Wellershoff: Blick auf einen fernen Berg (1991) – Besprechung

Der „Blick auf einen fernen Berg“ richtet sich auf den Monte St. Victoire, den Cézanne oft gemalt hat – hier ist das Bild von 1898 gemeint, der Berg von Bibemus aus gesehen:

http://poulwebb.blogspot.de/2014/02/paul-cezanne-part-12.html oder

https://www.ibiblio.org/wm/paint/auth/cezanne/st-victoire/vue-bibemus/vue-bibemus.jpg

Über dieses Bild hat Dieter Wellershoff 1989 im ZEIT-Magazin eine Deutung geschrieben, und zwar unter dem Eindruck, dass sein Bruder im Sterben lag. So hat sich ihm das Bild in einer neuen Tiefe erschlossen: „Der Berg in seiner unbestimmten Entfernung und unabweisbaren Mächtigkeit war das Bild des vorausschwebenden, manchmal nahegerückten und sich wieder entziehenden Lebenstraums, dessen noch verhülltes Geheimnis der Tod ist.“ (S. 183) Der Berg selbst sei „ein unerschlossenes Geheimnis, das letzte unerreichte Erreichbare, das zu uns herüber droht und ruft. Man müßte sich auf den Weg machen durch die steinige Schlucht und zwischen den hochgetürmten Felsen hindurch […]. Aber der schmale Durchschlupf zwischen den Felsen des Mittelgrundes erscheint wie der verbotene Eingang in eine unzugängliche andere Welt.“ (S. 181 f.)

Von Dezember 1988 bis Mai 1989 hat Wellershoff die Leukämiebehandlung und das Sterben seines Bruders miterlebt, hat über dessen Leben und ihr schwieriges Verhältnis zueinander nachgedacht, hat seine eigene Ambivalenz (Mitleiden und Freude, nicht der Sterbende zu sein) angesichts des Sterbens des anderen reflektiert – ein eindrucksvolles Buch.

Wellershoff beginnt mit der Todesnachricht und dem Bericht von der Beerdigung in Wien, erzählt dann mehr oder weniger streng chronologisch die Geschichte der Behandlung des Todkranken und schließt mit einer kurzen Betrachtung über „Die Zeit danach“. Diese Ordnung bringt es mit sich sich, dass gelegentlich Einzelheiten wiederholt werden. Öfter gesteht er, dass er einige Einzelheiten nicht mehr so genau weiß – ein Jahr nach dem Tod ist das kein Wunder; deshalb frage ich mich, ob er sich so genau an die Gedanken erinnert, die er sich zu den Ereignissen damals gemacht hat. Aber vielleicht ist das auch nicht wesentlich – selbst in der Rückschau kann man zu derart intensiv Erlebtem Vernünftiges denken.

Sein Bruder Walter ist also schwer gestorben, er war ein Kämpfertyp. Als entscheidende Veränderung bezeichnet Wellershoff das Desinteresse, das sein Bruder einige Tage vor dem Tod allen Vorgängen gegenüber zeigte: Er „begann die Außenpositionen zu räumen und zog sich in sich selbst zurück. Das war der Beginn des Sterbens – ein unaufhaltsames Schwinden und Schrumpfen. Die Welt, die von unseren Interessen, Wünschen und Hoffnungen beleuchtet wird, erlosch.“ (S. 193) Wellershoff kommentiert dies gegenüber seiner Frau: „Er läßt los.“ Er zitiert dazu aus einem Aufsatz Herbert Plügges, den man auch im Netz finden kann: „Diese Kranken verlassen ganz allmählich gleitend ihre alte Welt, so daß es für sie sinnlos wird, nach ihr zu fragen.“ (S. 194) Aus dieser Verwandlung ihrer Welt, nach der sie nicht mehr fragen und für die sie nicht mehr sorgen müssen, ergibt sich auch eine Verwandlung ihres Körpers: Er wird still, er sucht keinen Kontakt mehr (so H. Plügge).

Was hier als „Loslassen“ umschrieben wird (vgl. S. 138 und S. 153), war bei seinem Bruder Walter nicht ein einfach erreichtes Ziel oder gar eine bewusste Handlung, sondern ein Prozess des Niedergangs und wurde immer wieder, und zwar bis zum Schluss, von Phasen des Aufbäumens und der Selbstbehauptung unterbrochen – dies nur als Randbemerkung zu allen Theorien von der schönen Stufenfolge der Phasen des Sterbens.

http://www.zeit.de/1991/42/abschied-vom-bruder

http://forum.die-leselust.de/viewtopic.php?p=29980

http://www.lettern.de/rewell.htm

http://www.deutschlandfunk.de/schriftsteller-dieter-wellershoff-das-leben-bekommt-sogar.700.de.html?dram:article_id=335771 (Interview mit H. Steinert)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article148371182/Jeder-von-uns-braucht-Erfahrungen-des-Scheiterns.html (Interview DIE WELT)

http://www.nrw-literatur-im-netz.de/datenbank/autoren/139-wellershoff-dieter.html (Porträt D. W.)

http://www.literaturport.de/Dieter.Wellershoff/ (dito)

http://www.pflegewiki.de/wiki/Die_f%C3%BCnf_Sterbephasen_nach_K%C3%BCbler-Ross (fünf Sterbephasen, nach Kübler-Ross)

6 thoughts on “Wellershoff: Blick auf einen fernen Berg (1991) – Besprechung

  1. Das ist auch ein nützlicher Informations- und Denkeinstieg zum multikausal verlangsamten, dezentralisierten Töten mit schwach bis nicht organisierter, aber gewollter kollektiver Verantwortungslosigkeit.
    Oft mit Unterstellungen beschönigt wie sozialverträgliches Ableben, fand Frieden mit sich und der Welt, die Zustände, das Schicksal, …

    Nebenbei: Der Gefällt-mir-Knopf funktioniert [hier | bei mir | heute] nicht [mehr]. Wie so vieles.

  2. Herr Neitzke, Ihr Vorschlag ehrt mich, aber das Niveau bei Hypotheses.org liegt doch zwei Stufen über dem meiner Beiträge; ich müsste sie dafür intensiver ausarbeiten und dürfte nicht so oft nachträglich korrigieren und ergänzen, wie ich das jetzt tue. Auch dürfte ich es nicht mehr beim halben Lesen von Büchern (wie jetzt Oz: Der dritte Zustand) belassen.
    Außerdem hat norberto42 einen Namen, auch das lässt mich derzeit vor jedem Umzug zurückscheuen; und es steckt viel Arbeit in dem Blog.

    • »Norberto42«
      Herr Tholen, das ist mit Abstand das wichtigste Argument, weil Ihre Versionierungen (Ziffern) schnell vergessen werden, aber nicht diese einprägsame Namensverdichtung.

      »Stufen über dem meiner Beiträge«
      Vielleicht teilweise ordnungs- und gestaltungstechnisch, aber geistig ist das für mich nicht erkennbar (weil dafür meine Bildungslücken zu groß sind). Ich wünsche allen einen friedlichen Advent!

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