Schmitt: Das Kind von Noah – Besprechung

Drei Ebenen sind in dieser Erzählung zu unterscheiden. Das ist einmal die Geschichte des Gelben Hauses, in dem Kinder in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs unterrichtet und teilweise mit falschem Namen von Pater Bims untergebracht werden, damit sie vor der Verfolgung durch die Nazis sicher sind; diese Geschichte endet 1945. Dann gibt es als Rahmen den Bericht vom „Waisenmarkt“, auf dem 1945 verwaiste Kinder auftreten, um von ihren Eltern gefunden oder von anderen aufgenommen zu werden (und wo der Jude Joseph, der kleine Held des Buches, schließlich seine Eltern findet). Drittens gibt es eine Fortsetzung Jahrzehnte später, wo Joseph sich gelegentlich mit seinem Freund aus dem Heim trifft und über Israel diskutiert.

Den Kern der Erzählung macht die Geschichte von 1942 bis 1945 aus: Joseph freundet sich mit Pater Bims an, gewinnt ihn sozusagen als Vaterersatz, während dieser dem kleinen, vom Katholizismus begeisterten Joseph sein Judentum bewahrt, ihm Hebräisch beibringt und mit ihm auch tiefsinnige Gespräche übers Judentum führt – das ist der theologische Kitsch in dieser Erzählung: Reflexionen des Philosophen Eric-Emmanuel Schmitt, die einen Jungen von 8, 9 Jahren total überforderten und auch in sich beinahe zu schön sind, um für die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts wahr zu sein. So haben etwa die Juden die „Pflicht, Zeugnis abzulegen vor den Menschen, daß es nur einen Gott gibt, und durch diesen einen Gott die Menschen dazu zu bringen, daß sie einander achten“ (S. 56). Pater Bims sammelt jüdische Bücher und Kultgegenstände, um sie vor der Vernichtung zu bewahren, so wie einst Noah Tiere zum gleichen Zweck sammelte, was den kleinen Joseph zur trefflichen Bemerkung veranlasst: „Dann wären Sie sozusagen Noah und ich Ihr Sohn!“ (S. 73) Und der Pater belehrt den kleinen Joseph: „Keine Religion ist falsch oder wahr, sie bieten den Menschen lediglich eine Lebensform an.“ (S. 75) Das versteht Joseph natürlich, er ist ja schon neun Jahre alt! Zum Schluss erteilt der Pater dem kleinen Joseph, den er partout nicht katholisch werden lassen will, den Auftrag: „Noah, das bist von jetzt an du.“

Im Grunde liegt hier das gleiche Strickmuster wie in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ vor; wenn man die erste Erzählung kennt, kennt man auch die zweite – der Erfolg zwingt zur Fortsetzung des Strickens mit der gleichen Masche, nur dass jetzt List und Last des belgischen Widerstands sowie die Nöte der Kriegszeit das Kolorit des Hintergrunds abgeben.

Das Buch ist in Erinnerung an „Abbé André, Kaplan der Gemeinde Saint-Jean-Baptiste zu Namur“ geschrieben. Über den informiert uns die Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Joseph_Andr%C3%A9

http://www.buchinformationen.de/rezension.php?id=773 (treffend)

http://www.eric-emmanuel-schmitt.com/literature.cfm?nomenclatureId=1772&catalogid=809&lang=DE (mehrere kurze Besprechungen, lobend)

http://windhauch.net/eric-emmanuel-schmitt-das-kind-von-noah/ (begeistert)

In den großen Zeitungen haben anscheinend keine Rezensionen gestanden.

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