C. F. Meyer: In der Sistina – Analyse

In der Sistine dämmerhohem Raum …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=286

http://www.gedichte-lyrik-online.de/conrad_ferdinand_meyer-in_der_sistina-g698.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1892)/8.+Genie/In+der+Sistina

Bilder Gottes in der Sixtina:

https://en.wikipedia.org/wiki/Michelangelo#/media/File:First_Day_of_Creation.jpg (der 1. Schöpfungstag)

https://www.flickr.com/photos/hen-magonza/12502072674 (Trennung Licht-Finsternis)

http://www.malerei-meisterwerke.de/bilder/michelangelo-buonarroti-deckenfresko-zur-schoepfungsgeschichte-in-der-sixtinischen-kapelle-hauptszene-der-schoepfergott-scheidet-licht-und-finsternis-%28sonne-und-mo_-06842.html (Sonne-Mond) = https://norberto42.files.wordpress.com/2015/12/604b5-michelangelosixtinagottvatererschafftdiegestirne.jpg

https://www.flickr.com/photos/hen-magonza/12502072674 (Gott trennt Wasser-Erde)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Erschaffung_Adams#/media/File:Creaci%C3%B3n_de_Ad%C3%A1m.jpg (Die Erschaffung Adams)

https://www.bibelwissenschaft.de/fileadmin/buh_bibelmodul/media/wibi/image/am_WILAT_Verwandtschaft_3.jpg (Erschaffung der Eva)

„In der Sistina“ ist 1892 veröffentlicht worden. Es besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil wird beschrieben, wie der Künstler Michelangelo in der Nacht in der Sixtinischen Kapelle sitzt und mit jemandem spricht. Den zweiten Teil bildet seine Äußerung gegenüber Gott, welche man nur in Grenzen ein Gebet nennen kann; denn er spricht „Bald wie mit einer allgewaltgen Macht, / Bald wieder wie mit seinesgleichen schier“ (V. 7 f.).

Der Sprecher tritt als Figur und Wissender völlig hinter dem zurück, was er berichtet; dass Michelangelo „in wachem Traum“ sitzt, kann man als paradoxe Erklärung nehmen, die den doppelten Vergleich (V. 7 f.) seines seltsamen Redens vorbereitet. Der Takt ist ein fünfhebiger Jambus mit Kreuzreim, der allerdings öfter durch Betonung der ersten Verssilbe gestört ist: „Sitzt“ (V. 3); „Laut“ (V. 5); „Bald“ (V. 7, 8) u.ö. – auch das „Ich“ (V. 11) würde ich dazu zählen. Die reimenden Verse sind nur in Grenzen semantisch sinnvoll aufeinander bezogen (im Raum / im Traum, V. 1/3; um die Mitternacht / mit gewaltiger Macht, V. 5/7; im zweiten Teil V. 9/11, V. 14/16, V. 17/19 und V. 18/20, V. 21/23 und V. 22/24). Die Sprache gehört einer höheren Ebene an, wie es dem Gegenstand angemessen ist: das Genie vor seinem Gott.

Michelangelo spricht zu Gott von seinen Bildern, die er von IHM gemalt hat, und stellt sich als ein Schöpfer dar: „Ich … gab dir Leib“ (V. 11 f.); im folgenden Vergleich stellt er seine Bilder neben die biblischen Erzählungen von Gott: „wie dieses Bibelwort“ (V. 12). Zwei Seiten Gottes habe er dargestellt, den stark Stürmenden und den barmherzig Entgegenschwebenden (V. 13 ff.). Stolz und demütig zugleich blickt er auf sein Werk: Ich schuf dich / „mit meiner nichtgen Kraft“ (V. 17). Darauf folgt die selbstbewusst-demütige Bitte: „Damit ich nicht der größre Künstler sei“ (! V.18), schaffe du mich nach deinem Bild, „rein und frei“ (V. 20). Diese Bitte klingt für einen Bibelleser erstaunlich – hat Gott doch den Menschen, also alle Menschen „nach seinem Bild“ oder „als sein Abbild“ (Gen 1,27) geschaffen. Michelangelo meint jedoch etwas anderes: Er will von seinen Leidenschaften (V. 19) frei und in dem Sinn „rein“ (V. 20) werden, was nur möglich ist, wenn Gott selbst ihn schöpferisch erneuert.

Diese etwas verworrene Vorstellung von „Schöpfung“ verdankt sich dem Gedanken Michelangelos bzw. dem Genie-Pathos C. F. Meyers, das mit dem Begriff „Schaffen/Schöpfung“ spielt und sich auf die Demuts-Formel bringen lässt: Ich schuf das gültige Bild des ewigen Seins (V. 9-16) – schaffe du mich nach deinem Bild rein; hier wird „schaffen“ in doppeltem Sinn gebraucht, außerdem wäre zu prüfen, ob das ewige Sein in Michelangelos Bildern gültig umgrenzt, also bestimmt (definiert) ist: Das Genie Michelangelo denkt sich nämlich Gott nach dem Bild des Künstlers.

In der letzten Strophe kommt wieder das enorme Selbstbewusstsein des Genies, das sich über die anderen Menschen erhebt, zur Sprache: Die Menschen sind bei der Schöpfung aus dem Ackerboden geschaffen worden (Gen 2,7); das Genie weiß sich aus härterem, beständigem Material bestehend: aus Stein (V. 21 ff.). „Bildhauer Gott“ (V. 24) ist neben „Meister“ (V. 23) eine Anrede, in der auch die Gemeinsamkeit des Bildhauers Michelangelo und des schöpferischen Gottes (im Bewusstsein Michelangelos) zum Ausdruck kommt: Der Stein wird nicht geformt wie Ton, sondern behauen – „schlag zu!“ (V. 24). Die anderen Menschen kehren im Tod zum Staub zurück (wie am Aschermittwoch und beim Begräbnis gesagt wird); die Werke des Genies haben dagegen Bestand; deshalb muss es aus Stein gemacht sein. Entsprechend wird zweimal das Pronomen „ich“ (V. 18, 22) gegen den Takt betont. Die Reime sind in diesen beiden Strophen durchweg semantisch bedeutsam: nichtige Kraft / Knecht der Leidenschaft (V. 17/19); die anderen aus Ton / bei mir brauchst du den Hammer schon (V. 21/23) usw.

Das Gedicht knüpft an den Ruhm der Sixtinischen Kapelle an, um ihren Maler als Genie zu feiern, dessen Schaffenkraft in Bezug zum göttlichen Schöpfer gesetzt wird, um die über-menschliche Position des Genies hervorzuheben. Der neuzeitliche Geniekult blühte um 1800 und klang dann wieder ab – Meyers Gedicht ist ein Nachklang vergangener Loblieder.

http://www.oppisworld.de/zeit/michelangelo/ (Michelangelo)

https://de.wikipedia.org/wiki/Genie (Genie)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte (Gedichte, 1892)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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