C. F. Meyer: Eingelegte Ruder – Analyse

Meine eingelegten Ruder triefen …

Text:

http://www.gedichte-lyrik-online.de/conrad_ferdinand_meyer-eingelegte_ruder-g558.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=280

http://www.wortwaerts.net/gedichte_conrad-ferdinand-meyer_eingelegte-ruder/

http://www.zgedichte.de/gedichte/conrad-ferdinand-meyer/eingelegte-ruder.html

Das Gedicht ist 1869 veröffentlicht worden. Es spricht ein lyrisches Ich, das in einem Boot auf einem See sitzt und nichts tut – es gibt sich dem Anblick der Ruder und seinen Gedanken hin.

Zunächst beschreibt das Ich, das gerade zu rudern aufgehört hat („Ruder triefen“, V. 1), was es sieht: die triefenden Ruder. Es spricht ruhig im Trochäus; jeder Vers ist ein Satz, der Paarreim verbindet sinnvoll „triefen – in die Tiefen“ (V. 1 f.); zudem sind „triefen – Tropfen“ (und damit auch die beiden Verse) im Stabreim verbunden. Das Bild ist jedoch nicht sauber: Wenn die Ruder triefen, dann fallen die Tropfen nicht langsam; auch wirkt der Plural „in die Tiefen“ gekünstelt, er verdankt sich dem Reimzwang.

Darauf wendet das Ich sich seinen Gefühlen, seiner Stimmung zu (2. Str.): Parallel in zwei Sätzen spricht es, in zweifacher Negation, von seiner völlig ausgeglichenen Stimmung an diesem vergehenden Tag (Präteritum): Es ist wie ein leeres Blatt. Das Bild der erster Strophe (die tropfenden Ruder) wird dabei aufgegriffen in der Metapher: „Niederrinnt …“ (V. 2). Das Niederrinnen spielt auf das Bild vom Fluss der Zeit an, der heutige Tag vergeht (Präteritum). Das Attribut „schmerzenlos“ (V. 4) greift allerdings nur eine der beiden Negationen aus V. 3 auf – wieder eine kleine formale Schwäche. Der fünfhebige Trochäus wird in V. 3 gestört, das zweite „Nichts“ wird nämlich an der Stelle einer unbetonten Silbe betont – dadurch ist eine Sprechpause vor diesem zweiten Satz erforderlich.

Mit seinem Blick folgt das Ich den fallenden Tropfen, dem niederrinnenden Heute: Es erblickt in der ferneren Vergangenheit „unter mir“ die schon vergangenen schöneren Stunden seines Lebens; mit der klagenden Injektion („ach …, V. 5) ruft es den Gegensatz Licht-Dunkel auf: Die Gegenwart ist noch im Licht, im Dunkeln ruht das Vergangene; durch das Verb „träumen“ wird dessen Sein als Schlaf und damit todesähnlich benannt. Das klagende „ach“ (V. 5) steht wieder an der Stelle einer unbetonten Silbe; da man es aber betont und danach eine kleine Pause macht, fügt es sich quasi wieder in den Rhythmus ein. Eine sch-Alliteration (V. 6) wird in „Stunden“ noch einmal aufgegriffen. Der Endreim ist semantisch sinnvoll, es sind ja die Stunden, die verschwunden sind.

Aus der Tiefe, wohin das Ich blickt, hört es das rufende Gestern (V. 7, parallel dem Heute, V. 4). Dieses Gestern kannte die schöneren Stunden des Ich-Lebens und fragt nun (wen – das bleibt offen), ob im Licht – und das heißt in Gegenwart und Zukunft – noch weitere schöne Stunden folgen (seine „Schwestern“, V. 8). Dass die Tiefe blau (und nicht schwarz) ist, macht sie zu einem Land der Träume (statt des Todes), in denen es noch Hoffnung geben kann: auf ein besseres Morgen. „Gestern – Schwestern“ ist ein sinnvoller Reim, wenn auch das Bild der Schwestern ein wenig gekünstelt ist, weil man zuerst die schöneren Stunden mit dem Gestern gleichsetzen muss, um die Frage zu verstehen. Während in der 3. Strophe der Satz sich über zwei Verse spannte, ist in der 4. wieder jeder Vers ein Satz, ruhig im fünfhebigen Jambus gesprochen. „Licht“ bekommt den stärksten Akzent im Satz, weil darauf die hoffnungsvolle Frage abzielt.

Mit diesem Gedicht von den fallenden Tropfen, dem Gegensatz von Dunkel und Licht, von Heute und Gestern (und Morgen) hat Conrad Ferdinand Meyer – trotz kleiner formaler Schwächen – ein bedeutendes Gedicht veröffentlicht; er war 43 oder 44 Jahre alt.

http://abgedichtet.org/?p=128 (dort das 5. Gedicht)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/eingelegte-ruder.430.html (Vortrag von Fritz Stavenhagen)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

P.S. Von heute an werde ich alle Beiträge auch in http://dito42.blogspot.de/ veröffentlichen – für den Fall, dass mir die WordPresserei am Editor eines Tages zu viel wird – damit ich dann ein bereits eingeführtes Blog habe.

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