/DE/index.php?option=com_content&view=article&id=4837%3Akrueger-lore-ottilie&Itemid=100189&lang=de (mit Links)

http://www.mdr.de/kultur/lore-krueger126_zc-15948bad_zs-86171fdd.html

http://www.drafd.de/?DrafdInfo200908_Broadway

http://www.aviva-berlin.de/aviva/Druck.php?id=14191252

http://www.dkp-online.de/frauentag/uz/36101303.htm (Würdigung zum 90.)

http://www.co-berlin.org/lore-krueger-ein-koffer-voller-bilder (Ausstellung 2014/15)

http://antifa.vvn-bda.de/2015/03/01/was-bleibt-2/ (zur Ausstellung)

http://www.volksstimme.de/kultur/kultur_regional/1419961_Ein-Koffer-voller-Bilder.html (dito)

Eine andere ältere Übersetzung fertigte Barbara Cramer-Nauhaus (Dieterisch’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1956, und dann im Insel Taschenbuch 837) an; diese Übersetzung habe ich im Unterricht benutzt, weil sie mir besser als die Lore Krügers gefiel. Die neuen Übersetzungen stammen von Andreas Nohl (dtv 14166, 2012), Ekkehard Schöller (Reclam 2007), Friedhelm Rathjen (1997; jetzt Insel Tb 3528, 2009) und Wolf Harranth (Cecilie Dressler Verlag, 2012). Die Vielzahl neuerer Übersetzungen zeigt an, dass der Roman in seiner sprachlichen Eigenart in den letzten Jahren ernstgenommen wird. Damit besteht die Chance, dass der Roman in Deutschland die Beachtung findet, die ihm gebührt und die er in der englischsprachigen Welt besitzt, vgl.

http://sobratoenglish11.wikispaces.com/file/view/HF_Materials.pdf (Material für Lehrer)

http://www.bydewey.com/huck.html (research guide für Studenten)

http://edsitement.neh.gov/lesson-plan/critical-ways-seeing-adventures-huckleberry-finn-context#sect-introduction (Anleitung zur krit. Lektüre, für Studenten)

http://literatureguides.weebly.com/huckleberry-finn-study-guide.html (study guide für Schüler)

Ich habe den Roman wiederholt in der Sekundarstufe II des Gymnasiums behandelt; wenn auch die Fachkollegen Deutsch mich ein wenig belächelten, hatten meine Schüler es doch nicht leicht, die satirische Darstellung etwa der Grangerfords zu verstehen. Ein kurzes Ergebnis meiner Bemühungen um „Huckleberry Finns Abenteuer“ steht seit Jahren im Netz: https://norberto42.wordpress.com/2010/04/21/mark-twain-huckleberry-finns-abenteuer-aufbau-schluss/ und vorher http://logos.kulando.de/post/2007/09/27/m_twain_huckleberry_finns_abenteuer.

Zum Schluss möchte in einer exemplarischen Kurzanalyse zeigen, wieso die mit Tom Sawyer erlebten Abenteuergeschichten eine Parodie sind (Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe Diogenes 21370, Übersetzung von Lore Krüger):

Gründung einer Räuberbande (Kap. 2)

Die ersten Kapitel des Romans (1-4), das Leben in St. Petersburg, kann man als Einleitung betrachten; erst als Huckleberrys Vater auftaucht, wird es spannend. So hat auch die Gründung der Räuberbande, von der Huck erzählt, den Charakter eines parodistischen Vorspiels zu den folgenden Abenteuern:

  • Huck und Tom treffen die anderen Jungen
  • und gehen nach einem Schweigeeid in eine Höhle;
  • sie gründen eine Räuberbande und bekräftigen ihn durch einen furchtbaren Eid mit zahlreichen Morddrohungen;
  • sie folgen dabei weithin den Vorlagen „aus Piratenbüchern und Räuberromanen“ (S. 17);
  • es gibt eine Reihe von Schwierigkeiten, welche das erzählte Geschehen ironisch brechen:
  • Huck Finn kann mit Mühe Miss Watson als Familienmitglied zum Töten anbieten;
  • die Jungen wollen ehrliche Wegelagerer statt einfache Diebe sein und sich nur mit Raub und Totschlag abgeben;
  • sie halten am „Auslösen“ von Gefangenen fest, obwohl sie nicht wissen, was das ist – doch der Bezug auf die Bücher muss gewahrt bleiben;
  • gegen den Einspruch Ben Rogers’ wird an nächtlichen Wachen festgehalten, „wie’s der Regel entspricht“ (S. 19);
  • Tommy Barnes wird mit 5 Cent bestochen, trotz seiner Angst bei der Bande zu bleiben;
  • Ben Rogers drängt darauf, sonntags nicht zu rauben und zu morden – „es sonntags zu machen wäre ’ne Sünde“ (S. 19).

Folgerichtig berichtet Huck im nächsten Kapitel: „Ungefähr ’nen Monat lang spielten wir ab und zu Räuber, und dann trat ich aus.“ (S. 22) Er hat sich auf seine Augen statt auf die Bücher verlassen, und weil auch das Experiment des Lampenreibens (Kap. 3) scheitert, denkt er über die Abenteuer der Räuberbande anders als Tom Sawyer.

Ergebnis: Wir finden Tom Sawyer als denjenigen vor, der Abenteuerbücher kennt und darauf aus ist, selber solche Abenteuer im Spiel zu erleben; indirekt werden damit die in Kap. 35-40/41 erzählten Ereignisse vorbereitet (der etwas gekünstelte Ausstieg aus der großen Fahrt auf dem Mississippi, dem Handlungsgerüst des Romans). Geheimnisvolle Abenteuer sind genau das, „wofür er eine Schwäche hatte“ (S. 269, Anfang Kap. 33). Toms Abenteuervorstellungen unterscheiden sich von den Abenteuern, die Huckleberry Finn tatsächlich erlebt, s.o.

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