Die Katze, der Hahn und die Leiter

In einem Häuschen am Ufer des Meeres lebte ein armer Fischer mit seinen drei Söhnen. Die hießen Hans, Peter und Andreas, und sie halfen ihrem Vater schon als kleine Jungen beim Fischen. Sie hatten eine Katze, die fing die Mäuse; und es gab auch einen Hahn, der sie jeden Morgen mit seinem Krähen weckte. Am Häuschen lehnte eine lange Leiter. Wenn ein Loch im Dach war – und das kam oft vor – dann konnte man hochklettern und das Dach reparieren. Sonst besaßen sie nichts. Aber sie hatten genug zu essen und waren zufrieden.

Als die drei Söhne (wisst ihr noch, wie sie heißen?) herangewachsen waren, bekamen sie Lust, in der weiten Welt ihr Glück zu suchen. „Vater“, sagten sie, „wir möchten in die weite Welt gehen und unser Glück suchen. Was kannst Du uns mitgeben für unseren Weg?“ „Meine lieben Söhne“, antwortete er, „wir besitzen nichts außer der Katze, dem Hahn und der Leiter. Nehmt also diese drei Dinge mit für unterwegs; sucht euch selber aus, wer davon was bekommen soll.“ Hans nahm die Katze, denn er hatte sich an ihr weiches Fell gewöhnt. Peter nahm sich den Hahn, denn ihm gefielen die bunten Federn und seine kräftige Stimme besonders. So blieb für Andreas die Leiter übrig. Am nächsten Morgen gingen die drei los. Hans ging mit seiner Katze am Meer entlang in die eine Richtung, Peter in die andere und Andreas nahm den Weg ins Landesinnere.

Hans ging einige Woche lang und ernährte sich unterwegs von Muscheln. Eines Tages sah er auf einem Hügel eine Windmühle. Er dachte: „Dort gibt’s bestimmt Mehl und auch Brot.“ Er stieg den Hügel hinauf und trat in die Mühle. Da wimmelte es von Mäusen; die nagten alle Mehlsäcke an, die auf dem Boden standen. Vier Männer mit langen Stöcken in der Hand rannten herum und versuchten, die Mäuse zu vertreiben. Aber sie schafften es nicht.
„Was macht ihr denn da?“, rief Hans. Einer entgegnete: „Ja, siehst du nicht, dass die Mäuse all unser Mehl fressen, wenn wir nicht aufpassen?“ Hans schüttelte den Kopf: „Da kenne ich jemanden, der es allein besser schafft als ihr alle zusammen – dieses kleine Tier hier auf meiner Schulter.“ „So ein Tier kennen wir gar nicht“, sagten sie. „Was kann es denn?“ Hans ließ die Katze von seiner Schulter auf den Boden springen, und als die Mäuse merkten, was die Katze konnte, huschten sie schnell in ihre Löcher und ließen die Mehlsäcke in Ruhe. Die Männer staunten nicht schlecht, sie wollten unbedingt die Katze kaufen und boten Hans einen Beutel Goldstücke dafür. Die Katze war’s zufrieden und Hans auch. Er nahm das Gold und kehrte zurück nach Hause.

Wie aber erging es dem mit dem Hahn, wisst ihr noch, wie der heißt? Nun, Peter ging ebenfalls am Meer entlang, aber in die andere Richtung. Auch er schlief nachts am Strand, und sobald der neue Tag anbrach, weckte ihn sein Hahn. Nach vielen Tagen kam er an einen großen Bauernhof und bat darum, in der Scheune schlafen zu dürfen. Die Bauersleute erlaubten es ihm und holten ihn sogar zum Essen in die Stube. „Ach, du hast es gut“, seufzte der Bauer, „du kannst schön schlafen im Heu – ich muss gleich nach dem Essen raus mit der Schubkarre!“ Peter staunte: „Raus mit der Schubkarre? Wieso?“ „Ja, weißt du das denn nicht?“, sprach der Bauer. „Man muss doch jede Nacht den neuen Tag suchen und ihn dann in der Schubkarre holen! Sonst bleibt es dunkel, und das Korn kann nicht wachsen ohne die Sonne, und die Kartoffeln auch nicht.“ Peter lächelte: „Da hast du aber Glück, dass ich hier vorbeigekommen bin! Ich hab’ nämlich ein Tierchen dabei, das schafft diese Arbeit ganz alleine! Heute Nacht brauchst du nicht wegzugehen, mein Hahn wird euch rechtzeitig den neuen Tag bringen.“ Der Bauer ließ sich den Hahn zeigen – er hatte noch nie einen gesehen – und wollte es nicht glauben. Aber er ließ es doch auf einen Versuch ankommen.
Als der Hahn beim Morgengrauen krähte, hörten das alle auf dem Hof. „Er hat den Tag gebracht!“, rief Pierre laut in der Scheune. Tatsächlich, am Himmel sah man bereits das Morgenrot! Unbedingt wollte der Bauer zusammen mit den Nachbarn das Tier kaufen, denn alle sehnten sich schon lange nach Schlaf und Ruhe in der Nacht. Als sie Peter drei Beutel Gold boten, war der’s zufrieden – und der Hahn auch. Peter machte sich auf und ging zurück nach Hause, denn auch er hatte nun sein Glück gemacht.

Und wie erging es dem mit der Leiter, wie hieß der doch gleich? Andreas wanderte über die Hügel und durch die Wälder des Landes, immer die Leiter auf der Schulter, bis er schließlich an einen Turm kam. Der stand mitten auf einer Wiese, und ein hübsches Mädchen schaute oben aus dem Fenster heraus und lächelte ihn an – eine Prinzessin, das sah Andreas sofort. „Verehrte Prinzessin, wenn Ihr mich zum Essen einladen würdet“, sagte er, „dann würde ich nicht nein sagen und zu Euch hochkommen.“ „Gerne würde ich Euch einladen“, antwortete sie, „aber Ihr könnt nicht hoch. Mein Vater hat mich hier eingesperrt, und er allein besitzt den Schlüssel für die Türe unten. Ich soll hier bleiben, bis er mir einen Prinzen zum Heiraten ausgesucht hat. Aber ich mag gar nicht hier bleiben, und irgendeinen Prinzen, den ich nicht kenne, mag ich auch nicht – ich glaube, Euch würde ich schon mögen – vielleicht sogar sehr – aber die Türe unten ist ja verschlossen. Es geht also nicht.“
Dann blickte sie auf die Leiter und fragte: „Was ist denn das für ein Ding, das Ihr da auf der Schulter tragt? So etwas habe ich ja noch nie gesehen. Hängt man daran die Wäsche auf?“ „Ich zeig’ Euch, was man damit macht“, sagte Andreas. Er lehnte die Leiter an den Turm, kletterte hinauf und holte die Prinzessin herunter. Aus der Schatzkammer nahmen sie auch noch fünf Beutel Gold mit. Dann ging er zusammen mit der Prinzessin nach Hause.

Zu Hause teilten die drei Brüder das Gold untereinander und mit dem Vater. Andreas heiratete die Prinzessin, Peter und Hans fanden im Dorf nette Mädchen, und von dem vielen Geld bauten sie alle zusammen ein Schlösschen am Meer, worin sie heute noch wohnen.

(Frei bearbeitet nach einem bretonischen Volksmärchen von Michael Nagel, http://www.stories.uni-bremen.de/maerchen/katze.html, noch einmal von mir überarbeitet)

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