Traven: Das Totenschiff (1926) – Besprechung

Der Ich-Erzähler Gales, ein amerikanischer Seemann, erzählt, wie er in Amsterdam sein Schiff verpasst und dann als Mensch ohne Papiere zwischen den Staaten hin- und hergeschoben wird, bis man ihn in Spanien herzlich aufnimmt und er wider Willen auf dem miesen Schiff „Yorikke“ betrügerisch angeheuert wird – die ist ein Totenschiff, also dafür bestimmt, im Rahmen eines Versicherungsbetrugs unterzugehen (Erstes Buch). Im Zweiten Buch wird das harte Leben auf der „Yorikke“ beschrieben, wo der Ich-Erzähler sich mit Stanislaw anfreundet und sich innerhalb von vier Monaten an das beschissene Leben als Heizer gewöhnt. Bei einem Landgang – von der „Yorikke“ abzuheuern oder zu fliehen ist unmöglich – wird er vor der englischen „Empress of Madagascar“ gewarnt. Im kurzen Dritten Buch wird dann erzählt, wie er zusammengeschlagen und auf die „Empress of Madagascar“ verschleppt wird; dieses Schiff, tiptop in Ordnung, aber zu langsam, um profitabel zu sein, wird nach wenigen Tagen auf ein Riff gesetzt; er kann sich mit Stanislaw retten, während die Rettungsboote im Sturm untergehen. Nach einigen Tagen phantasieren die beiden; Stanislaw sieht die „Yorikke“ und springt ins Meer – was aus dem Ich wird, bleibt offen.

Der Reiz des Buches liegt im Witz, mit zuerst die Schikanen gegen die Staatenlosen, dann die ironische Offenheit, mit der die unmenschlichen Lebensbedingungen der Arbeiter, speziell der Heizer auf Schiffen erzählt werden, und in der Perspektive des Ich-Erzählers: eines kleinen Mannes aus der untersten Unterschicht, skeptisch gegen alle Bürokratie und die Freiheitsversprechen der Staaten; er durchschaut die Sprüche der Saturierten, für deren Gewinne die Kleinen bluten müssen. – Die letzten zehn Kapitel des Zweiten Buches (etwa Kap. 34-43) ziehen sich allerdings in die Länge; sie könnten fehlen, ohne dass man sie vermisste.

Die Erzählsituation ist unklar, woran man sich während des Lesens allerdings nicht stört: Zunächst spricht das Ich seinen Hörer als „Herr“ an („Sehen Sie, Herr…“, Kap. 1), was er öfter durch „Yes, Sir“ u.ä. bekräftigt. In Kap. 21 verwendet er als Anrede einmal „meine Herren!“. Klar ist, dass der Erzähler in der Rückschau berichtet (Präteritum); es gibt auch ein vom Zeitpunkt des Geschehens unterschiedenes Heute des Erzählens („Ich trug in mir die feste Überzeugung, und diese Überzeugung habe ich heute noch…“, Kap. 24), es gibt aber auch ein scheinbares Jetzt des erzählten Geschehens („Warum springe ich jetzt nicht?“, Kap. 29), was aber dramatisierend im Praesens historicum gebraucht sein könnte. Jedenfalls ist die Erzählsituation nicht klar, auch deshalb, weil es nach dem offenen Ende (der Erzähler treibt allein auf dem Meer und müsste untergehen, Kap. 48) kein Heute des Erzählens geben kann.

Fazit: ein lesenswerter, eher sozial- und staatskritischer als Abenteuerroman aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, bedeutsam wegen der Perspektive und Erzählhaltung des Außenseiters Gales.

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Totenschiff

http://buchbesprechung.blog.de/2012/09/05/totenschiff-14675034/ (mit vielen Zitaten)

http://www.netzine.de/b-traven-das-totenschiff/

http://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/klassiker/das-totenschiff/6010/

http://litterae-artesque.blogspot.de/2014/02/b-traven-das-totenschiff.html

http://www.literaturschock.de/literaturforum/index.php?topic=21078.0

https://www.youtube.com/watch?v=zR-bYlmnH08 (Kap. 1 vorgelesen)

http://www.lyrikwelt.de/gedichte/traveng1.htm (Leseprobe)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42626085.html (Probleme der Verfilmung 1959)

https://de.wikipedia.org/wiki/B._Traven (Autor B. Traven)

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