C. F. Meyer: Möwenflug – Analyse

Möwen sah um einen Felsen kreisen …

Text:

http://www.mumag.de/gedichte/mey_cf14.html (späte Fassung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=1684&spalten=1&noheader=1 (zwei Fassungen)

Das „lyrische“ Ich ist weniger lyrisch als eher beobachtend und reflektierend: Es beobachtet am Meer das Spiel des Möwenflugs, sieht diesen zugleich im Wasser gespiegelt und wird davon so intensiv beeindruckt, dass ihm Realität und Spiegelbild verschwimmen und es seine eigene Realität in Zweifel zieht. 40 Jahre vor C. F. Meyer hatte die Droste ihr Gedicht „Das Spiegelbild“ geschrieben.

Das Ich beginnt also schlicht mit einer Beschreibung seiner Wahrnehmungen und tritt dabei selber zurück (nur zweimal „sah ich“, V. 1 f., V. 6). Dabei bekommt die Beschreibung des Spiegelbildes bereits doppelt so viel Platz wie die Beschreibung des Möwenflugs (8 : 4 Verse); die Übereinstimmung der beiden Bilder ist so groß, „Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit“ (V. 12 – das ist bei einer Spiegelung im Meer allerdings eher unwahrscheinlich). Hier fällt auf, dass das Spiegelbild als „Trug“ disqualifiziert wird – damit wird die zweite Strophe vorbereitet, während wir normalerweise gute Spiegel schätzen, weil man darin „wirklich“ sehen kann, wie man aussieht.

Das Ich spricht zügig, die erste Strophe besteht nur aus zwei Sätzen; dabei sind die Partizipialkonstruktionen in V. 3 und 4 relativ selbständig, auch der Neuansatz in den dass-Sätzen (V. 10, 12) erzeugt eine kleine Pause, sonst aber geht es in einem Atemzug durch. Die Inversion des „Ich“ (V. 2) ist durch den Trochäus bedingt; die Reimformen wechseln von Paar- (V. 1-4) über Kreuz- (V. 5-8) zu umarmendem Reim (V. 9-12); auch semantisch sind das kleine Blöcke: Beobachtung des Möwenflugs, Beobachtung des Spiegelbildes, Erklärung der Gleichheit, zweimal mit „Und“ angeschlossen (V. 5, 9).

Es fallen einige Alliterationen auf: g- (V. 2) mit Assonanz, sch- (V 3 f.) mit Fortsetzung der ei-Laute. Die Reime sind meist semantisch sinnvoll, was sich am schönsten in V. 9/12 zeigt: des Spiegels Klarheit / Trug und Wahrheit; ebenfalls: die Flügel hoben / in Lüften oben (V. 10 f.) und andere Reime.

Zwei kleine Schwächen sehe ich in der ersten Strophe: das Substantiv „Gleise“ (V. 2) passt nicht recht für den Vogelflug, drückt jedoch auf seine Art die Gleichheit der geflogenen Kurven aus; auch „unermüdlich“ (V. 2) stört ein wenig, es ist hier auf „gleichen“ bezogen, kann sich eigentlich jedoch nur auf das Tun eines Täters beziehen (bräuchte also noch ein „geflogen“ o.ä.).

Die Gleichheit von Geschehen und Spiegelbild wird dreimal herausgehoben, im Pronomen „dieselben“ (V. 6), im Adverbial „nicht anders“ (V. 10) und im Prädikat „sich völlig glichen“ (V. 12), wobei dann eben der Gegensatz „Trug und Wahrheit“ den Anlass für weitere Überlegungen bietet: die 2. Strophe. Der gleiche Gegensatz wird dort mit „Schein und Wesen“ (V. 14), gespenstisch / echt (V. 16 f.), gemalt / abgespiegelt (V. 18), Fabeldinge / [zu ergänzen: Wirklichkeit] (V. 19 f.) umschrieben, dreimal also als etwas, was im betrachtenden Ich ein „Grauen“ erzeugt angesichts der Gleichheit (vgl. noch „so verwandt“, V. 14, neben der Gleichheit aus der 1. Str.) der Phänomene.

In der zweiten Strophe wird das Sprechen im zweiten Teil langsamer: Die verwunderten Fragen machen jeweils einen Vers aus (V. 17 ff.), während zuvor noch je zwei Verse einen Satz bilden (V. 13 ff.). Die beiden ersten Reimpaare sind noch sinnvoll, wobei man wie meist für „Grauen / schauen“ den ganzen Satz (v.a. V. 14) heranziehen muss, bei „verharrend / starrend“ den V. 16.

Das Grauen erklärt sich eigentlich erst aus den Fragen am Schluss des Gedichtes: Der Betrachter bezieht die beobachtete Verwischung von Wirklichkeit und Spiegelbild auf sich selbst und weiß nicht mehr, ob er selber nun „real“ oder bloß Figur in einem Spiegelkabinett ist. Ich finde die Parallele zwischen den gespiegelten Vögeln und dem vielleicht nur ein Spiegelbild seienden Ich in V. 17 („beflügelt“) und V. 20 („in deinen Schwingen“) etwas zu heftig bildhaft überzogen; die zweite Fassung des Gedichts (1883) ist deutlich besser als die erste (1881), auch wenn sie an nur wenigen Stellen verändert ist. – Die gleiche Irrealitäts–Erfahrung oder –Befürchtung, die das Thema des Gedichts ausmacht, wird im Film „Matrix“ vorgeführt; auch St. Lems Roman „Der futurologische Kongress“ vermittelt einen ähnlichen Schrecken.

https://www.youtube.com/watch?v=X5PwzVpvkDk („Der futurologische Kongress“ als Hörspiel)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (C. F. Meyer: sämtliche Gedichte)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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