Wellershoff: Der Himmel ist kein Ort (2009) – Besprechung

Ralf Henrichsen, ein junger evangelischer Dorfpfarrer, ist die Hauptfigur des Romans. Er wird als Notfallseelsorger mit einem Unfall konfrontiert: Ein Lehrer, Herr Karbe, hat sein Auto in einen See gefahren; dabei ist seine Frau umgekommen, sein Sohn überlebt hirngeschädigt, Karbe hat sich gerettet. In der Gemeinde gilt er als Mörder, weil sein Ehe sehr schwierig war: Er hat seine Frau unterdrückt, sie ist fremdgegangen. Pastor Henrichsen kämpft für die Unschuldsvermutung bis zum Erweis des Gegenteils und mahnt als Pfarrer mit Mt 7,1: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Damit erreicht er seine Gemeinde aber nicht – eine seine Schwierigkeiten. Eine andere besteht darin, dass seine Freundin Claudia ihn verlassen hat und er das Pfarrhaus nicht in Ordnung bekommt. Auch die von ihm angedachte „Jugendarbeit“ in der Gemeinde kommt nicht voran – und sein christlicher Glaube scheint ihm abhanden gekommen zu sein, beten kann er jedenfalls nicht mehr. „Er war ein Angestellter einer der größten menschlichen Phantasieleistungen: der Vorstellung einer Auferstehung von den Toten.“ (S. 80) Er führt eine Fassadenexistenz: Sein Amt ist die Fassade seiner persönlichen Schwäche und seines Nicht-glauben-Könnens, die Amtshandlungen sind die Fassade vor der Nicht-Existenz einer gläubigen Gemeinde.

Sein Studienkollege Patrick bewältigt solche Probleme, indem er moderne theologische Traktate schreibt und eine Tagung organisiert; der Besuch bei seinem offensichtlich glücklich verheirateten Freund Rainer Wittek zeigt ihm, was ihm zu fehlen scheint. Jedenfalls hat er bei einer Hochzeitsfeier eine ältere Frau gesehen und mit ihr Blicke getauscht – Luzia Suarez, eine Argentinierin, hat ihn als einen Leidensgefährten erkannt, hat ihm danach geschrieben und von ihm die Erfüllung ihrer Leere erhofft.

Superintendent Dr. Pauly besucht ihn, spricht verständnisvoll über den Verlust des Glaubens und seine problematische Gemeindesituation und verordnet ihm eine Auszeit von einigen Wochen. Die nutzt er, um zu der von Pauly und Patrick organisierten Tagung zu fahren, wo ihn geistreiche Analysen der religiösen Situation erwarten, aber keine Antworten auf seine Fragen. Er bricht vorzeitig nach Hamburg auf, um Frau Suarez zu treffen.

Er überrascht sie, da er nicht angemeldet war, und die Begegnung verläuft zwischen Nähe und Distanz – ein Liebesversuch, der scheitert, weil zwei Schwankende einander nicht halten können und sich gegenseitig überfordern. „Es kam ihm so vor, als wäre er in eine Falle geraten, eine aus fremden und eigenen Sehnsüchten zusammengesetzte Falle.“ (S. 288) Er bricht heimlich auf und hinterlässt nur eine Notiz auf einem Zettel. Zu Hause begräbt er Karbe, der sich getötet hat, und taucht wieder in die Routine der Amtsgeschäfte ein. Patrick und Pauly machen Karriere, sie profitieren von der Tagung über ungelöste kirchliche Probleme; Frau Suarez ist nach Argentinien zurückgefahren. Christoph, den er bei der Tagung kennengelernt hat, besucht ihn und bittet ihn darum, ihn mit seiner neuen Freundin Helga zu trauen – er hat sie auf der Tagung kennengelernt; nach einigem Zögern sagt Henrichsen zu.

„Der Himmel ist kein Ort“, das war eine Zeile aus einem Lied, das eine Band auf der Tagung vorgetragen hatte: Heaven ist not a place. It’s a feeling (S. 238 ff.). Für Christoph ist das in seiner neuen Liebe wahrgeworden, für Ralf bleibt der Himmel an einem schönen Herbsttag „strahlend blau“ (S. 300).

„Selbstvertrauen fördert Vertrauen und Vertrauen fördert Selbstvertrauen.“ (S. 40) – das war der Gedanke von Ralfs Predigt zu einer Hochzeit: „Theologen sind noch größere Formulierungskünstler als Juristen“, hat ein Jurist diesen Satz kommentiert. Der Kommentar trifft den Kern von Ralfs Problemen: Er ist in einer Krise, weder sein ehemaliger Glaube noch der Liebesversuch können ihm Selbstvertrauen vermitteln; die Theologen, die schöne Worte drechseln, machen Karriere, während Henrichsen einmal im Gottesdienst beim Glaubensbekenntnis die Stimme versagt „wie jemand, der sich bei einem falschen Geständnis ertappt glaubt“ (S. 190).

Der Roman führt konsequent von der Krise des Pfarrers zur Tagung und zur Begegnung mit der sehnsüchtigen, werbenden Frau – beide Veranstaltungen enden mit einer Enttäuschung; es geht zurück in den Alltag. Ich habe das Buch mit großer Anteilnahme an Pastor Henrichsens Problemen gelesen; Wellershoff kennt sich gut in Pfarrerseelen und –nöten aus. Er zeigt, wie hohl die theologischen Phrasen und Turnübungen sind; er zeigt aber auch, wie problematisch die Ehen sind, deren Teilnehmer man im Roman kennenlernt. Nur für Christoph steht der Himmel der Liebe offen – vor seiner Ehe. Das Ende ist offen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/dieter-wellershoff-der-himmel-ist-kein-ort-der-pfarrer-und-das-liebe-vieh-1873705.html (voller Lob)

http://www.nachdenkseiten.de/?p=5047 (sehr positiv, betont die theologischen Aspekte)

http://www.handelsblatt.com/panorama/kultur-kunstmarkt/kurzrezension-d-wellershoff-der-himmel-ist-kein-ort/3286202.html (knapp, treffend)

http://www.deutschlandfunk.de/wenn-der-glauben-weicht.700.de.html?dram:article_id=84300 (sehr positiv)

http://www.abendblatt.de/kultur-live/article107606054/Die-Lebenskrise-eines-Landpfarrers.html (dito)

http://www.derwesten.de/kultur/dieter-wellershoff-ueber-religion-als-ein-konsumangebot-id22881.html (Gespräch mit Wellershoff über den Roman)

http://www.literaturcafe.de/tag/der-himmel-ist-kein-ort/ (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=6NXcSofbYZY (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=7X9kn551pBA (Interview mit D. W.)

http://www.literaturport.de/Dieter.Wellershoff/ (Biografie D. W.)

https://www.youtube.com/watch?v=SuPk66sHDws (1. Frankfurter Poetikvorlesung)

https://www.youtube.com/watch?v=ceUN-cfOoQw (2. Vorlesung)

https://www.youtube.com/watch?v=usGuDaOl32A (3. Vorlesung)

https://www.youtube.com/watch?v=kNTsivBows8 (4. Vorlesung)

https://www.youtube.com/watch?v=BQ-2i068c6c (5. Vorlesung)

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