Kadaré: Der General der toten Armee (1963) – Besprechung

Erzählt wird, wie ein General an einer für ihn zunächst großen Aufgabe scheitert: Er soll die in Albanien gefallenen Soldaten seines Landes exhumieren und die Gebeine in die Heimat zurückführen. Das Geschehen spielt zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg; es muss sich um einen italienischen General handeln, da die Invasion im Frühjahr 1939 stattgefunden hatte: „Albanien versank von 1919 bis 1924 in Nachkriegswirren mit sich schnell ablösenden Regierungen. 1920 konnte der Kongress von Lushnja erste Ansätze einer neuen Staatsorganisation schaffen. Unter Fan Noli scheiterte der Versuch, eine demokratische Republik zu errichten. 1925–1939 folgte eine Phase der autoritären Herrschaft des Ahmet Zogu, der sich 1928 zum König proklamierte. Albanien wurde zunehmend abhängig vom faschistischen Italien, was 1939 in der Annexion des Landes durch Italien gipfelte. Während des Zweiten Weltkriegs war Albanien bis 1944 von den Achsenmächten besetzt. / Bis 1944 führten Albaner einen Partisanenkrieg gegen die italienischen und später deutschen Besatzer. Diese hatten dem albanischen Marionettenstaat auch Teile Kosovos, Mazedoniens und des griechischen Epirus angeschlossen. 1944 wurde Albanien von der faschistischen Fremdherrschaft befreit. Enver Hoxha, der Führer der kommunistischen Partei, errichtete eine Diktatur. Die Vorkriegsgrenzen wurden wiederhergestellt.“ (Art. „Albanien“ in Wikipedia)

Der General wird von einem Priester begleitet; mit einem albanischen Spezialisten und mehreren Arbeitern bilden sie ein Team und graben zwei Jahre lang an den sorgfältig aufgezeichneten Stellen die Knochen aus, identifizieren sie und stecken sie in Nylonsäcke. Diese surreale Aktion wird dadurch gesteigert, dass ein Generalleutnant aus einem anderen Land ebenfalls ehemalige Soldaten sucht, aber nicht über geordnetes Kartenmaterial verfügt, was gelegentlich zu Konfusion führt (falsche Knochen mitgenommen).

Das Grabungsunternehmen hat für den General großartig begonnen: „Er war von seiner Mission ganz durchdrungen. Er würde diese schwierige, heilige Mission aufs beste erfüllen. Tausende Mütter warteten auf ihre Söhne. […] Er war wie ein neuer Heiland erschienen, ausgerüstet mit Landkarten, Listen und unfehlbaren Notizen. Andere Generale hatten diese endlosen Kolonnen von Soldaten von Niederlage zu Niederlage und in die endgültige Vernichtung geführt, er dagegen war gekommen, um das, was von ihnen übriggeblieben war, dem Vergessen und dem Tod zu entreißen.“ (S. 10 f., Ausgabe dtv 11306) Dieses große Unternehmen wird zwar zu Ende geführt, aber der General ist am Ende völlig heruntergekommen und verschlampt seine Unterlagen. Dazu tragen einmal Episoden bei, die in Form von Soldatentagebüchern den Krieg, das Leben und den Tod von Deserteuren zeigen, sodann die Begegnungen mit dem Land Albanien und seinen Bewohnern, welche im Widerstand gegen die Italiener gekämpft hatten, vielleicht auch der Irrsinn des Unternehmens selbst. Wie spinnert das Vorhaben ist, zeigt sich im 13. Kapitel: Der General spielt nicht nur Schlachten der Vergangenheit nach (und gewinnt sie natürlich), sondern stellt sich auch vor, dass er der Befehlshaber der von ihm Ausgegrabenen wäre und sie siegreich durchs Feindesland führte…

Die Diskrepanz zwischen dem Bild von den Helden und der Realität im Krieg wird am Beispiel von Oberst Z. am deutlichsten: Er war ein Lump, der grausam im Land gewütet hat, dessen Mutter und schöne Ehefrau aber sehnsüchtig auf seine Gebeine warten; man kann sein Grab nicht finden, aber eine alte Bäuerin wirft dem General die Knochen in einem Sack bei einer Hochzeitsfeier vor die Füße – sie hatte den Oberst Z. getötet, weil er ihren Mann ermordet und ihre 14jährige Tochter geschändet hat. Der zunehmend deprimierte General tritt den Sack mit den Knochen dann in einen Fluss und überlegt später, wie er „Ersatz“ für die verlorenen Knochen bekommen kann, weil Familie Z. sich schon auf den toten „Helden“ freut; der General erwägt u.a., einen von Z. ermordeten Deserteur (ebenfalls 1,82 groß) statt der verlorenen Knochen abzuliefern… Den Priester verdächtigt er die ganze Zeit, mit der schönen Witwe des Obersten ein Techtelmechtel gehabt zu haben.

Fazit: ein Buch von Albanien und Albanienklischees, vom Krieg und den skurrilen Auswüchsen der Heldenverehrung, von einem taktlosen General, der seine Depression im Alkohol ertränkt und als ein geschlagener Mann nach Hause fährt, obwohl oder weil er so viele Soldaten hat ausgraben lassen und auftragsgemäß und diplomatisch abgesichert wieder zurückbringt.

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/ismail-kadares-neu-uebersetzter-roman–der-general-der-toten-armee–ist-mehr-als-albanische-nationaldichtung-der-hamlet-vom-balkan,10810590,10221966.html (Rezension)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/dergeneral-r.htm (Rezensionen)

http://www.joachim-roehm.de/general_rez.pdf (dito, Auszüge)

http://www.lyrikwelt.de/gedichte/kadareg1.htm (Text des 1. Kapitels)

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