C. F. Meyer: Chor der Toten – Analyse

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=272

http://www.mumag.de/gedichte/mey_cf15.html

http://www.gedichte-lyrik-online.de/conrad_ferdinand_meyer-chor_der_toten-g697.html

Es spricht oder singt ein Chor der Toten. Die Toten, das sind normalerweise die eine Zeitlang Betrauerten und dann Vergessenen. Hier bringen sie sich zu Gehör bei den Lebenden, behaupten ihren Platz in der Geschichte und fordern zum Schluss die gebührende Anerkennung.

Das Gedicht besteht aus 14 Versen, die jeweils im Paarreim miteinander verbunden sind. Den Takt erkenne ich als einen Daktylus mit Auftakt, dessen letztem Fuß eine Silbe fehlt, so dass am Versende eine kleine Pause eintritt; auch dass eigentlich immer (selbst V. 1 ist auf seine Art ein ganzer Satz) das Versende mit einem Satzende zusammenfällt, bringt etwas Ruhe in das beschwingte Sprechen.

Die Toten sagen zu Beginn, dass sie „sind“; das tun sie ja auch schon damit, dass sie überhaupt die Lebenden ansprechen: Sie sind zahlreicher als die Lebenden, „größere Heere“ (V. 1) – „Heere“ hat hier keinerlei militärische Bedeutung, sondern meint einfach „große Anzahl, Unmenge“ (DWDS). Auf „Heere“ reimt sich „ihr auf dem Meere“ (V. 2) etwas gekünstelt. Die Pronomen „Wir“ und „Ihr“ in der Spitzenstellung bekommen jeweils einen starken Akzent (V. 1, 3, 4, 13), wodurch der Unterschied der beiden Gruppen betont wird.

In den folgenden fünf Doppelversen beanspruchen sie, die Grundlagen des heutigen Lebens, des Lebens der Lebendigen gelegt zu haben. Das wird in mehreren Aspekten und Bildern entfaltet: Pflügen und Ernten (V. 3 f.); Bild des belebenden Brunnenwassers (V. 5 f. – gekünstelte Wortwahl „Bronnen“, V. 6); Fortsetzung oder Weiterleben der alten Beziehungsmuster (V. 7 f. – ob das immer ein Grund ist, sich zu rühmen?); Formulierung immer noch gültiger Sätze (V. 9 f. – sehr sinnvoller Reim, ähnlich in V. 7 f.); Schaffung überragender Kunstwerke – sie „erkämpfen den Lorbeer“ vor der späteren Kunst, sie haben klassische Geltung (mit sinnvollem Reim in V. 11 f.).

Der Abschluss des Gedichtes ist für mich rätselhaft: „Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele“ (V. 13) – erstens weiß ich nicht, wie die Toten etwas suchen könnten, und zweitens verstehe ich nicht, welche menschlichen Ziele das sein sollen – wo doch die gültigen Sätze und die Kunstwerke ebenso ausscheiden wie die geduldigen Taten und die vollendeten Werke (V. 3-12). Darauf folgt eine merkwürdige Aufforderung: „Drum ehret und opfert!“ Das Adverb „Drum“ müsste sich auf den vorhergehenden Satz beziehen; aber es ist kaum sinnvoll, für das andauernde Suchen Ehre und Opfer einzufordern, und das Totenopfer ist ohnehin etwas spezifisch Ägyptisches gewesen, also als Forderung kaum verständlich – man kann das Adverb daher sinnvoll nur auf die Verse 3-12 beziehen. Das folgende „Denn“ entbehrt, falls man es kausal versteht, auch jeder Logik: Die Vielzahl begründet nichts – vielleicht sollte man hier einfach die anfängliche Selbstvorstellung (V. 1 f.) zum Abschluss wiederholt finden und „Denn“ im Sinn einer Verstärkung lesen: „Als Adverb wird denn jetzt lediglich zur Intensivierung einer Frage oder Aussage verwendet.“ (Etymolog. Wörterbuch im DWDS)

Das 1883 entstandene Gedicht wirkt befremdlich, weil die Toten sprechen und nicht nur Achtung, sondern auch Opfer einfordern. Am einfachsten versteht man es mit einem Satz Newtons: „Wenn ich weiter sehen konnte, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ (Brief an Robert Hooke) „Das Gleichnis von den Zwergen auf den Schultern von Riesen (oder: Giganten) ist ein Versuch, das Verhältnis der jeweils aktuellen Wissenschaft und Kultur zur Tradition und zu den Leistungen früherer Generationen zu bestimmen. Aus der Sicht traditionsbewusster Gelehrter erscheinen deren Vorgänger in vergangenen Epochen als Riesen und sie selbst als Zwerge. Die Zwerge profitieren von den Pionierleistungen der Vergangenheit. Indem sie dem vorgefundenen Wissensschatz ihren eigenen bescheidenen Beitrag hinzufügen, kommt Fortschritt zustande. Nur auf diese Art können die Zwerge die Riesen überragen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Zwerge_auf_den_Schultern_von_Riesen)

 

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte (Gedichte, 1892)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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