C. F. Meyer: Lenzfahrt (1880) – Analyse

Am Himmel wächst der Sonne Glut …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=484

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/meyer_gedichte_1882?p=24

https://de.wikisource.org/wiki/Lenzfahrt

In diesem 1880 veröffentlichten Gedicht spricht ein lyrisches Ich weniger lyrisch als meditativ. Es beginnt (scheinbar) mit der Beschreibung einer gerade (Präsens!) erlebten Frühlingssituation: Sonnenschein, Leben am See, ein Segelboot. „Mir schwillt das Herz wie Segeldrang“ (V. 4), das Erleben des Ichs ist frühlingshaft, der Vergleich des eigenen Fühlens mit einem schwellenden Segel („wie Segeldrang“, V. 4) ist originell; hier ist das Ich noch ganz in die (vielleicht nur erdachte?) Frühlingssituation einbezogen.

Das Ich spricht im vierhebigen Jambus, im Kreuzreim; jeder Vers ist syntaktisch selbständig – das in dem Reimversen erfasste Geschehen ist insgesamt frühlinghaft, insofern sind die Reime semantisch sinnvoll. Aus dem Takt fällt „Auf-“ (V. 2) heraus, es ist das gleiche „Auf-“ wie im Gedicht „Der römische Brunnen“.

In den beiden folgenden Strophen wird die Frühlingssituation zum Anlass genommen, um über das Herz und seine unruhige Sehnsucht nachzudenken, vielleicht auch zu belehren: Die Aussagen sind allgemein gültig; sie betreffen (Präsens) jedes Herz, „das seinen Jugendtag versäumt [hat]“ (V. 6). Erklärt wird, woher die Unruhe stammt und was sie bedeutet. Das Prädikat „verdammt“ (V. 5) spricht von einer schicksalhaften Strafe, die darin besteht, „wandern“ zu müssen. Hier ist das Wandern nicht das romantische Ideal, wie es von Eichendorff immer wieder bedichtet worden ist, sondern eine Strafe wie bei Ahasver, die denjenigen trifft, der „seinen Jugendtag versäumt“ hat (V. 6). Das wird dann in der 3. Strophe expliziert: „Verscherzte Jugend ist ein Schmerz …“ (V. 9 ff.), weil das Herz dann immer nach seinem Lenz = Frühling = glückliche Jugend sucht.

Die scheinende Sonne und die schäumende Welle (1. Strophe) sind als Zeitbestimmungen in der 2. Strophe wieder aufgenommen. Sinnvoll sind die gereimten Verse 5/7 aufeinander bezogen; Schmerz/Herz (V. 9/11) sind ein traditioneller Reim, V. 10/12 sind semantisch wieder sinnvoll (der Sehnsucht Hort – sucht in einem fort: die Sätze passen zueinander, nicht die Wörter „Hort/fort“).

In der 4. Strophe merkt man, wie das nachdenkende Ich seine Theorie vom Ursprung der Sehnsucht auf sich selbst („mir“, V. 13) anwendet – und damit vermutlich zum Ziel seines Nachdenkens kommt: sich selbst in seiner Unruhe zu verstehen und auch ein wenig zu trösten, vielleicht auch sein unruhiges Sehnen zu rechtfertigen: Ich muss voller Sehnsucht „wandern“, weil meine Jugend verpfuscht war. – Wie weit hier im Ich der Dichter von sich spricht, lasse ich offen, weil ich von seinem Leben zu wenig weiß; C. F. Meyer war Mitte 50, als er das Gedicht schrieb bzw. veröffentlichte.

Jedenfalls ist das Gedicht – vom Ich aus gesehen – ein Altersgedicht: Noch kurz vor seinem Tod (V. 13 f.) muss das Ich „wandern gehn“ (V. 16) und seinen Frühlingsgefühlen nachgeben, wenn der Frühling kommt (V. 15, vgl. V. 1-4). Die reimenden Verse 13/15 sind in ihrer Spannung miteinander verbunden, ebenso die Verse 14/16. Dieser Gegensatz von Altersstatus und Frühlingslust mitsamt seiner Erklärung ist der thematische Kern des Gedichts. Das Gedicht ist wie ein Emblem aufgebaut: Bild (1. Str.) Erklärung (2. und 3. Str.) Anwendung (4. Str.).

Ob nur diejenigen von Sehnsucht geplagt werden, die ihre Jugend versäumt haben, sei dahingestellt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChling#Wirkung_auf_den_Menschen (Frühlingsgefühle)

http://www.onmeda.de/psyche/fruehlingsgefuehle.html (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Wandermotiv (Wandermotiv)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Wanderung (Wandern als Motiv und Symbol)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Weg (Weg als Motiv und Symbol)

https://norberto42.wordpress.com/tag/eichendorff/ (Eichendorff: Der Unbekannte)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte (Gedichte, 1892)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s