Robert Seethaler: Ein ganzes Leben (2014) – Besprechung

Erzählt wird, im Wesentlichen chronologisch, das Leben des Andreas Egger: ein hartes Leben in einem Alpendorf, zuerst als Waisenkind bei seinem Onkel, als Knecht, als Arbeiter, kurze Zeit als glücklich Liebender, als Soldat und Gefangener in Russland, zuletzt als Fremdenführer, der verwirrt im Alter von 79 Jahren stirbt.

Die Rezensionen unten geben genug vom Inhalt wieder, so dass ich versuchen kann, den Reiz des Buches zu ergründen: „Er hatte niemanden, doch er hatte alles, was er brauchte, und das war genug.“ (S. 139) Diese Sentenz – vermutlich die Stimme des Erzählers, vielleicht auch ein Gedanke Eggers – ist mir beim Lesen aufgefallen; es war die Sentenz, in der sich mir das Buch bis da hin zusammenfassen ließ. Hier hört man die Stimme der Sehnsucht nach dem einfachen Leben, welche Menschen in einer Kultur des Überflusses befällt.

Kurz vor dem Ende des Büchleins, kurz vor Eggers Tod, als er schon ziemlich verwirrt ist, zieht die gleiche Erzähler-Egger-Stimme die Bilanz seines Lebens: „Er hatte länger durchgehalten, als er selbst je für möglich gehalten hätte […]. Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut […]. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. […] Er war nie in die Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben, und der Tod machte ihm keine Angst. Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.“ (S. 146 f.) Das ist die Stimme des braven Mannes, der getrost leben und sterben und mit Martinus von Biberach sprechen kann:

„Ich bin und weiß nicht wer. Ich komm‘ und weiß nicht woher.
Ich geh‘, ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhlich bin!“ (vgl. diese Diskussion)

Das Leben des Andreas Egger ist eine Parabel zur Illustration dieser Verse, und weil sie so schön konstruiert ist, kann man daran fühlen, dass es eine Parabel ist – zur Regression in eine elementar-harte, aber letztlich heile Welt, in der auch der ärmste Wicht sein Glück finden kann, wenn er nicht gerade wie Anreas Eggers Frau Marie verunglückt; denn die Verunglückten sind leider solche, die nicht zu Protagonisten erbaulicher Bücher, sondern nur zu Randfiguren der trotzdem Glücklichen taugen.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/robert-seethaler-ein-ganzes-leben-a-981584.html (informativ, kritisch, treffend)

http://www.fr-online.de/literatur/robert-seethaler–ein-ganzes-leben–es-wird-eine-kaelte-sein,1472266,28564544.html (informativ, lobend)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/landleben-der-unheimliche-erfolg-der-provinzromane-13282021.html (klug, den Roman einordnend)

http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/roman-fuer-sadisten-1.18374783 (zurückhaltend)

http://www.deutschlandfunk.de/robert-seethaler-ein-ganzes-leben.700.de.html?dram:article_id=296260 (sehr positiv)

http://www.zeit.de/2014/41/robert-seethaler-ein-ganzes-leben (dito)

http://www.dieterwunderlich.de/Seethaler-ganzes-leben.htm (Inhalt ausführlich, Bewertung insgesamt bewundernd)

http://www.buecherrezensionen.org/buecher/rezension/robert-seethaler-ein-ganzes-leben.htm (voller Bewunderung)

http://www.versalia.de/Rezension.Seethaler_Robert.2137.html (positiv)

http://schreibakademie.com/2014/09/ein-ganzes-leben-von-robert-seethaler/ (dito)

http://literatourismus.net/2014/07/robert-seethaler-ein-ganzes-leben/ (dito)

https://www.perlentaucher.de/buch/robert-seethaler/ein-ganzes-leben.html (Übersicht über die Rezensionen, die insgesamt zu positiv sind, finde ich)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ein-ganzes-leben-von-robert-seethaler-das-soll-ich-lesen-a-1040030.html (zum Bucherfolg: kritisch, treffend)

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