Thomas Kaufmann: Martin Luther (2006) – Besprechung

Thomas Kaufmann ist ein ausgewiesener Kenner der Reformationsgeschichte. Deshalb hatte ich mir von seinem Büchlein Martin Luther“ in der Reihe C.H. Beck-Wissen einiges versprochen, auch wenn bzw. weil es nur knapp 120 Seiten Text aufweist. Ich habe vor rund 50 Jahren mich aus katholischer Sicht intensiver mit der Reformation befasst; im Sommer dieses Jahres war ich in Wittenberg, wo man sich schon mächtig auf das Reformationsjubiläum vorbereitet. So hatte ich mir von Thomas Kaufmann Antwort auf die Frage erhofft, wieso ausgerechnet Luther mit „seiner“ Reformation Erfolg hatte, während doch viele Reformer vor und nach ihm im Wesentlichen erfolglos geblieben sind.

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Stärke des Buches, seine Kürze, ist zugleich seine Schwäche. Vieles bleibt doch recht abstrakt, weil kein Platz ist, um in die Einzelheiten zu gehen. Kaufmann erklärt die große Wirkung Martin Luthers „aufgrund des strukturellen Zusammenwirkens einiger Faktoren“ (S. 42):

  1. „Luthers Botschaft und sein Verhalten überzeugten viele Menschen.“ (S. 42) Er behandelte elementare Lebensfragen auf verständliche Weise, und zwar mit einem ungeheuer umfangreichen publizistischen Werk; viele Gebildete schlossen sich ihm an und wurden Multiplikatoren.
  2. Die rechtlich-politischen Verhältnisse im Reich (Schwäche des Kaisers, Erstarken der Fürsten) begünstigten die Reformation.
  3. Das Papsttum steckte in einer Krise seiner Plausibilität in Deutschland; Rom war auf die Abwehr der Habsburger in Italien fixiert.
  4. Dass der Papst der Antichrist sei, hatten manche schon im Mittelalter gedacht – um 1520 erhielt es in apokalyptischen Stimmungen neue Plausibilität.

Das mag ja richtig sein, ist aber auf nur 5 Seiten erläutert, also sehr knapp erläutert. Später kommt noch der Erfolg der jungen Wittenberger Universität hinzu, an der mit Melanchthon ein großer Gelehrter inmitten vieler junger Kollegen wirkte – die Studenten trugen nach ihrem Studium die reformatorischen Ideen ins Land hinaus (S. 79 f.). „Zeitweilig trug die Wittenberger Bewegung Merkmale einer Studentenrevolte oder einer zunächst von Intellektuellen ausgehenden Jugendbewegung. Sie scheint das historisch erste bekannte Beispiel dieser Art gewesen zu sein.“ (S. 81)

Der zweite Teil des Büchleins, „Theologische Existenz“ (S. 59 ff.), ist erhellend und zeigt mit der Stärke Luthers auch seine Schwäche auf: „Daß Luther Theologie als praktische, erfahrungsbezogene Schriftauslegung, als Selbstauslegung des Menschen im Horizont des Wortes Gottes, verstand, macht den lebendigen und zugleich den fragmentarischen Charakter seines Werkes aus.“ (S. 63) In seiner Bibelauslegung und –übersetzung liegt Luthers Stärke (S. 64 ff.), in seiner Behandlung weltlicher Fragen seine Schwäche (S. 84 ff.), was sich speziell in seiner Einstellung zum Bauernkrieg zeigt (S. 90 ff.). Auch was Kaufmann zu Luthers „Feinden“ und Feindbildern schreibt (S. 106 ff.), gereicht dem Reformator nicht zum Ruhm: der Papst, der Türke, die Juden, die Irrlehrer, der Teufel.

Neu war für mich der apokalyptische Horizont von Luthers Denken, der ihn die Lehre von den drei gottgegeben Ständen (Bauern, Soldaten/Obrigkeit, Gelehrte) vertreten ließ: für die kurze Zeit vor dem baldigen Ende. Eine hilfreiche Rezension findet man hier.

Aufgrund einer Rezension in der SZ (zu R. Schwarz) nenne ich noch drei bedeutende Bücher zur Reformation:

  • Thomas Kaufmann: Geschichte der Refomation, 2009
  • Heinz Schilling: Martin Luther, 2012 (Biografie)
  • Reinhard Schwarz: Martin Luther – Lehrer der christlichen Religion, 2015

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