C. F. Meyer: Stapfen – Analyse

In jungen Jahren war’s. Ich brachte dich …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=300&spalten=1&noheader=1 (beide Fassungen)

http://nddg.de/gedicht/19693-Stapfen-Meyer.html (frühe Fassung)

Auch von diesem Gedicht C. F. Meyers gibt es zwei Fassungen; diesmal halte ich allerdings die frühe Fassung (vor 1865, 1869 veröffentlicht) für besser als die spätere (1881 veröffentlicht), da die epische Idee [die in sich vergänglichen Spuren oder Stapfen sagen die Wahrheit] besser ist, auch sachlich glaubwürdiger oder plausibler – und nicht so besserwisserisch wie die zweite Fassung (dort V. 15 f.!). Ich halte mich hier deshalb an die frühe Fassung des Gedichtes „Stapfen“.

Der Ich-Erzähler blickt zurück auf ein Ereignis seiner Jugendzeit: „In jungen Jahren war’s.“ (V. 1) Die Stapfen (Überschrift) sind die dem feuchten Waldboden eingeprägten Fußabdrücke seiner Begleiterin – eine Reisende, die er ins Nachbarhaus zurückgebracht hat. Sie begegnen ihm, als er nach dem Abschied, „Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn“ (V. 17), den gleichen Weg allein zurückgeht. Sie verraten ihm das Wesen der umschwärmten Frau: „wandernd, reisehaft, / Schlank, rein, walddunkel“ (V. 22 f.), sie lassen ihr Bild vor ihm entstehen (V. 26 ff.). Als der Regen stärker wird, verwischen sich Spuren, was dem erlebenden Ich die traurige Gewissheit gab: Das waren die „Spuren deines letzten Gangs mit mir“ (V. 34).

Das ist die zauberhafte Geschichte einer flüchtigen Liebe zu einer Fremden und ihrer alsbald folgenden Enttäuschung. Sie blickt „traulich“ (V. 5), mit durch die Kapuze verhüllter Stirn (V. 4 f.). Diese Verhüllung wird metaphorisch aufgegriffen: „Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug / Das Angesicht verhüllend“ (V. 11 f. – die nahe Trennung ist Dativobjekt zu „verhüllend“). Das Ich gibt sich trotzdem der sehnsuchtsvollen Hoffnung hin, sie bald wiederzusehen (V. 16 f.); an ihren Spuren (Stapfen) erkennt er ihr Wesen: „wandernd, reisehaft“ (V. 22), doch er hält an seiner Hoffnung fest: „Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.“ (V. 29) Dieser Satz ist doppeldeutig, da einmal zwar ihr Bild erscheint, es aber nur als „Traumgestalt“ (wieder doppeldeutig: schön wie ein Traum nur ein Traum) vorübergeht (doppeldeutig!) – so dass die Wahrheit sich ihm bald in seiner Traurigkeit erschließt: Das waren die sich verwischenden Spuren ihres letzten Gangs mit ihm (V. 32 ff.).

Das Ich erzählt in einem fünfhebigen Jambus; die Versgrenzen sind syntaktisch durchweg überschritten und werden auch nicht durch Reime betont – ein modernes Gedicht. Gelegentlich wird der Takt durch Betonung einer Silbe am Versanfang gestört, was den Rhythmus des Gedichts ausmacht (Du, V. 4; Naß, V. 6; Dort, V. 13, u.ö.).

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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