C. F. Meyer: Schwarzschattende Kastanie – Analyse

Schwarzschattende Kastanie …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=298

http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=16995 (mit Bild)

Ein Dinggedicht über eine mächtige Kastanie, die es dem Ich angetan hat. Die Überschrift „Schwarzschattende Kastanie“ taucht im Gedicht noch viermal als Anrede auf („Du“, V. 3, u.ö.); das zeigt die Bedeutung der Kastanie, aber auch dieser Formulierung an. Sie weist eine sch-Alliteration auf und wird vom a-Laut bzw. von einer Abfolge a-e beherrscht (a-a-a-e-e / a-a-i-e); sie wirkt wie eine ruhige Beschwörung des Baums, dessen Bedeutung in drei Anläufen herausgestellt wird, jedesmal durch die Zauberformal abgeschlossen (V. 5, 10, 18).

Die erste Bedeutung ist „Mein windgeregtes Sommerzelt“ (V. 2); die Kastanie spendet Schatten, wenn sie sich im Sommerwind bewegt. Sie wird vom Ich angesprochen und gepriesen. Rätselhaft ist zunächst das Adverb „zur Flut“ (V. 3); die Schwierigkeiten lösen sich, wenn man das Wort bildlich versteht: Das weite Geäst senkt sich wie ein große Flut (V. 3 f.). Dieses Bild wird dann weiter ausgebaut: Das Laub trinkt (V. 4): im Porte (Hafen – laut DWDS seit dem 18. Jh. nur noch bildlich: „Ort der Zuflucht und der Sicherheit“) badet die junge Vogelbrut (V. 6 f.); Kinder „schwimmen“ (= klettern) im Gitter des Blattwerks (V. 8 f.). – Die ist bereits die zweite Bedeutung der Kastanie: Sie ist auch anderen Wesen ein Ort der Zuflucht.

Der Ich-Sprecher hat einen vierfüßigen Jambus gewählt, in dem er zügig spricht (öfter Enjambements, V. 3, V. 6 usw.); drei Sätze machen das ganze Gedicht aus. Nur die gegen den Takt betonte Silbe „Schwarz-“ hemmt viermal das Tempo ein wenig. Ein Reim liegt nicht vor.

Die dritte Bedeutung der Kastanie wird ab V. 11 aufgezeigt: Im Dunkel der Kastanie erlischt am Abend das Licht („Ein Blitz“) der Schiffslaterne. Hier scheinen See und Abendboot (V. 11 f.) nicht zum Bildbereich Kastanie-Flut zu gehören, sondern reale Landschaft und Ding zu sein; denn hier wird zwischen Flut und Laub unterschieden (V. 15 f.). Der Lichtblitz geht im Dunkel der Kastanie unter, das Rätsel seiner „Flammenschrift“ (V. 17) erlischt und hört damit auf. Vielleicht kann man bei der Flammenschrift an die Unheil drohende Schrift des Buches Daniel denken (Daniel 5), welche den Untergang von Belsazars (Belschazzars) Reich ankündigte: Mene mene tekel u-parsin. Sie wäre dann hier metaphorisch aufgegriffen: die Kastanie als Ort der Rettung vor allem Unheil – das passte gut zu ihrer Bezeichnung als „Port“ (V. 6).

Das Gedicht ist vor 1874 entstanden, 1882 veröffentlicht worden. Es setzt der schwarzschattenden Kastanie ein großes Denkmal.

https://de.wikipedia.org/wiki/Dinggedicht (Dinggedicht)

http://wortwuchs.net/dinggedicht/ (dito)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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