Marlantes: Was es heißt, in den Krieg zu ziehen (2013) – Besprechung

„In einer Gesellschaft, die streng zwischen ihren Gelehrten und ihren Kriegern unterscheidet, wird das Denken am Ende von Feiglingen und das Kämpfen von Narren übernommen werden.“ Dies ist das erste Motto des Buchs, Zitat eines spartanischen Königs nach Thukydides – und indirekt der Appell des Autors Karl Marlantes, der als Marine in Vietnam gekämpft hat und sich anschließend damit schwergetan hat, was er als Soldat erlebt und wie man ihn (z.T. nicht) wieder in die Gesellschaft aufgenommen hat: diese unselige Unterscheidung zu vermeiden. Die Plausibilität des Mottos ist groß, wenn man nicht meint, man könne das Kämpfen abschaffen. Es ist wichtig, über die Zivilisierung des Kämpfens nachzudenken, wenn man es schon nicht abschaffen kann; ob alle Gedanken Karl Marlantes’ richtig sind, ist eine andere Frage. Sein Buch ist eindringlich geschrieben und zeigt dem Nachdenkenden, dass wir für viele seiner Fragen keine Antwort wissen.

Zentral ist Marlantes’ These, dass die kriegerische Auseinandersetzung eine mystische Erfahrung ermöglicht:

  • sich des eigenen unvermeidlichen Todes bewusst sein,
  • sich völlig auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren,
  • den Wert des Lebens Fremder höher als den des eigenen Lebens schätzen,
  • Teil einer größeren religiösen Gemeinschaft sein.

„Der große Unterschied besteht darin, dass ein Mystiker den Himmel sieht und ein Soldat die Hölle.“ (S. 24) Das liegt vermutlich daran, dass der Krieger nur den Wert des Lebens seiner Kameraden und seiner Landsleute höher schätzt als sein eigenes Leben, dass „der Feind“ dagegen zumindest geschlagen, wenn nicht vernichtet werden soll. – Folgerichtig spricht Marlantes davon, dass man als Soldat den Tempel des Mars betritt (S. 15 ff.) und dass der Soldat eine Initiation erleben muss, damit das Töten begrenzt bleibt und eine Rückkehr ins Zivilleben möglich ist. Dass man den Feind als Menschen und nicht als Untermenschen betrachten, dass man seinem Tod mit respektvoller Trauer und Mitgefühl begegnen soll, gehört zu Marlantes’ Einsichten.

Vieles, was Marlantes schreibt, ist jedoch nicht zu Ende oder nur auf dem Niveau von Küchenrezepten gedacht. So sagt er, „dass wir weniger unter Schuldgefühlen leiden, wenn wir mit edlem Herzen und für ein höheres Gut kämpfen“ (S. 82) – aber bereits am Beispiel der Kriege George W. Bushs (S. 83 f.) sieht man, wie problematisch es ist, seinen Grundsatz in der Praxis anzuwenden. Das zeigt sich auch in den Ausführungen über die Treue des Soldaten (S. 182 ff.): In der Selbstaufgabe schwäche man auch die Fähigkeit, „wohlbegründete Urteile als Individuum fällen zu können“ (S. 183). „Man ist geneigter, in der Gruppe zu denken, und lässt sich viel leichter von unzutreffenden Annahmen und falschen Interpretationen der Wirklichkeit leiten.“ (S. 184) Und klar umschreibt er ein unauflösliches Dilemma: „Um effiziente und moralische Kämpfer zu sein, dürfen wir unsere Individualität und unsere Fähigkeit, allein zu entscheiden, nicht verlieren, gleichzeitig aber schulden wir nicht nur uns selbst Loyalität, sondern auch den unbegreifbar großen Einheiten, die Menschlichkeit oder Gott genannt werden.“ (S. 185) Dieses Dilemma besteht meiner Einsicht nach jedoch aus einem anderen Zwiespalt: sich selbst treu sein (d.h. auch der Menschlichkeit oder Gott treu ein) – der eigenen Armee und ihren Befehlshabern treu sein; denn von denen kommen auch unsinnige oder unmoralische Befehle. Solche Lapsi dürften Marlantes nicht unterlaufen. Laienhaft ist das, was er über den „Schatten“ (nach C.G. Jung, S. 115 ff.), die drei Sorten Gräuel (S. 122 ff.) oder die zwei Sorten Lügen (S. 158 ff.) schreibt.

Es gibt noch manches, wozu man etwas sagen könnte; eindringlich wird das Buch dadurch, dass hier ein ehemaliger Soldat nicht nur seine Erlebnisse berichtet und reflektiert, sondern auch seine Fehler und Leiden bekennt und aus ihnen im umfassenden Sinn (bis hin zur Kindererziehung) zu lernen versucht. Das ist jedenfalls besser, als nur eine pazifistische Gesinnung zu pflegen und die Soldaten mit ihren Problemen allein zu lassen.

http://buzzaldrins.de/2013/08/11/was-es-heist-in-den-krieg-zu-ziehen-karl-marlantes/

http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/das-leben-als-nachkriegszeit-1.18164174

https://karthause.wordpress.com/2013/06/10/karl-marlantes-was-es-heist-in-den-krieg-zu-ziehen/

http://titel-kulturmagazin.net/2014/03/28/karl-marlantes-was-es-heisst-in-den-krieg-zu-ziehen/

http://www.deutschlandradiokultur.de/ein-anstaendiger-krieger.950.de.html?dram:article_id=251550

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/zwei-kriegsbuecher-von-karl-marlantes-und-ernst-juenger-kriegserklaerung-12600330.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 (Vergleich mit E. Jünger)

http://www.rezensions-seite.de/rezensionen/biographien-berichte/karl-marlantes-was-es-hei%C3%9Ft-in-den-krieg-zu-ziehen/

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