Amos Oz: Judas (2014) – Besprechung

Schmuel Asch, der wenig heldenhafte Held des Romans, ein Träumer, 25 Jahre alt, gerät in eine Krise, als seine Freundin Jardena ihn verlässt, um ihren früheren Geliebten zu heiraten. Er gibt sein Studium auf und zieht für vier Monate zu einem Mann, dem er als Gesellschafter und für leichte Besorgungen fünf bis sechs Stunden am Tag dient. Im gleichen Haus am Rand von Jerusalem wohnt noch dessen verwitwete Schwiegertochter Atalja, 20 Jahre älter als Schmuel.

So weit, so gut – was passiert in dieser Zeit? Einmal berichtet Schmuel Herrn Wald von seinen Studien: Jesus in der Sicht der Juden, und zwar durch die ganze Geschichte; als Jesu Begleitfigur erscheint Judas in einem neuen Licht: der einzige Christ-Gläubige, der Jesus gedrängt hat, sich in Jerusalem kreuzigen zu lassen, um dann machtvoll sich als Gottessohn zu offenbaren. – Kapitel 47 fällt aus dem Rahmen der chronologischen Erzählung: Unvermittelt wird die Szene erzählt, wie Jesus am Kreuz hängt und was Judas dabei denkt (teilweise Er-, teilweise Ich-Perspektive), bis er sich schließlich wegen seiner enttäuschten Glaubenshoffnung erhängt.

Über Judas, der in christlicher Sicht als „Verräter“ stellvertretend für die Juden insgesamt stehe, ist ein zweites Thema mit dem ersten verbunden: die Lage und die Politik des Staates Israel, der die Araber verdrängt hat und in Feindschaft zu ihnen lebt. Für dieses Thema steht Ataljas verstorbener Vater, der sich für ein freundschaftliches Verhältnis zu den Arabern und gegen die Staatsgründung 1948 ausgesprochen hatte und deshalb von den Juden ausgeschlossen worden war. Seine Utopie eines menschlichen Lebens ohne Staaten kontrastiert zur realen politischen Lage 1959/60; in sein leer stehendes Zimmer wird Schmuel einquartiert, als er gefallen und sein Bein eingegipst war.

Das dritte Thema ist die Liebe Schmuels zu Atalja, die diese ein bisschen erwidert, obwohl sie ihn eigentlich auf Distanz hält und Schmuel selbst ziemlich unbeholfen ist: Zweimal schläft sie mit ihm in den vier Monaten seines Aufenthalts, einmal nur ganz kurz und einmal intensiv und erfüllt.

Eigentlich geschieht nicht viel außerhalb der Gespräche und einiger Spaziergänge durch Jerusalem; monoton wird wiederholt, wie Schmuel sich und seinen Bart mit Kinderpuder bestäubt oder wie Atalja nach Veilchen duftet, welche Butterbrote er macht und was sie gerade trägt.

Vor allem wird mir nicht klar, wieso durch diese Gespräche und Nichtereignisse Schmuel seine Krise überwindet. Denn dies signalisiert der Erzähler im letzten Kapitel überdeutlich; Schmuel ist es, „als sei er endlich aus einem viel zu langen Schlaf erwacht“ (S. 327), als wäre er aus einer Einzelhaft „jetzt freigelassen worden“ (S. 328). Dem entspricht der Frühling als Zeit des Aufbruchs, ein Topos mindestens seit Eichendorff; Schmuel hat das Gefühl, man habe auf ihn in den neuen Siedlungen in der Wüste gewartet (S. 330): „Alles gefiel ihm, und alles machte ihn froh.“ Aber wodurch diese Änderung hervorgerufen wurde, das erschließt sich mir nicht – es kann ja nicht der eine erfüllte Beischlaf (S. 302) sein, der ihn total verändert hätte (vgl. Ataljas Wort zum Abschied, er habe den ganzen Winter mit verbundenen Augen gelebt, S. 321 – vom Öffnen spricht sie nicht, vgl. noch deutlicher S. 318 f.).

Als ein Beispiel für die Langatmigkeit des Erzählers, der auch vor Überflüssigem nicht zurückschrickt, möchte ich Schmuels Begegnung mit der Katze erwähnen (S. 213-215); da wird in den nächtlichen Spaziergang eine Episode eingeschoben, die genauso gut fehlen könnte – keiner würde sie vermissen. Ich verstehe nicht, wieso dieses Buch ein „Bestseller“ (deutsch 2015) ist.

https://www.perlentaucher.de/buch/amos-oz/judas.html (Übersicht über die wichtigsten Rezensionen, alle positiv)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/amos-oz-neuer-roman-judas-ueber-verrat-in-israel-a-1021314.html (voller Lob)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/judas-von-amos-oz-soll-ich-das-lesen-a-1028878.html (Leseempfehlung)

http://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Amos-Oz-Judas-,judas102.html (vorsichtig lobend, eher informativ)

http://www.fr-online.de/literatur/amos-oz–judas–amos-oz-und-die-ehre-des-verrats,1472266,30054504.html (voller Lob)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article138376079/Ich-bin-Mitglied-im-Club-der-Verraeter.html (Interview mit der WELT)

http://www.zeit.de/2015/11/amos-oz-schriftsteller-israel (Interview mit Iris Radisch)

„Eine große politische Erzählung also, ein Nachdenken über Religion, über Moral, über Verantwortung und Verrat, und doch auch eine Liebesgeschichte voller Geheimnis und Licht: Ein Roman somit, der alle Höhen und Tiefen menschlichen Lebens und Glaubens und Liebens auslotet.“ (so das Fazit der Besprechung http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/amos-oz-judas100.html) – Ich stelle fest: Alle Besprechungen loben die behandelten Themen, aber in keiner wird erklärt, wieso Schmuel seine Krise überwindet. Jesus als jüdischer Reformer (Schalom Ben-Chorin: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht, 1967, und bereits Joseph Klausner 1934) oder die Idee, dass Araber und Israelis sich vertragen sollen, das ist auch nicht originell, wenn auch sicher bedenkenswert. Und über Verrat bin ich durch Nietzsche aufgeklärt (Menschliches Allzumenschliches I 629).

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s