C. F. Meyer: Die Rose von Newport – Analyse

Sprengende Reiter und flatternde Blüten …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=497 (1891)

https://de.wikisource.org/wiki/Die_Rose_von_Newport

http://www.lyrik123.de/conrad-ferdinand-meyer-die-rose-von-newport-11388/

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1677 (frühe Fassung: Die Flucht Karls I., 1864)

 

Karl I. aus dem Haus Stuart war 1625-1649 König von England, Schottland und Irland. Er wollte absolutistisch gegen das Parlament regieren, was den englischen Bürgerkrieg auslöst, der mit Karls Hinrichtung und der zeitweiligen Abschaffung der Monarchie endete.

Newport ist eine Hafenstadt in Südwales. Erzählt wird von zwei überaus verschiedenen Einzügen Karls in Newport: einmal als Price of Wales, einmal als geschlagener König im Bürgerkrieg. Vom Kontrast der beiden Erzählungen lebt das Gedicht – es geht weniger um die Person Karls I. als um den Weg, eher um den Schritt oder Sprung vom Erfolg zum Untergang eines der Großen.

Im ersten Teil der Ballade wird also vom triumphalen Einzug des Prinzen Karl in seine Stadt Newport erzählt: Karl reitet an der Spitze seines Gefolges auf Newport zu (V. 1-7). Der vierhebige Daktylos ahmt sozusagen den Trab oder Galopp der Reiter nach, am Ende der Verse fehlt die dritte Silbe des Daktylos, was eine kleine Pause nahelegt. Die Partizipien in V. 1 machen den Vorgang gegenwärtig; die rhetorische Frage in V. 3 dient im Vergleich dazu, das Aufstrebende des jungen Mannes zu umschreiben. Mit der Konjunktion „Und“ (V. 5) wird zum Ziel des Rittes übergeleitet: Newport, als dessen Wappenemblem die Rose erstmals genannt wird (Titel!).

Szenenwechsel: Karl ist in Newport angekommen und wird begeistert empfangen (dreimal „jubelnd“, einmal „treibend“, wieder Partizip I, V. 8-10).

Szenenwechsel: Ein Zug schöner Mädchen begrüßt den Prinzen; er bekommt von der Schönsten die Rose von Newport mit dem Segenswunsch für Glück alle Zeit (V. 11-16). Der Segenswunsch ist die einzige Stelle, wo sich zwei Verse reimen (V. 15 f.). – In dieser dritten Szene greifen die zwei Partizipien „blühend“ (wie auch das geschwellte Herz, V. 9 f.) die Frühlingsmetapher der ersten Szene auf (Blüten, V. 1; „der Lenz“, V. 3).

Es folgen zwei abgesetzte Verse, die einen dunklen Vorgriff des Erzählers auf „Morgen“ enthalten, der den Segenswunsch des Mädchen zumindest relativiert (das Märchen von „der entblätterten Rose von Newport“, V. 17 f) – das glückliche Heute bleibt unangetastet. Dass die Linden ein Märchen erzählen werden, scheint bittere Ironie zu sein – die entblätterte Rose deutet auf nichts Gutes hin.

Den zweiten Teil des Gedichts legt man am besten ausgedruckt neben den ersten, um Gleichheit und Unterschiede der beiden Teile leichter erfassen zu können: Erzählt wird von einem erneuten Eintreffen Karls in Newport, etwa 25 Jahre nach dem ersten. Karl ist König und hat das Land in einen Bürgerkrieg geführt („das Blut seines Volkes vergossen“, V. 23). Wieder wird dieses Eintreffen in drei Szenen dargestellt, analog dem ersten. Doch statt flatternder Blüten nun wirbelnde Flocken (V. 19), statt gescheitelter Locken nun verwilderte Haare (V. 20), statt des Frühlings der Winter (V. 21) usw. Zur Erklärung von Karls Situation dienen die beiden Verse 23 f.; dass er am „Abgrund“ reitet, deutet schon an, was auf ihn zukommt.

In der zweiten Szene, die ebenfalls um einen Vers erweitert ist (V. 29), dominieren die Negationen (zweimal „nirgend“, V. 28) und das Bild des kalten Eisens (Hämmer, Feilen, Metapher „eisern“, V. 29 f.); das Herz ist gepresst statt schwellend (V. 30), die Attribute „polternde“, „kreischende“, „ächzendes“ kommen aus dem Bereich des Hörens, sind allesamt negativ besetzt.

Entsprechend tritt in der dritten Szene nur ein armes Kind mit einem verdorrten Röschen auf (V. 32-36); V. 32-34 sind um einen Vers gekürzt (der Reigen der blühenden Gestalten fehlt), dafür folgen drei Verse (V. 37-39), in denen erzählt wird, wie Karl diese Szene erlebt: Er erkennt im Spiegel des armen Kindes sich selbst „und schaudert“: Er sieht sein schreckliches Ende voraus. Dass ein elendes Kind den gleichen Segensspruch wie das Mädchen vor 25 Jahren ausbringt, ist ein objektive Ironie: Das dorrende Röschen (V. 34) widerspricht den Worten des Kindes.

Folgerichtig deutet der Erzähler in seinen beiden Schlussversen an, was „morgen“ sein wird: die Enthauptung des Königs.

Es ist eine Parabel von Aufstieg und Fall jenseits aller historischen oder politischen Analysen, die hier erzählt wird. Am Ende stürzt der gescheiterte König, am Ende fällt sein Kopf. Es ist eine Parabel vom Anfang und Ende, von Frühling und Winter eines Lebens (und von der Kraft dieser Metaphern).

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Englischer_B%C3%BCrgerkrieg (Englischer Bürgerkrieg)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte (Gedichte, 1892)

http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/meyer_gedichte_1882 (Gedichte, 1882)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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