Flasch: Warum ich kein Christ bin – Besprechung

Kurt Flasch schreibt feuilletonistisch, aber in großer Sachkenntnis über die Gründe, die ihn veranlassen, kein Christ (im Sinn der Kirchen) zu sein: Die Gründe, die für den christlichen Glauben angeführt werden, überzeugen ihn nicht.

Den großen historischen Einschnitt in der Geschichte der Glaubensbegründungen bilde die Neuzeit:

  1. Die traditionelle Metaphysik Gottes und der unsterblichen Seele ist verschwunden, d.h. nicht länger haltbar.
  2. Die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung steht als solche gegen den Anspruch göttlicher Inspiration heiliger Texte, untersucht diese Texte als von Menschen in ihrer Zeit angefertigte Produkte und zeigt ihre Schwachstellen auf.
  3. Den neuen Ersatzkonzepten für die fehlende alte Glaubensbegründung (Erlebnis, Gefühl, Sinn, Sprung u.ä.) fehlt der Charakter des Begründens.

Diese drei Sätze genügen eigentlich bereits, um zu begründen, warum jemand heute nicht mehr Christ sein will oder kann.

Welche Wahrheit kann die sogenannte Glaubenswahrheit beanspruchen? „Die monotheistischen Religionen brauchen das zugleich universalistische und faktisch-objektivistische Wahrheitskonzept: Da ihr Gott der einzige Gott sein soll, muß er es für alle sein. Und was sie als sein Wort verkünden, soll für alle gelten. Weil wahr ist, was sie sagen, soll, muß es für alle wahr sein.“ (S. 106) – Dieses Wahrheitskonzept ist für die heiligen Schriften nicht haltbar. Beispiel dafür ist Ratzingers Verteidigung der Jungfrauengeburt (S. 107 f.).

Das wird dann an einer Reihe von Themen an einzelnen Beispielen durchdekliniert: Weissagungen, Wunder, Auferstehung Jesu (relativ breit dargestellt), die sogenannte Bekehrung der Welt zum Christentum – alles das zählt heute nicht mehr als Glaubensbegründung. Es folgen die Probleme mit dem Gottesbegriff, der Theodizee, der Erlösungstheologie (ganz wichtig!), der Ethik, den Konzepten von Seele, Himmel und Hölle; wie man sieht, gibt es Doppelungen (Seele, Gott), die einen dazu veranlassen können, den Text nur zu überfliegen. Anderseits wusste ich das alles bereits, abgesehen von Feinheiten der Theologie des Augustinus, welche Kurt Flasch ausgezeichnet kennt.

Wie es sich anfühlt, kein Christ mehr zu sein, stellt Flasch zum Schluss dar: „Ich habe Gott gesucht und habe ihn nicht gefunden. Ich habe dabei meine rheinische Fröhlichkeit nicht eingebüßt; ich lebe und arbeite in Heiterkeit. Ich mache mir über meine Zukunft keine Illusionen; ich weiß, daß ich in absehbarer Zeit sterben werde (…). Aber mein Leben ist nicht sinnlos. Ich habe nichts weggeworfen außer Formeln; mir fehlt nichts, was ich einmal hatte.“ (S. 255) Und was die Argumentation betrifft: „Die alten philosophischen Glaubensvorbereitungen sind weggebrochen; die historischen Argumente sind schwach bis falsch. Daher vereinfache ich mein Leben und mache von diesen Hypothesen keinen Gebrauch.“ (S. 256) Das hindert ihn aber nicht, die poetische Schönheit der Religion zu begrüßen und zu genießen.

Für wen ist das Buch geschrieben? Das ist schwer zu sagen: Gläubige werden es nicht lesen wollen, Ungläubige brauchen es nicht zu lesen. So bleiben die Zweifelnden und diejenigen, die an der Rechtfertigung eines geschätzten Gelehrten interessiert sind. Die jedoch Flasch aus christlicher Perspektive kritisieren, die sollten wenigstens sagen können, wieso sie durch Jesu Opfertod (ein zentrales Dogma) erlöst sind.

http://www.deutschlandfunk.de/kurt-flasch-warum-ich-kein-christ-bin.700.de.html?dram:article_id=276662 (ausführlich, informativ)

http://www.zeit.de/2013/36/literatur-sachbuch-glauben-kurt-flasch-warum-kein-christ (klug, treffend)

http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/warum-kurt-flasch-kein-christ-ist-1.18162170 (kluge protestantische Kritik an Flasch)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article119639425/Gute-Gruende-um-nicht-an-diesen-Gott-zu-glauben.html (ausführlich, dabei auch gläubig-kritisch)

http://www.compass-infodienst.de/Christlich-juedischer-Dialog-Interreligioese-Welt.12416.0.html (begeistert, dabei kritisch aus jüdischer Sicht)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/kurt-flasch-warum-ich-kein-christ-bin-wenn-schon-glauben-dann-mit-spanferkel-12546145.html (Maiers Kritik an Flasch greift m.E. nicht – Maier begreift die historisch-kritische Methode nicht, welche den Gedanken an „Inspiration“ im Ansatz erledigt hat)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/f/kurt-flasch-warum-ich-kein-christ-bin.htm (wohlwollend)

http://www.echo-online.de/freizeit/kunst-und-kultur/literatur/warum-ich-kein-christ-bin-von-kurt-flasch_15321524.htm (knapp, teilweise unter Flaschs Niveau: Flasch treibt nicht die Entmythologisierung auf die Spitze!)

http://www.christ-in-der-gegenwart.de/aktuell/extras/rezensionen_details?k_beitrag=3925912 (kritisch, aber zu knapp)

http://www.inkultura-online.de/flasch.html (kritisch-wohlwollend, so ganz verstehe ich den Kritiker nicht)

http://ebookandpdf.com/religion/33518-warum-ich-kein-christ-bin-bericht-und.html (download)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74948188.html (SPIEGEL-Gespräch 2010, stellt den Menschen Flasch vor)

https://de.wikipedia.org/wiki/Warum_ich_kein_Christ_bin_%28Flasch%29

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/27102013-kurt-flasch-warum-ich-kein-christ-bin-100.html (Interview mit Flasch)

http://www.atheisten-info.at/downloads/russell.pdf (B. Russell: Warum ich kein Christ bin, 1912)

http://warum-ich-kein-christ-sein-will.de/ (Uwe Lehnert: Warum ich kein Christ sein will)

Wenn man auf die Anzahl der Besprechungen schaut: So bedeutend finde ich Flaschs Buch nicht, wie die Vielzahl der Rezensionen suggeriert. Was Flasch sagt, weiß man seit Jahrzehnten, teilweise seit Jahrhunderten. Und Friedrich Wilhelm Graf hat recht, Flasch hat ein sehr katholisches Buch (mit starken Seitenhieben gegen Ratzinger) geschrieben, also eines, das sich mit den christlichen Lehren und Dogmen befasst. Was Flasch unter „Neue Glaubensbegründungen“ (S. 64 ff.) kritisiert, sind die protestantischen Versuche, trotz der von von Flasch referierten Kritikpunkte das Christentum („Das Wesen des Christentums“) bzw. das christliche Glauben neu zu begründen – verwässert, würde Flasch sagen; auch ich werde den Eindruck nicht los, dass diese modernen Glaubensbegründungen jeweils neu bezogene Rückzugspositionen sind, Frontbegradigungen in einem verlorenen Krieg: „Neue Kämpfe. – Nachdem Buddha tot war, zeigte man noch jahrhundertelang seinen Schatten in einer Höhle – einen ungeheuren schauerlichen Schatten. Gott ist tot: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch jahrtausendelang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. – Und wir – wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen!“ (Nietzsche: Die Fröhliche Wissenschaft, 3. Buch, Nr. 108)

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