Wellershoff: Der Ernstfall (1995) – Besprechung

„Innenansichten des Krieges“ ist der Untertitel dieses Buchs von Dieter Wellershoff – er hat als 17jähriger Freiwilliger den Krieg mitgemacht, weitgehend fern der Front, aber auch im Sturmangriff auf eine russische Stellung, im Lazarett im Winter 1944/45 und auf der Flucht vor der Roten Armee: „Aber die grundsätzlichen und grundstürzenden Erfahrungen, die die Menschen mit sich und ihrer Geschichte machen, müssen festgehalten und erzählt werden.“ (S. 23)

Warum hat Wellershoff sich freiwillig gemeldet, obwohl sich 1943 bereits abzeichnete, dass der Krieg verloren war? Für mich war seine Analyse dieser jugendlichen (Fehl)Entscheidung interessant: „Kriegsbegeisterung, wie ich sie noch in den ersten Kriegsjahren als Schüler empfunden hatte, war das nicht, auch keine fanatische Opferbereitschaft, sondern eher eine noch fortbestehende patriotische Konvention, gegen die man, da das zu gefährlich war, auch im Gespräch unter Freunden keine Argumente entwickelt hatte. Man tat es, weil es üblich war, konnte aber die heimlichen Befürchtungen und fatalistischen Perspektiven vor sich selbst nicht mehr dauerhaft verdecken. Ich zog in diesen Krieg mangels einer Alternative und ohne Illusionen, aber mit einem vagen Pflichtgefühlt, das im Grunde eine Solidarität gegenüber all jenen war, die es auch getan hatten, und gegenüber den vielen, die gefallen waren. Dieses Zugehörigkeitsgefühl war brüchig. Aber es war noch nicht ganz aufgelöst. Beigemischt war dieser Haltung auch ein jugendliches Bedürfnis nach Bewährung und ein wachsender Überdruß an der Schule, die uns vor dem Hintergrund des Krieges als ein unauthentischer Ort erschien, an dem man nicht erwachsen werden konnte. Die Reifeprüfung, so dachten viele, konnte man jetzt nur da bestehen, wo der Ernstfall herrschte. Dazu mußte man Soldat werden.“ (S. 23 f.) – In der nachträglichen Reflexion sagt Wellershoff u.a., dass im modernen Krieg das Überleben keine Bewährung, sondern Zufall wie beim Lotteriespiel ist. „Und beim Lotteriespiel kann man sich nicht bewähren.“ (S. 24)

Ich habe das Buch mit zunehmendem Interesse gelesen; Wellershoff berichtet weniger von den Schrecken des Krieges als von seinen persönlichen Erfahrungen, bezieht sich auf Sekundärliteratur und reflektiert das alles in einem weiten Horizont. Den Rahmen bildet der Bericht von zwei Aufenthalten in Bad Reichenhall, wo er 1944/45 im Lazarett und 1994 zur Kur war. Am Ende zieht er ein Fazit: „Ich denke, daß ich dem Krieg, den ich ohne bleibenden Schaden überlebt habe, zwei für mich wesentliche Erfahrungen verdanke. Die eine ist der Zusammenbruch einer kollektiven Identität, die als mörderisches Wahngebilde kenntlich wurde, und das Glück, das darin lag, die weltanschauliche Obdachlosigkeit als geschenkte Freiheit zu erleben. Die zweite ist die Einsicht in die Zufälligkeit meiner Existenz. Ich weiß, daß ich nur zufällig am Leben geblieben bin und daran weder durch Geschick noch Tugend noch irgendein sonstiges Verdienst einen Anteil hatte. Das ist ein Glück, das in seinem Ursprung in unlösbarer Nachbarschaft mit dem millionenfachen gewaltsamen Sterben steht.“ (S. 316 – die Frommen sagen hier, Gott habe sie beschützt, während sie zu den Millionen Opfern nichts zu sagen haben.) Als Drittes fügt er die Fassungslosigkeit über das sechsjährige Massenschlachten und die Todesfabriken der deutschen KZs hinzu; davor steht er fassungslos, er begnügt sich damit, die geschätzten Opferzahlen zu präsentieren.

http://rezensionen.literaturwelt.de/content/buch/w/t_wellershoff_dieter_der_ernstfall_innenansichten_des_krieges_jusc_14237.html (Rezension, informativ)

http://www.gbv.de/dms/faz-rez/F19950418WELL—100.pdf (Rezension, sehr kritisch)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9184299.html (Gespräch mit D.W. anlässlich des Buchs, 1995)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/unsere-muetter-unsere-vaeter/dieter-wellershoff-sieht-fern-ich-war-der-richtige-soldat-12117635.html (Wellershoff über den Weltkrieg II)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article148371182/Jeder-von-uns-braucht-Erfahrungen-des-Scheiterns.html (Gespräch mit dem 90jährigen W.)

http://www.wdr3.de/programm/sendungen/wdr3zeichenundwunder/zeichen-und-wunder-dieter-wellershoff-106.html (dito)

http://www.whoswho.de/bio/dieter-wellershoff.html (Biografie)

http://www.wdr3.de/literatur/dieter-wellershoff-114.html (über D. W.)

http://www.spiegel.de/thema/dieter_wellershoff/ (D. Wellershoff im SPIEGEL)

http://www.zeit.de/thema/dieter-wellershoff (dito in der ZEIT)

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