C. F. Meyer: Nachtgeräusche – Analyse

Melde mir die Nachtgeräusche, Muse …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=293

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/meyer_gedichte_1882?p=22

https://www.youtube.com/watch?v=pP_VLMkyIAM (Vortrag)

http://www.srf.ch/play/radio/lyrik-am-mittag/audio/conrad-ferdinand-meyer-nachtgeraeusche?id=6aa6d2e4-9d81-40b7-a6e0-cf9ab24eb624 (dito)

http://www.podcast.de/episode/221200246/11+-+Nachtger%C3%A4usche+by+Conrad+Ferdinand+Meyer+%281825-1898%29/ (dito)

 

Es gibt eine große Interpretation (s.u.), deshalb beschränke ich mich jetzt auf das Wesentliche: Das lyrische Ich beginnt mit einer Anrufung der Muse, parallel dem Beginn der „Odysse“: „Den Mann nenne mir, Muse …“ – hier geht es beinahe banal um die Nachtgeräusche – soll man von einem Dinggedicht sprechen? Der Ich-Sprecher führt sich als „Schlummerlosen“ ein (V. 2), weshalb er die Nachtgeräusche hören kann und muss: Sie „fluten“ (V. 2), es sind viele Geräusche, die ungefragt auf den Ruhe Suchenden eindringen. In elf sechshebigen Trochäen vermeldet der Sprecher, welche es sind.

Von den Geräuschen spricht er in zwei Schritten. Die ersten Geräusche sind die normalen Laute der Nacht, sie werden aufgezählt (Erst – Dann – Dann, V. 3-5); es sind bekannte Geräusche (traut, V. 3; abgezählt, V. 4; Zwiegespräch, V. 5), sie haben ihre Ordnung, sie passen ins normale Leben.

Den zweiten Schritt beginnt er mit der gleichen Fortsetzung „Dann“ (V. 6), um das Ausbleiben einer Antwort mit dem Fragezeichen zu markieren. Dann folgt nichts, jedenfalls nichts Vertrautes, nichts Normales: „Nichts weiter als der ungewisse / Geisterlaut der ungebrochnen Stille“ (V. 6 f.). In diesem Paradox, dass die Stille als Laut, als Geisterlaut bezeichnet wird, eröffnet sich das Geheimnis des Nacht; es ist ein Geisterlaut: der Laut, mit dem sich die Geister melden, und deshalb ist es ein ungewisser Laut – an Stelle der gewissen Laute der Hunde, der Uhren, der Menschen. In drei Vergleichen versucht der Sprecher das Geheimnis des Geisterlauts zu ergründen (V. 8-10): Es sind drei fremde Geräusche, sie stehen außerhalb der Ordnung der Spreche – sie „sagen“ nur: Das ist etwas, da geschieht etwas; mehr sagen sie nicht. – Hinter V. 6 finden wir das einzige echte Enjambement des Gedichtes; vielleicht wird man hinter V. 6 eine minimale Pause im Sprechen machen, um die Ungewissheit des Ungewissen herauszuheben.

Im letzten Vers greift der Sprecher das Signal seines Aufzählens auf: „Dann“ (V. 11), dann folgt „der ungehörte Tritt des Schlummers“, der kommt und den Schlummerlosen doch umfängt: Die geheimnisvollen Geräusche der Stille waren ein Übergang, damit der von selbst und unmerklich („der ungehörte Tritt“) kommende Schlaf sich einstellen kann – der kleine Untergang des Ichs, das die Kontrolle über das Geschehen verloren und die Welt und ihre Laute vergessen hat. Im Sprechen dominieren zum Schluss die dunklen u-Laute, sie sind Geisterlaute. Reime gibt es im Gedicht nicht – das wäre zu viel Ordnung vor den Toren der ungebrochnen Stille.

In diesem Gedicht versucht C. F. Meyer das Geheimnis des Einschlafens nicht zu ergründen, aber seine Erfahrung zu umschreiben. Dieses Unterfangen war so schwierig, dass der Sprecher die Muse anrufen musste, um daran nicht zu scheitern.

 

http://www.schneid9.de/literatur/nachtgeraeusche.html (große Interpretation)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte (Gedichte, 1892)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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