Klausur zu Faust I, V. 1530-1785

von Dr. Peter Brinkemper:

Deutsch Sek. II, Q-Phase

Text: Goethe: Faust. Der Tragödie Erster Teil, Zeilen 1530-1785

Aufgabenstellung:

  1. Analysieren und interpretieren Sie die angeführte Textstelle aus dem „Studierzimmer“ als typische Situation in einem Drama. Greifen Sie dabei auf wichtige Aussagen im „Prolog im Himmel“ in „Faust“ sowie Angaben zum Pakt aus dem „Volksbuch“ zu Faust zurück.
  2. Vertiefen Sie durch die formale und inhaltliche Analyse rhetorischer Figuren die Deutung des Textes. (Gezielte eigene Schwerpunktsetzung)
  3. Achten Sie dabei auf die sprachliche und logische Präzision der Zitate, der sinngemäßen Wiedergabe und der eigenen Aussagen sowie der Verwendung von rhetorischen und dramatischen Fachbegriffen.

60 Punkte insgesamt für Analyse und Interpretation.

20 Punkte: Inhalt, Thema, Bezug zu „Prolog im Himmel“ und epischem Volksbuch (AFB I-II)

20 Punkte: Inhalt, Form, Rhetorik, Vertiefung der Deutung (AFB II-III)

20 Punkte: Sprache, Logik, Zitat, Wiedergabe, eigene Aussage, Textbezug etc.

Erwartungshorizont

  1. Analysieren und interpretieren Sie die angeführte Textstelle aus dem „Studierzimmer“ als typische Situation in einem Drama. Greifen Sie dabei auf wichtige Aussagen im „Prolog im Himmel“ in „Faust“ sowie Angaben zum Pakt aus dem „Volksbuch“ zu Faust zurück.

-Einleitung in die Klausur. Goethes „Faust I“ als Hauptwerk, Lebenswerk, Drama: Aufklärung/Sturm u. Drang/Klassik. Thema: Leben /Denken. Zweifel/Glauben. „Diesseits/Jenseits“ von Gut/Böse. Geduld/Ungeduld. Freiheit/Zwang. Teufelspakt als Hochmut/Gier im Denken u. Leben, als Rückzug in Theorie u. aus Praxis. Wahrheit u. Lüge, Überheblichkeit u. Maßlosigkeit (7 Todsü.); Liter., Relig., Mythos.

– In Goethe, „Faust“, „Prolog im Himmel“ (Fassung 1827), beschließen der Herr („christlicher“? Gott) u. Mephisto Test/Wette-1 über d. Verführbarkeit d. Menschen, resp. Faust u. seine Seele. Der Herr ist nachsichtig, er glaubt an Fausts höheres, gutes Streben; Mephisto zielt ab auf die Verführbarkeit F.s zum Niederen/Bösen. Der Herr ist sich des Gewinns d. Wette-1 sicher, Faust sei für das Gute u. Wahre zu retten. Mephisto will F. in die Hölle führen u. vorher durch d. Niederungen des Daseins („Staub“) verderben (Erlebnisse als Köder).

– Im protestantischen „Volksbuch“ (1587) schließt Faustus (Gelehrter, schwarzer Magier) einen Pakt mit d. Teufel; mit d. Ziel, von ihm als Diener in 24 Jahren Lebenszeit alles zu bekommen, was er auf „normalem“ Wege nicht erreichte, wenn Faustus ihm seine Seele für die Hölle überschreibt u. ab jetzt schon von d. Gottes-Glauben u. d. christl. Liebe (zu sich u. Mitmenschen) abschwört (aus Christentum austritt u. nur mit Teufel kommuniziert). Eine existentielle Entscheidung: in der Wahrheit oder der Lüge leben, in Gott od. mit Teufel.

Textstelle Goethes „Faust I“: StudZimmer II. Teufel besucht Faust erneut. – Er will d. frustrierten Wissenschaftler u. Magier zum Genuss ins normale Leben u. in d. Welt locken; so will er die Seele ködern, sein Alter-Ego werden, mit dem Pakt die Wette-1 gegen Gott gewinnen. – Z.1530ff.

Faust ist negativ, stark; voller Sturm u. Drang, Zweifel/Wut; zu alt für trivialen Genuss/zu jung, um wunschlos zu sein. – Z.1544ff.

– Rückblick auf verhinderten Selbstmord zwischen Denken/Leben. – Z.1572ff. Weiter Hunger nach Wissen/Macht u. Leben. – Z.1675ff.).

– Fluch auf Glaube, Liebe, Hoffnung u. Geduld (entspricht „Absage“ im „Volksbuch“, ist aber spontaner). – Z.1583ff.

– Mephisto bahnt Teufelspakt an, über d. einseitige Angebot, das Leben mit M.s Hilfe wirklich zu erleben. Einladung als Köder. – Z.1627ff.

– Verhandlung, ausweichend; dann in zweiseitiger Formel, sinngemäß: „Ich diene dir hier, du dienst mir im Jenseits.“ – so: Z.1656ff.

– F.s Gleichgültigkeit, Misstrauen gegenüber Jenseits u. qualitativen Möglichkeiten im Diesseits. F. bezweifelt Angebot.- Z.1660ff.

– Faust setzt sein rastloses, unzufriedenes Wesen in den Vorschlag ein: Teufel könne Vertragsziel früher einlösen, wenn er Wette2 (vgl. Wette-1, „Prolog“) eingeht: In dem Augenblick, in dem Faust, durch M.s Hilfe, zufrieden wäre, hätte F. verloren, endete sein Leben. – Z.1692ff.

Faust sieht in Unzufriedenheit u. Entwertung gerade Macht, Stärke, Schutz, auch vor teufl. Hinterhalt. Vgl. „Prolog i. H.“: F.s kritisches Streben verfolgt niedere und höhere Ziele, in Konkurrenz zu Meph. u. Gott. Fausts Zufriedenheit hat eigene sinnl./geistige Qualität. Mephisto übersieht das. Er verlangt formal (den alten) schriftl. Vertrag, Faust reagiert verächtlich u. wild, erst mit Ablehnung, dann mit positivem Übereifer. Er solle mit seinem Blut unterschreiben (siehe „Volksbuch“, Vertrag ca. nach alter Vorlage). – Z.1712ff.

– Erklärung von F.: plötzliche Treue zum „Bündnis“. Ihm geht es um Rausch, als paradoxe Manipulation v. Leben, Welt, Zeit. – Z.1741ff.

– Mephisto ahnt F.’s Trick, äußert Zweifel an Sinn von Leben/Welt, nur ein ferner Gott finde eine höhere Genügsamkeit daran. – Z.1776-85.

  1. Vertiefen Sie durch formale u. inhaltliche Analyse rhetorischer Figuren die Text-Deutung (eigener Schwerpunkt).

Die Ausführungen werden durch entsprechende, selbst ausgewählte Schlüsselstellen erläutert. Drama/Spiel auf mehreren Ebenen.

-Dramatische Mischung aus Monolog u. Dialog. Faust als subjektiv-lyrischer Redner über sich selbst, mit instabilem, wildem, dynamisch überlegenem Selbstverständnis, an allem kritisch zweifelnd, einen negativen Gott in sich, der nicht nach außen wirkt, unzufrieden mit Leben/Geist/Seele, dann sprunghaft für Verführungsangebot, für Pakt in Form von Wette-2. Mephisto als dialogischer Unterbrecher. F. als ‚ernsthafter Dichter’ gegen M., den ‚Komödianten’, der verführen will u. sich als Kumpel ausgibt.

-Mephistos doppeltes äußerliches Rollenspiel: Seelenhändler vor Gott. Selbstbeschreibung als edler ital. Junker vor F., der die Lebenslust verkörpert. Drängt sich als Alter-Ego auf. Faust glaubt sich stark genug, dieses Alter-Ego innerlich zu verkraften u. im Ernstfall loszuwerden.

-Fausts innerlicher Monolog-Ansatz: Figur mit vielfältiger Spaltung, Polarität, negativ-kritisch-theoretischer Lebens-/-Geist, inneres Drama. Dazu Bilder, Metaphern., Personifikationen. Epischer Rückblick: F.s Selbstmordversuch; Spionage; Leben: Ende/Neustart.

-Eindringliche Wiederholung der Unzufriedenheit u. Verachtung, mit sich, als Geist u. Lebewesen, u. der Welt, Anapher der Flüche.

-Geister-Chor (antikes Dramen-Element; ähnlich wie der Oster-Chor, doch Mephistos u. nicht Gottes Stimmen)

-M.s Appell gegen lebensfeindlichen Gram u. Sorge (Vergleich: „Geier“, Prometheus), Angebot des scheinbar lebensbejahenden Dieners.

-Vertragsverhandlungen, Erwartungen Fausts, Voraussetzungen, Hinterhalte, Missverstehen, Stimmungsumschwung, Paradoxa, Hyperbeln, Widersprüche, Vertauschen v. Ursache u. Wirkung, zeitl. Vorher u. Nachher, Mittel u. Ziel, Hohem u. Niederem.

-Verwandlung d. Vertrags in Wette-2 – hier Abweichung vom „klaren“ „Volksbuch“ – durch Fausts Stürmen u. Drängen, sein(e) Kraft, Tatendrang, Springen in der Zeit u. im Leben; sein Zersprengen u. Manipulieren der Zeit (magische Welt-u.-Zeit-Reisen). Die Wette-2 soll Faust bei Zufriedenheit schon früher dem Teufel ausliefern od. bei Unzufriedenheit auch weiter vor ihm schützen. Dynamisierung des Vertrags. Wille zur Überwindung d. Zeit. Wille zur Überlegenheit über den Teufel (scheinbar od. wirklich, von Gott gewollt?). Fausts positive Kraft od. negativer Größenwahn? Macht u. Ohnmacht d. Teufels, Hang zu Lüge, Illusion. List u. Hinterlist, auch bei Gott u. Faust.

  1. Achten Sie dabei auf die sprach. und logische Präzision der Zitate, der sinngemäßen Wiedergabe und der eigenen Aussagen sowie der Verwendung rhetorischer u. dramatischer Fachbegriffe.

– Sprache, Gliederung und Logik (der eigenen Arbeit) werden hinreichend oder in hohem Maße präzise ausformuliert.

– Das Niveau der Schriftsprache und Fachspr. wird erreicht, unter Vermeidung mündlicher Umgangsspr. (Fehler: A, W, Satz, Logik, Z, RS, Gr).

– Zitate (Sätze, Satzteile, Wörter) u. Textbezug gekennzeichnet („“, Seite, Zeile, Vers) u. nachvollziehbar sowie sinnvoll eingesetzt.

Wörtliche und indirekte/sinngemäße Wiedergabe sind angemessen auf Originaltext sowie auf die eigene Darstellung abgestimmt.

– Die eigene Darstellung wird den Möglichkeiten der Bezugstexte gerecht (Goethes „Faust I; „Volksbuch“). Sie umfasst selbstständige Gedanken, Ideen, Thesen, Ausführungen (reproduktiv, differenziert, anspruchsvoll, originell), die am Text belegt werden können und seinen „tieferen Sinn“ weiter „ausschöpfen“. Der Text wird als konkrete, anschauliche Partitur mit Zeichen und Hinweisen genutzt.

– Nacherzählung (Präteritum statt Präsens; am Text entlang Paraphrasieren oder wörtliches Abschreiben) vermeiden!

– Die eigene Darstellung wird methodisch durch plausible/fruchtbare Hypothese /Perspektive geleitet. Diese berücksichtigt und entwickelt (wenige / viele) Aspekte, Leerstellen, Andeutungen des konkreten Textes (Werk, Kontext, Intertext). Die Interpretationshypothese nutzt Hinweise d. Aufgabenstellung u. Unterricht. Erforderliches Abstraktionsniveau wird erreicht.

– Die Klausurzeit wird ausreichend genutzt durch mehrmaliges Lesen u. Bearbeiten des Textes. Sorgfältige Vorarbeit auf Notizzettel und sowie Erstellung der Klausur unter Beachtung der o.a. Aspekte. „Denken-Lesen-Schreiben“ (DLS).

Notenskala, Punkte: 1 (51-60), 2 (41-50), 3 (30-40), 4 (20-29), 5 (10-19), 6 (1-9).

Vgl. https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/ (Übersicht zu Pakt und Wette)

2 thoughts on “Klausur zu Faust I, V. 1530-1785

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